Henning Chadde
31. Mai 2006

Der eigene Blick auf das Wesentliche

Lindener mit Herz: Der Fotograf Sven Storbeck im Portrait

Der Familie von Sven Storbeck liegt die Kunst im Blut. Zumindest von Seiten der Mutter. Hier war der Opa schon kunstbegeistert und zudem äußerst malerisch begabt. Er musste seine kreative Leidenschaft aber zugunsten eines klassischen Berufs aufgeben – der Familie fehlte in den alten Tagen schlicht das Geld für ein Kunststudium.

Sven Storbeck

Der Mann und die Linsen: Fotograf Sven Storbeck

So gab der Großvater seinen kreativen Drang an seine Töchter weiter. Die eine ist heute Kunstlehrerin, die andere – Storbecks Mutter – hat zeitlebens gemalt. Dann kam die Rente, und seitdem geht es künstlerisch bei ihr erst richtig los: Sie begann ein Kunststudium. “Ja, Kunst ist schon so was wie ein Lebensbegleiter in meiner Familie und malen, dat können die!”, sagt Storbeck anerkennend. Allerdings fügt er umgehend grinsend hinzu: “Aber davon hab’ ich nix abgekriegt.”

Eine Hälfte Handwerk, eine Hälfte Kreativität

Zum Glück hat Sven Storbecks Vater schon immer fotografiert. Heute betreibt er einen Fotoladen und so schließt sich bei Sven Storbeck der Kreis zur Fotografie. Statt zu Farben und Pinseln griff Sven also konsequenter Weise zu Kamera und Stativ. Für den 35-Jährigen ist das Fotografieren zu allererst ein Querschnitt aus zwei Dingen: “Zur Hälfte bedeutet es Handwerk und das Beherrschen der Technik. Die andere Hälfte setzt sich aus purer Kreativität zusammen.”

Jacobsstraße, Juli 2005

Stimmungen den natürlichen Raum geben

Dabei grenzt Storbeck sich bewusst von dem Großteil der Hobbyfotografen ab, die seiner Meinung nach “eher aus Liebe zur Technik fotografieren als aus Leidenschaft und Liebe zur Kunst”. Für Storbeck bedeutet Fotografieren Kunst. Folgerichtig versucht er die Technik soweit als irgend möglich in den Hintergrund zu drängen. Vielmehr möchte er “kreative Momente komponieren und festhalten”.

Das bedeutet aber keineswegs, dass er seine Motive arrangiert. Im Gegenteil: Die kreativen Momente begreift er als Stimmungen, die von der Außenwelt mit ihren Motiven auf ihn als Fotografen überspringen. Folglich sieht er sich denn auch als Dokumentarist und gibt in seinen Fotos dem Leben seinen natürlichen Raum und die dazugehörige Breite.

Limmerstraße, Juli 2005

Ungewöhnliche Blickwinkel und fein gewählte Alltagsmomente

Wenn er fotografiert, geht Storbeck äußerst behutsam und dezent vor. Er möchte nicht auffallen, die Menschen nicht reizen, und sie auch nicht zu unnatürlichen Posen herausfordern. Seine Fotos sind Momentaufnahmen. Es sind fein gewählte Schnappschüsse, die scheinbar beiläufige Alltagsmomente einfangen. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich aber gerade diese kleinen Alltagsmomente als grandiose Haupthandlung. Und so wissen Storbecks Bilder immer wieder mit einem ungewöhnlichen Blickwinkel zu überraschen. Vor allem in seinen Stadtteilfotografien. An Orten, an denen man als Hannoveraner meint, schon alles zu kennen. Hier setzt Sven Storbeck mit seinen Fotografien immer wieder aufs Neue ein großes, sympathisches “Denkste!”.

Deisterstraße, Oktober 2005

“Mach doch mal was über Linden”

Angefangen hatte der passionierte Autodidakt mit Industriefotografien. Dabei reizten ihn vor allem stillgelegte Industriegelände. Im Folgenden wurde die Kamera auch im Privaten zu seiner treuen Begleiterin. Schließlich kam die Anfrage einer Freundin. Das war 2004. Ihr dürstete es entschieden nach einer Fotostrecke über Linden. Der allseits bekannte Linden-Kalender war zu der Zeit in Hannover in aller Munde (und an allen Wänden), aber die Freundin wünschte sich andere Bilder.

Für Storbeck als überzeugten Lindener war es eine große Herausforderung, sich seinem Heimat-Stadtteil auf seine ganz eigene, persönliche Art zu nähern. Trotzdem hielt er an dem professionellen Ansatz fest, nicht einfach ein persönliches Loblied auf “seinen Kiez” zu bebildern.

Brücke Ihmezentrum, Juni 2005

Bewusst suchte Storbeck Motive und Blickwinkel, die Linden einem fremden Betrachter erschließen: “Für jemanden, der den Stadtteil noch nicht kennt”. Selbstredend ging es ihm dabei nicht um Postkarten-Motive, denn nach seinen eigenen Worten liegt ihm “das Marode weitaus näher als die renovierte Flaniermeilenansicht”.

Nun, an Letzterer arbeitet Linden zwar, aber von den versteckten “hintergründigen” Kuriositäten hat es zum Glück weitaus mehr zu bieten. Denn diese machen nach wie vor den ureigenen Charme des ehemaligen Arbeiterviertels aus. Und dieser Charme findet sich neben vielen anderen außergewöhnlichen Eigenarten und Besonderheiten durchgängig in Sven Storbecks Bildern wieder.

Liebeserklärung aus der Distanz

Gerade durch die professionell gewählte Distanz sind Storbecks Fotos zu einer beeindruckenden Liebeserklärung geworden. “Linden ist mein Zuhause seit 1993. Eigentlich komme ich aus dem Bremer Raum, aber hier ist meine Heimat”, sagt Storbeck. “Linden ist eine Ansammlung von faszinierenden Facetten, von Menschen, Kulturen und Gebäuden. Einfach der bunteste Stadtteil Hannovers”.

Und das soll nach seiner Ansicht auch unbedingt so bleiben: “Hannovers größter Fehler ist dieser ewige Versuch, das Negativ-Image aufzupolieren. Im Gegenteil: Man sollte es kultivieren, ansonsten merkt der Rest der Republik noch, wie gut es sich hier leben lässt. Dann wollen alle her, die Mieten und Lebenshaltungskosten gehen hoch und das war’s dann. Äußerst schlecht für uns. Unangenehm gar!” Ob die Strategen von der Hannover Marketing GmbH mit dieser Sicht der Dinge einverstanden wären, ist eine andere Frage. Aber das nur am Rande. Von Sven Storbecks Hannoverbildern wären sie auf jeden Fall begeistert.

Nicht verpassen:

Sven Storbeck ist am 23. Juni zu Gast auf der langeleine-Release-Party. Der 35-Jährige präsentiert eine Auswahl seiner besten Lindenbilder.

Hannover-Bilder auf langeleine.de

Im Juli starten wir eine neue Reihe mit Fotostrecken aus Hannovers Stadtteilen und Landschaften, Wohnzimmern und Straßenschluchten. Sven Storbeck ist dabei.

(Fotos: Sven Storbeck)

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Kategorien: Kunst, Menschen

Ein Kommentar

  1. Andrea Waibl sagt:

    Ja cool! Das nenn`ich gelungen. Und ich, als diejenige, die dies mitunter insziniert hat, hat immernoch keine Fotos…grunz…ich freu mich auf den 23.06., werde fleißig die Werbetrommel rühren und Euch von der “langen Leine” viel Erfolg wünschen…weiter so!!! Gaaanz liebe Grüße die Drea

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