Kai Schneider
30. April 2018

Die Geburtstunde der Superhelden

Seitenansicht Spezial: Das goldene Zeitalter des Comics

Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug? Nein, es ist das 80-jährige Jubiläum von Superman!

Im April 1938 begann Superman seinen Siegeszug um die Welt, heute sind er und andere Superhelden aus der (Pop)-Kultur nicht mehr wegzudenken. Doch neben direkten Superman-Referenzen im allgemeinen Sprachgebrauch, in Musik oder Serien sind natürlich auch andere Superhelden heute überall zu finden: im Kino, im Fernsehen, auf Kleidung und Fan-Artikeln und natürlich in Comics, wo sie auch ihren Ursprung haben. Wer einmal Comics aus verschiedenen Jahrzehnten nebeneinander legt, der wird einige gravierende Unterschiede feststellen, sowohl stilistisch als auch inhaltlich. Dass ein langlebiges Medium sich im Laufe der Zeit verändert, ist wenig überraschend, doch Außenstehende unterschätzen oft, wie lang die Geschichte der Comics tatsächlich bereits ist.

Als der Siegeszug begann

Natürlich muss man sich zuerst die Definitionsfrage stellen, was einen Comic eigentlich ausmacht. Beschränkt man sich auf die fortlaufende Bildfolge, die eine Geschichte erzählen soll, findet man sich plötzlich um rund 100 nach Christi bei der Trajanssäule in Rom wieder, und auch die Rückverfolgung von Sprechblasen in Bildern bringt einen schnell zu Karikaturen aus dem 18. oder 19. Jahrhundert. Historisch gesehen kann man beispielsweise Künstler wie Wilhem Busch als einen der Urväter der modernen Comics betrachten. War er doch einer der ersten, die Stilmittel wie deutliche Hilfslinien zur Darstellung einer Bewegung oder Bewegungsrichtung und Onomatopöie – Lautmalerei wie “Peng” für einen Schuss oder “Plumps” bei einem Sturz – verwendeten. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es dann mehr und mehr Mystery-, Western- und Horror-Comics zu kaufen. Und Tim und Struppi beispielsweise begannen ihre Abenteuer in Zeitungsstrips, aber dies war erst der Auftakt. Denn der wahre Siegeszug begann in den 1930er-Jahren in den USA.

Der Beginn des Golden Age

Keiner der großen Abschnitte der Comic-Geschichte hat ein exaktes Anfangs- oder End-Datum, dennoch haben Fans sich meist auf markante Ereignisse geeinigt, um einen Umbruch zu verdeutlichen. Als Indikator für den Beginn des Golden Age des Comics wird daher häufig Supermans erster Auftritt 1938 in “Action Comics #1″ betrachtet. Zu diesem Zeitpunkt war das ursprüngliche Konzept für Superman bereits von diversen Zeitungsverlagen abgelehnt worden, bis die Erfinder Jerry Siegel und Joe Shuster schliesslich die erste Variante des heute bekannten “Man of Steel” entwarfen und erfolgreich durch den Verlag Detective Comics, der heute als DC Comics bekannt ist, publizieren konnten. Superman erfreute sich rasch so großer Beliebtheit, dass weitere Superhelden wie Batman, Wonder Woman, Green Lantern, The Flash, Aquaman, The Atom, Green Arrow und Hawkman folgten, doch auch die Konkurrenz schlief nicht: Marvels Vorläufer Timely Comics brachte unter anderem Captain America, den Submariner und die Menschliche Fackel in Umlauf, während Fawcett Publications es mit Captain Marvel schaffte, Superman den Rang abzulaufen.

T”he Man Of Steel”

Aber Superman war nicht immer der Archetyp für Superhelden, als der er schließlich bekannt wurde. Den ersten Entwurf schufen Siegel und Shuster bereits 1933 für die Kurzgeschichte “Reign Of The Superman”. Diese handelte von einem Vagabunden, der durch eine experimentelle Droge Superkräfte erhielt und diese für seine eigene Unterhaltung und einen Profit nutzte, ehe er sie wieder verlor und in sein altes Leben zurückkehrte, beschämt durch das Wissen, dass man ihn als Schurken in Erinnerung behalten würde. Der nächste Entwurf von Superman war zwar heldenhafter in seinen Handlungen, jedoch ohne besondere Fähigkeiten oder wiedererkennbares Outfit. Zu dieser Zeit kam es zu Unstimmigkeiten zwischen den Erfindern, da Joe Shuster in der Annahme, dass die bisherigen Ablehnungen darauf zurückzuführen waren, dass er und Jerry Siegel recht unbekannt waren, nach einem neuen Zeichner zu suchen begann. Als Shuster davon erfuhr, verbrannte er den Comic aus Frust.

