Susanne Viktoria Haupt
7. Mai 2018

Nicht gewöhnlich

Seitenansicht: „Alles was glänzt“ von Marie Gamillscheg

Auf alle Fälle vielversprechend: „Alles was glänzt“ von Marie Gamillscheg, Buchcover

Die deutschsprachige Literatur scheint oft das Problem zu haben, dass ihren Geschichten einfach der passende Ort innerhalb Deutschlands fehlt. Berlin ist irgendwie abgenudelt, die Provinz nicht angesagt und die meisten anderen Städte scheinen von der Atmosphäre her nicht so viel herzugeben. Manchmal versuchen deutsche Autorinnen und Autoren sich dann entweder der deutschen Vergangenheit zu widmen, oder aber der ihrer Figuren. So reist Protagonist Alex aus Thomas Klupps Roman „Paradiso“ in seine alte Heimat und auch Max, der Protagonist aus Fabian Hischmanns Debüt „Am Ende schmeißen wir mit Gold“ versucht die Balance zwischen neuem Leben und Vergangenheit zu bewältigen. Gerne reisen die Figuren also in ihre alte Umgebung. Und meist ist diese eher ländlicher Natur. Aber so wirklich funktioniert das meistens leider nicht. Meistens fehlt etwas. Und meistens ist es die Fähigkeit, etwas Gewöhnliches in etwas Außergewöhnliches zu verwandeln.

Marie Gamillscheg hat dies mit „Alles was glänzt“ geschafft. Ihre Geschichte spielt sich vollständig in einem kleinen Dorf am Rande eines Berges ab. Von der typischen Idylle merkt die Leserschaft allerdings nichts. Denn sowohl die Figuren wie auch ihre Handlungen und das ganze Drumherum hat stets einen bedrohlichen Charakter und lässt dabei an Serien wie „Twin Peaks“ oder „Broadchurch“ denken. Serien, deren Geschichten in kleinen Städten spielten und das Unaussprechliche in der Luft hatten. So beginnt „Alles was glänzt“ mit einem tödlichen Autounfall, dessen Ursache nicht direkt klar zu sein scheint. Ebenso groß ist die Trauer im Dorf um den Verlust. Als dann jedoch Merih als Nezugang in die festen Strukturen einbricht und auch der Berg am Rande des Dorfs langsam anfängt zu brodeln, droht das Gleichgewicht auseinanderzubrechen…

Gamillschegs beweist mit ihrem Debüt auf alle Fälle ein Händchen für Atmosphäre und ihre Story. „Alles was glänzt“ ist ein Roman, der vieles vermuten lässt. So gibt es Episoden, die auf einen Gesellschaftsroman schließen lassen könnten und jene, die einen sogar einen Krimi vermuten lassen. Leider macht die 1992 geborene Österreicherin einen sprachlichen Fehler, der sich seit Jahren fest unter der jungen Autorenschaft etabliert hat. Es ist diese atemlose, teils abgehackte Schreibweise, die sich gerne mal mit inhaltslosen Sätzen zu paaren scheint. Sätze, die wir mehr von Poetry Slam-Bühnen kennen, und die zumindest auf der Bühne gerne in der Selbstinszenierung untergehen. Auf dem Papier jedoch wirken sie einsam und ungelenk. Zwar kann es der Geschichte und der dazugehörigen Atmosphäre durchaus dienlich sein, wenn man Kleinigkeiten und vor allem alltägliche Sequenzen fest mit einbindet, allerdings spricht am Ende einfach vieles gegen solch einen Telegramm-Stil. Dieser wirkt nämlich schnell ermüdend und aufgesetzt.

Einen Pluspunkt zur wirklich herausragenden Athmosphäre bekommt Gamillscheg allerdings dann doch noch für den Umstand, dass sie aus diesem atemlosen Telegramms-Stil auch immer mal wieder herausfindet und mehr von ihrem schriftstellerischen Talent zeigt. Denn das hat sie auf alle Fälle. Es bleibt jetzt nur zu hoffen, dass sie diesem atemlosen Stil schnell entwächst und in ihrem nächsten Werk einen absoluten Einblick in ihr eigentliches Können bietet.

Marie Gamillscheg: „Alles was glänzt“, 224 Seiten, Luchterhand Literaturverlag, ISBN-13: 978-3630875613, 18 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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