Susanne Viktoria Haupt
21. Mai 2018

Aus dem Schatten

Seitenansicht: “Was nie geschehen ist” von Nadja Spiegelman

Berührend, ehrlich und voller Respekt: “Was nie geschehen ist” von Nadja Spiegelman, Buchcover

Einen berühmten Elternteil zu haben, stelle ich mir durchaus schwieirig vor. Nun dürften einige direkt “First world problem” rufen, aber diese Menschen ignorieren wir mal ganz kurz. Wer einen berühmten Elternteil hat, muss sicherlich mit einigen Dingen kämpfen, die sich andere nicht vorstellen können. Zum Beispiel ist es schwierig, aus dem Schatten eines erfolgreichen Vaters oder einer erfolgreichen Mutter zu treten. Hat man es dann doch mal geschafft, werden mit Sicherheit einige Stimmen laut, die meinen, dass sich der Erfolg nur auf dem Erfolg der Eltern gründet. Eigentlich wäre das, was der Nachwuchs da getan hat, ja gar nicht so toll. Und wenn doch, dann liegt es eben an all den Privilegien, die dieser junge Mensch genossen hat. Dass aber Kreativität und Talent nicht zwangsweise durch Privilegien gefördert werden können, wird nicht gesehen. Irgendetwas muss eben schon dagewesen sein.

Die Schriftstellerin Nadja Spiegelman ist ein hervorragendes Beispiel für jenen Nachwuchs, der seinen berühmten Eltern in nichts wirklich nachsteht. Und mit nicht einmal 30 Jahren ganz eigene große Schatten zu werfen vermag. Vor wenigen Wochen erschien ihr literarisches Debüt für Erwachsene. “Was nie geschehen ist” ist ein knapp 400 Seiten starkes Buch, mit dem sie der weiblichen Linie ihrer Familie und auch sich selbst ein wunderbares Denkmal gesetzt hat.

Ursprung des biographischen Romans ist ihre eigene liebevolle, aber irgendwie doch komplizierte Beziehung zu ihrer Mutter Francoise Mouly. Mouly ist nämlich nicht nur die Ehefrau des Pulitzer-Preisträgers Art Spiegelman, sondern obendrein Art Director des New Yorkers. Eine Frau, die sozusagen als Paradebeispiel einer klugen, eleganten und erfolgreichen Mutter dienen kann. Mouly trug jedoch stets ihr ganz eigenes Paket aus der Vergangenheit mit sich herum. Altlasten, die Tochter Nadja zwar immer zu spüren bekam, deren Inhalt sie aber nicht kannte. Zu tief waren die Narben, die Francoise Moulys Mutter Josée bei ihr hinterlassen hatte. Und immer hieß es, dass sie Nadja irgendwann alles erzählen würde. Irgendwann, wenn sie alt genug wäre. Nadja wartete, bis ihre Mutter 60 Jahre alt wurde. So lange hatte es gedauert, bis Mouly ihr Schweigen gegenüber ihrer Tochter brechen konnte und ihr einen ungeschönten Einblick in ihre Kindheit und Jugend gewährte.

Aber “Was nie geschehen ist” ist dann doch viel mehr als eine bloße Nacherzählung von Moulys bisherigem Leben. Gekonnt setzt Nadja Spiegelman eigene Erfahrungen mit ihrer Mutter aus Kindheit und Jugend mit der Erzählung in Verbindung. So spielen ihr eigenes schlechtes Körperbild genauso eine Rolle wie der Umstand, dass ihre Mutter die enge Bindung zum Vater Art ab einem gewissen Alter kritisch beäugt hatte. Und auch die kleinen Ausraster, die ihre Mutter dadurch ab und an als unberechenbar wirken ließen, werden an die Leserinnen und Leser herangetragen.

Nun mag man sich fragen, ob Nadja Spiegelman damit nicht einfach nur in die Fußstapfen ihres Vaters getreten ist, der ja die Holocaust-Erzählungen seines eigenen Vaters innerhalb des Comics “Maus” brillant verarbeitet hatte. Oder ob sie damit gar eine Grenze überschritten hätte, wenn sie nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Mutter und ihren Vater so entblößen würde. Zuerst sei gesagt, dass es durchaus legitim ist, wenn Nadja Spiegelman einen grob gesagt ähnlichen Weg wie ihr Vater einschlägt. Aber von Blöße kann innerhalb von “Was nie geschehen ist” keine Rede sein. Die Autorin blickt mit viel Respekt und viel Distanz auf sich selbst und auch auf ihre Mutter. Das Ergebnis sind eben keine Vorwürfe, sondern ein aus reiner Logik erschlossenes tiefes Verständnis. Spiegelman will mit ihrem biographischen Roman weder etwas schlecht reden, noch etwas heroisieren. Weder sich selbst, noch ihre Mutter noch ihren Vater. Vielmehr zeichnet sie mit Worten ein Bild von Menschen, die bestimmte Erfahrungen im Leben gemacht haben und dadurch tief geprägt wurden. Und eben diese Prägung auf andere Weise wieder weitergeben.

“Was nie geschehen ist” ist ein Familien-Panorama, konzentriert auf drei Generationen von Frauen. Dabei geht es aber nicht nur um die betreffenden Frauen, sondern auch darum, was es zu den unterschiedlichen Zeiten überhaupt bedeutete, eine Frau zu sein. Was es bedeutet hat, mit der eigenen Vergangenheit klarzukommen. Sich von ihr so gut es geht zu lösen und die restlichen Narben zu akzeptieren. Es geht um generationsübergreifende Konflikte, die nahezu jeder aus seiner eigenen Familie kennt. Nadja Spiegelman hat ein weises Buch verfasst. Ein Buch, das sowohl durch eine starke Erzählstimme wie auch durch eine starke Sprache zu glänzen vermag. “Was nie geschehen ist”, ist konsequent ehrlich, aber dennoch respektvoll und voller Wärme. Knappe 400 Seiten, die nicht nur die Vergangenheit der drei Frauen aus dem Schatten holt, sondern auch Nadja Spiegelman aus dem Schatten ihrer erfolgreichen und berühmten Eltern. Bleibt nur zu hoffen, dass die junge Autorin sich weiterhin der Schriftstellerei widmet und ihre einzigartige Beobachtungsgabe nicht verliert.

Nadja Spiegelman: “Was nie geschehen ist”, 394 Seiten, Aufbau Verlag, ISBN-13: 978-3351037055, 22 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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