Übermenschliche Kraft für Gutes

Es folgte die Geschichte eines Jungen, der kurz vor der Vernichtung der Erde in ferner Zukunft durch die Zeit zurückgeschickt wurde, auf einer Farm unter dem Adoptiv-Namen Clark Kent aufwuchs und von seinen Zieh-Eltern gelehrt wurde, seine übermenschliche Kraft für Gutes zu nutzen. Der nächste Entwurf, den das inzwischen wiedervereinte Künstler-Duo schließlich ab 1935 zu vermarkten versuchte, war endlich der letzte Überlebende des Planeten Krypton, den wir heute kennen. Doch es brauchte drei weitere Jahre, bis Shuster und Siegel das Konzept verkauft bekamen, inzwischen ohne Hoffnung auf großen Erfolg und getrieben von dem bloßen Wunsch, ihren Charakter endlich veröffentlicht zu sehen.

Der Zweite Weltkrieg

Durch ihre große Beliebtheit wurden die neuen Helden bald auch zu politischen Zwecken eingespannt, indem sie der Zeit entsprechend zum Beispiel gegen die Nazis ins Feld zogen und die amerikanischen Truppen unterstützten. Diverse Helden bekamen ihre Chance, Hitler persönlich niederzuschlagen – oder im Falle der Menschlichen Fackel zu verbrennen -, doch ein Beispiel sticht besonders hervor: Captain America. Steve Rogers Faustschlag gegen Hitler auf dem Cover zu “Captain America #1″ sorgte damals für großen Aufruhr, da er – anders als andere Superhelden, die aktiv gegen die Achsenmächte im Allgemeinen und die Nazis im Besonderen ins Feld zogen – vor Amerikas Eintritt in den Zweiten Weltkrieg stattfand – im März 1941 als ein Großteil der amerikanischen Bevölkerung noch gegen eine Beteiligung war. Cap-Erfinder Joe Simon und Jack Kirby gaben mit dem Design ein eindeutiges Statement ab, welches deutlichen Protest aus einigen Ecken der Bevölkerung hervorrief. Die beiden jüdischstämmigen Künstler erhielten eindeutige Drohungen gegen Leib und Leben, ehe schließlich nicht nur regelmäßige Polizei-Streifen in der Nähe des Verlagsgebäudes patrouillierten mussten, sondern auch New Yorks amtierender Bürgermeister ihnen persönlich städtischen Schutz versprach. Kirby und Simon ließen sich von den Drohungen aber nicht abschrecken und schickten Catpain America weiterhin ins Feld gegen Hitler. Und nach dem Angriff auf Pearl Harbor begannen unzählige weitere maskierte Helden die US-Truppen zu unterstützen und so zeitgleich für Ablenkung und Moralstärkung zu sorgen.

Eine Ära Geht Zu Ende

Nach Ende des Krieges begann das Interesse an den Superhelden abzunehmen, so dass die Verlage ihren Fokus ein wenig vom Genre entfernten und stattdessen bemüht waren, das angebotene Spektrum zu erweitern, wodurch unter anderem Western, Science-Fiction, Horror, Romance oder Crime-Stories einen Aufschwung erlebten. Zeitgleich wurde die gesamte Comic-Industrie in den USA zur Zielscheibe: Das United States Senate Subcommittee on Juvenile Delinquency war in seinen Ermittlungen gegen die steigende Jugend-Kriminalität auf Frederic Werthams Buch “Seduction Of The Innocent” aufmerksam geworden und begann Untersuchungen, ob das in Comics visualisierte Material so jugendgefährdend sei, wie Wertham behauptete. Als Folge dieser Untersuchungen schlossen sich schließlich die großen Publisher zusammen und gründeten die Comic Codes Authority, die nach strikten Richtlinien eine Gütesiegel vergab. Dies war zwar nicht verpflichtend, aber viele Händler entfernten bald alle Comics ohne das Prüfsiegel aus ihrem Angebot, was für viele kleinere Verlage, die sich auf Horror- oder Crime-Comics spezialisiert hatten, das Aus bedeutete. Die häufig als “lächerlich streng” betitelten Richtlinien der CCA wurden schließlich erst in den 1980er-Jahren gelockert, ehe sich im frühen 21. Jahrhundert auch die letzten Publisher gänzlich von dem System abwandten, doch das Silver Age war stark von den neuen Richtlinien geprägt.

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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(Foto: Comic-Cover)

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Kategorien: Kunst, Literatur

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