Matthias Rohl
27. Oktober 2009

Filmgeschichte(n): „The Pervert’s Guide To Cinema“

Wie sollen wir begehren? Slavoj Žižek über die Tücken cineastischen Genießens

Slavoj Žižek, von Adepten gerne als „Elvis der Kulturtheorie“ bezeichnet, ist nicht nur Professor für Philosophie an der Universität Ljubljana in Slowenien, sondern einer der faszinierendsten, eigenwilligsten und streitbarsten Denker der Gegenwart. Seine Schriften und vor allem seine Auftritte sind legendär – sie verströmen das hyperaktive Fluidum des getriebenen Neurotikers, der immer stark verschwitzt, wild gestikulierend und mit leicht lispelndem Akzent sein Publikum in knatterndem Englisch mit rasanten Berg- und Talfahrten zwischen hoher Theorie und profanem Alltag zu fesseln und bestens zu unterhalten versteht. So auch in seinem neuesten Streich „The Pervert’s Guide To Cinema“, einer dokumentarfilmischen Tour de Force in Kooperation mit der Regisseurin Sophie Fiennes, der Schwester der Schauspieler Ralph und Joseph.

“The Pervert’s Guide To Cinema”, Plakatmotiv

Freudenfest für Kinofreaks: „The Pervert’s Guide To Cinema“, Plakatmotiv

Seine öffentlichen Auftritte haben Žižek den Ruf des „global operierenden Philosophie-Entertainers“, „Katheder-Catweazles“ und „Theorie-Tanzbärs“ eingebracht, der rhetorisch brillierende Gedanken-Bocksprünge zwischen Hegel und Hitchcock, Foucault und Fistfucking, Marx und Matrix, Lenin und Lynch, Kloschüsseln und Metaphysik vollführt. Wer sonst würde sich trauen, das komplexe Konzept des „Phallus“ in der Psychoanalyse mit dieser für ihn typischen Pointe zu erklären: „Was ist der leichteste Gegenstand der Welt? – Der Penis, weil er der einzige ist, den ich durch einen bloßen Gedanken zu heben vermag.“ Žižek ist der unangefochtene Popstar der Philosophie und gibt uns unermüdlich seine vibrierend-skurrile One-Man-Show.

Wir müssen erst lernen, uns nach etwas zu sehnen

Die furios und leidenschaftlich vorgetragene „Guerrilla-Philosophie“ (FAZ) des slowenischen Philosophen bietet uns seit zwei Dekaden beste Unterhaltung auf höchstem gedanklichen Niveau – das ist in seiner jüngsten filmischen Performance nicht anders. Der Denker durchschreitet hier Original-Schauplätze und nachgestellte Sets; so entsteht die vergnügliche Suggestion, die Deutung sei Teil der Plots. Ein echter Clou der Regisseurin! Der Laibacher Lacanianer liebt den krachenden Auftakt: „Für einen intelligenten Menschen funktioniert das Denken im Kino wie ein Sexspielzeug: Es steigert den Genuss und sorgt erst für maximales Vergnügen.“ Wie lässt sich der Kern seines psychoanalytischen Film-Denkens auf engsten Raum nachzeichnen? Etwa so: Unser Problem ist nicht, ob unsere Sehnsüchte befriedigt werden, sondern woher wir wissen, was wir ersehnen. Sehnsucht ist zutiefst künstlich. Wir müssen erst lernen, uns nach etwas zu sehnen.

Slavoj Žižek

„Wenn Sie nach dem suchen, was in der Realität realer als Realität selbst ist, dann beschäftigen Sie sich mit filmischer Fiktion“: Slavoj Žižek erklärt das Universum

