Sebastian Albrecht
15. Mai 2018

Die spinnen, die Amis!

Im Literarischen Salon stellt sich der Journalist Ingo Zamperoni noch einmal der Frage, ob uns die USA seit der Wahl Trumps zum US-Präsidenten ein bisschen fremder geworden ist

Ingo Zamperoni und Hendrik Brandt

Anderthalb Jahre nach Präsidentschaftswahl 2016 in den USA besteht Erklärungsbedarf: die beiden Journalisten Ingo Zamperoni und Hendrik Brandt

Schwarze Rauschschwaden zogen durchs Bild und bewaffnete, uniformierte Menschen rannten über den Platz, bereit, jeden Augenblick einer brandschatzenden Armee, ihrerseits ausgerüstet mit archaischen Waffen, entgegenzutreten. Ungefähr eine Viertelstunde dauerte es, da traten sie den Rückzug an, verließen den Ort. Der Rauch hatte sich längst verzogen und den Blick statt auf zerbombte Häuser und staubige Straßen auf einen leidlich ramponierten Rasen freigegeben. Es war vielleicht zwei Stunden her, da hatte man hier noch auf ein Wunder gehofft und irgendwie war es auch eingetreten, nur anders als gedacht. In den letzten Jahren Dauergast in der Stadt, war aus dem Wunder der Normalzustand geworden und der blieb diesmal aus – dafür trat ein anderes Wunder ein, eine Anomalie, die gegen jegliche Naturgesetze verstoßen zu schien. Die Unabsteigbaren aus dem Norden hatten drei der letzen vier Spiele gewonnen und dennoch den Sprung von der Schippe verpasst. Der Hamburger SV, letztes verbliebenes Gründungsmitglied, das nie aus der Bundesliga abgestiegen war, tat nun genau dies, da der direkte Konkurrent aus Wolfsburg sich nicht an das Drehbuch hielt, nachdem der HSV, allen Wahrscheinlichkeiten zum Trotz, am letzten Spieltag doch noch irgendwie den Klassenerhalt schaffen wollte. Saison für Saison für Saison. Kurz vor Abpfiff hatten einige Fans Pyrotechnik gezündet und auf den Platz geworfen, das Spiel musste unterbrochen werden und, nachdem die große Eskalation ausgeblieben war, wurde es für wenige Sekunden wieder angepfiffen, um dann endgültig zu beendet zu werden.

Falls der sportliche Abstieg nicht Teil einer viel größeren Dramaturgie ist, die einen noch nichtsahnenden anderen Erstligisten durch einen grotesk-absurden Lizenzentzug in die Zweite Liga und den HSV in die Relegation katapuliert, bleiben dem Dino knapp fünfzig Tage, dann ist die Saison 2017/18 offiziell beendet und der Verein für mindestens ein Jahr zweitklassig. Und – noch eins dieser vielzitierten Wunder – es war, so ist zu lesen, ein Abstieg in Würde. Der Fußball des HSV war in den letzten Spielen für einen Absteiger fast ansehnlich und offensiv orientiert, das vorerst letzte Spiel in der 1. Bundesliga ein Sieg. Wenn eben eines nicht wäre: die Bilder, diese “schlimmen Bilder”, die “kriegsähnlichen Szenen”, die im HSV-Block zu sehen waren. Ein Vergleich, der nicht zum ersten Mal im Zusammenhang mit dem Bundesliga-Abstieg gewählt wird – das Relegationsrückspiel 2012 zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC lässt grüßen.

Sicherlich, bei einigen Fans hatte sich in den letzten Wochen so manches angestaut und eine Eskalation war zumindest nicht ausgeschlossen gewesen, und dennoch war die Aktion eines kleinen Teils der HSV-Fans dann doch noch weit von kriegsähnlichen Zuständen entfernt. Wenig überraschend war – neben dem Eurovision Song Contest – der HSV und die Randale am Ende des Spiels trotzdem das Gesprächsthema des Wochenendes, hatte es doch eigentlich niemand kalt gelassen, der irgendwie ein Interesse für den deutschen Volksport Nummer eins vorzuweisen hatte.

Auf eine ganz andere Art und Weise beschäftigt uns hierzulande so ausdauernd und intensiv neben der “Flüchtlingskrise” und der AFD wohl nur noch der aktuelle Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump. Obwohl sich Trump als einziges der genannten Themen nicht vor unserer Haustür abspielt, interessiert er uns aus nachvollziehbaren Gründen, denn die Politik der USA ist natürlich längst nicht mehr bloß die Poltik der USA, sondern global von Bedeutung. Und doch, so wie uns der HSV auch mehr zu interessieren scheint, als beispielsweise Altersarmut, interessieren wir uns zwar irgendwie auch für den Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen mit dem Iran, aber gefühlt weniger als für die Frage, wer wohl als nächstes im Weißen Haus fliegt, für die Besucherzahl bei Trumps Amtsantritt und natürlich die mögliche Affäre mit einer Porno-Darstellerin. Ob Trump dieser Skandal nun endlich das politische Genick brechen wird?

Dabei scheint sich in der deutschen Wahrnehmung Trumps nicht viel verändert zu haben. Vor anderthalb Jahren, kurz nachdem Trump für viele überraschend die US-Wahlen gewann, war der langjährige US-Korrespondent Ingo Zamperoni im Literarischen Salon zu Gast und sprach über sein damaliges Buch “Fremdes Land Amerika” und die Verschiedenheit beider Länder, die in vielen Köpfen häufig kleiner als in der Wirklichkeit ist. In den USA ticken die Uhren eben doch noch ein bisschen anders – und eben nicht nur die Uhren. Hat sich also nichts geändert und wir verstehen “den Ami” einfach immer noch nicht? Was ist auch zu erwarten von einem Land, dessen Profi-Sportligen ein Auf- und Abstieg vollkommen fremd ist und damit ebenfalls die Historizität des Niedergangs des HSV in die Zweitklassigkeit? Oder ist es womöglich noch schlimmer gekommen und die gänzliche Entfremdung hat längst begonnen? Mit seinem neuen Buch “Anderland” im Gepäck geht Zamperoni heute abermals im Literarischen Salon der Frage nach, was sich in der Zeit seit Trumps Amtsantritt alles verändert hat und was Trumps Präsidentschaft für die Vereinigten Staaten zu bedeuten hat. Was für Folgen wird sie nach sich ziehen? Und was bedeutet sie für Deutschland und die Beziehungen beider Länder? Wie bereits vor anderthalb Jahren wird heute Abend auch wieder HAZ-Chef Hendrik Brandt das Gespräch mit Zamperoni führen.

Dienstag, 15. Mai 2018:
“Anderland. Die USA unter Trump – ein Schadensbericht”, Gespräch mit Ingo Zamperoni und Hendrik Brandt, Literarischer Salon, Königsworther Platz 1, Conti-Hochhaus, 14. Stock, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 10 Euro, ermäßigt: 6 Euro

(Fotos: Pressefotos/Literarischer Saloon/J. Fey und I. Hagemann)

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Kategorien: Politik, Sports, Tagestipps

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