Susanne Viktoria Haupt
4. Juni 2018

Die unglaublichen Abenteuer von Michael Chabons Großvater

Seitenansicht: “Moonglow” von Michael Chabon

Nicht ganz der Wahrheit entsprechend, aber auch nicht ganz gelogen: Michael Chabons neuer Roman “Moonglow”, Buchcover

Seit seinem Erfolgsroman “Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay” aus dem Jahre 2000 weiß man, dass Michael Chabon es durchaus versteht, Fakten und Fiktion auf kunstvolle Art und Weise zu vermengen. Und auch in seinem neuen Roman “Moonglow” hangelt sich der amerikanische Autor an Tatsachen und Erfundenem entlang, als ob es in seiner ganz persönlichen Natur liegt. Im Zentrum von “Moonglow” steht die Lebensgeschichte von Michael Chabons Großvater. Einem Mann, der offenbar ein leidenschaftliches, aufregendes und wildes Leben geführt hat, und den es gefühlt mehr als einmal um die ganze Welt getrieben hat. Aber erst auf seinem Sterbebett beginnt der Großvater seinem Enkel diese Geschichten zu erzählen. Zum Beispiel davon, wie er seinen Chef einst umbringen wollte. Oder wie er den umstrittenen Raketen-Ingenieur Werner von Braun jagte. Ein Leben, das selbst als Fiktion unvorstellbar erscheint…

Für Michael Chabon bietet dieses Leben eine willkommene Steilvorlage, um das vergangene Jahrhundert Revue passieren zu lassen. Denn nicht umsonst vermengt er Fakten und Fiktion, sondern er strickt mit diesen Hilfsmitteln einen Roman, der durchaus als Spiegelbild des 21. Jahrhunderts betrachtet werden kann. So liegt Chabons Großvater ausgerechnet zu Zeiten des Mauerfalls auf dem Sterbebett und betont mit dieser Konstellation nicht nur einen Moment, der für die Welt von großer Bedeutung ist, sondern auch einen persönlichen Verlust. Durch die unermüdliche Jagd auf Werner von Braun erhält außerdem die Raumfahrt ihren Platz in Chabons Story und der Autor beleuchtet gleichzeitig den Ehrgeiz und die Skrupellosigkeit, mit der die großen Industrie-Nationen sich am Fortschritt festgebissen haben.

Aber es sind nicht nur die großen historischen Ereignisse, deren Fakten Chabon als Gerüst für seinen Roman dienen. Denn hinter allen großen Ereignissen steckt ein Lebensweg, der uns zeigt, dass jedes Leben immer ungeahnte Richtungen einschlagen kann. Und auch, dass nicht alle Menschen ihr Leben und ihre Vergangenheit offensichtlich vor sich hertragen. Das menschliche Geheimnis – es scheint in Zeiten von Sozialen Medien nahezu ausgestorben. Viel zu groß ist das Verlangen, aber auch wirklich alles von sich mitzuteilen. Chabons Großvater allerdings hat eine Menge Geheimnisse und selbst sein Name gehört dazu. Und auch Chabon macht es einem Großvater gleich und lässt vollständig offen, welche Passagen nun der Wahrheit entsprechen und welche nicht. Ganz ambitionierte Leser können natürlich einen Faktencheck machen. Aber nicht alles lässt sich einwandfrei belegen. Vor allem nicht das Leben von Michael Chabons Großvater.

Mit “Moonglow” ist Michael Chabon also sozusagen selbst in die Fußstapfen seines größten Erfolges getreten. Denn “Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay” arbeiteten ebenso mit Fakten und Fiktion, auch wenn sie dabei das Golden Age des Comics und seine Akteure dokumentierten und keine einzelne Biographie. Und “Moonglow” ist wirklich gut, das steht außer Frage. Aber an seinen größten Erfolg kann Michael Chabon nicht anknüpfen. Die Messlatte wurde einfach zu hoch gelegt und hier und da spürt man beim Lesen von “Moonglow” die Anstrengung des Autors, diesen Erfolg wiederholen zu wollen. So sehr, dass auch seine erzählerische Kraft darunter zu leiden beginnt und die unterhaltenden Sequenzen zu konstruiert und überladen wirken. Wer allerdings “Die unglaublichen Abenteuer des Kavalier und Clay” noch nicht gelesen hat, dürfte sich leicht von “Moonglow” in den Bann ziehen lassen. Und hat im Anschluss noch das Schönste aus Chabons Feder vor sich.

Michael Chabon: “Moonglow”, 496 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, ISBN-13: 978-3462050745, 24 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur

Kommentiere diesen Artikel