Das Kino, provoziert Žižek, sei eine völlig perverse Kunstform. Es gebe nicht, was man sich wünscht, sondern lehre die Sehnsucht. Wir brauchen also das Alibi cineastischer Fiktionen, um zu inszenieren, was wir wirklich sind. Wie das? Einmal richtig in Fahrt, groovt sich der Filmfreak ein für seine heiße Botschaft – und gibt uns ein typisches Beispiel seines wilden Denkens: „Beim Sex sind nicht nur ich und mein Partner beteiligt, es muss dabei immer ein phantasmatisches Element geben. Es muss ein drittes imaginäres Element geben, das mich in die Lage versetzt, mich sexuell zu betätigen. Ich möchte mal eine unangenehme Erfahrung ansprechen, die wohl die meisten von uns kennen. Es kann passieren, dass man sich, während man sich sexuell betätigt, plötzlich albern vorkommt. Man verliert den Kontakt damit. In der Art: Was, mache ich denn da, was für dämliche Bewegungen? In der Realität hat sich in diesen seltsamen Momenten, in denen ich das erlebe, nichts geändert. Nur habe ich die Unterstützung des Phantasmas verloren.“

Das Reale der Illusion

Doch warum braucht die Libido, jene dunkle, einst von Psycho-Pionier Sigmund Freud instruktiv rekonstruierte Energie, das virtuelle Reich der Phantasie? Warum gelingt es uns nicht dauerhaft, den Sexualpartner als solchen zu genießen? Ist der Mensch das Tier, das Illusionen braucht, um sich vor den Zumutungen der Realität zu schützen? Jedenfalls baut Žižek auf einige der haltbarsten Klassiker des Autorenfilms, um seine Schlüsselthese zu illustrieren: Chaplin, Hitchcock, Tarkowski, Kieslowski, Coppola, Lynch. Und er zeigt, dass uns das Kino als die Kunst der Erscheinungen etwas über die Realität der Illusionen selbst erzählt: „Ich spiele gern mit diesen alten Klassikern. Der Standard des Alten lässt uns das Neue ermessen.“ Die Lichtspielkunst ist zutiefst ambivalent, Züchtung und zugleich Zähmung „realer“ Illusionen. Für den Provokateur ist klar, woher die Faszination Film rührt: „Um die Welt von heute zu verstehen, brauchen wir das Kino. Nur im Kino finden wir diese entscheidende Dimension, für die wir in unserer Realität nicht bereit sind. Wenn Sie nach dem suchen, was in der Realität realer als Realität selbst ist, dann beschäftigen Sie sich mit filmischer Fiktion.“

“The Pervert’s Guide To Cinema”, Szenenfoto

Querdenker auf dem Parforceritt durch die Welt der phantasmatischen Elemente: Slavoj Žižek

Warum greifen Hitchcocks „Vögel“ eigentlich an? Was lernen wir aus „Alien“? Welche geheime Botschaft lauert in „Der Exorzist“? Warum ist Harpo der seltsamste der drei Marx-Brothers? Was unterscheidet Hardcore-Pornos von Kubricks „Eyes Wide Shut“? Welche frappierende Erkenntnis folgt aus „Wild At Heart“? Sind Kinogänger „pervers“? Auf all diese Fragen – und auf unzählige mehr – antwortet dieser geistreiche Parcours visuellen Denkens. Žižeks Fazit: „Ein Perverser versteht sich als perfektes Instrument für die Lust von jemand anderem: Ich weiß, was Du wirklich willst; ich weiß es besser als Du, und ich werde Dich zu diesem Guten notfalls zwingen, auch wenn es weh tut. Das war der ironische Punkt bei dem Titel meines Films: Auch wenn es Euch Zuschauern nicht gefällt, erzähle ich Euch doch, was Ihr wirklich wollt. Ich glaube nicht an die befreiende Macht der Perversion. Ich spiele in dem Film also einen schlechten Perversen, um die Zuschauer zu guten Hysterikern zu machen.“ Schließen wir hysterisch: Ein Freudenfest für Cineasten!

  • Die DVD „The Pervert’s Guide To Cinema“ ist im September 2009 exklusiv bei Zweitausendeins erschienen

nächste Folge:
„Der schwarze Falke“
Die klassische Tragödie im Prozess der Zivilisation: über das Kino des John Ford

(Fotos: Pressefoto, Foto Žižek: Michalis Famelis)

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Kategorien: Film

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