Susanne Viktoria Haupt
4. Juli 2018

Zuhören!

Im Rahmen der Reihe „Femmes Totales – Filme von Frauen“ zeigt das Kino am Raschplatz heute die Dokumentation „Speak Up“ von Amandine Gay

Sie sprechen, aber die Gesellschaft muss auch mal zuhören: „Speak Up“ von Amandine Gay, Filmplakat

Neulich stolperte ich über eine ganz tolle Aussage. Frei zitiert war sie in etwa so: „White privilege“ bedeutet nicht, dass dein Leben nicht hart sein kann, sondern nur, dass deine Hautfarbe keines deiner Probleme ist. Und das trifft ziemlich genau, was mit „white privilege“ gemeint ist. Ich beispielsweise besitze dieses „white privilege“. Ich bin weiß. Nahezu käsig. Mit ein paar Sommersprossen. Also dementsprechend echt hell. Die einzigen „Probleme“, die ich mit meiner Hautfarbe habe, sind eine sehr starke Sonnen-Empfindlichkeit und der Umstand, dass mich fremde Menschen oft erstmal fragen, ob es mir irgendwie nicht gut geht. Das ist alles und ich kann daher nur grob erahnen, wie es wäre, wenn man mir nur wegen meiner Hautfarbe Steine in den Weg legen würde. Für etwas, wofür ich doch einfach mal gar nichts kann. Und zudem für etwas, was sich nicht ändern lässt und über mich als Menschen gar nichts aussagt. Nur eben, dass ich beispielsweise nicht gemütlich am Strand ohne Sonnenschirm liegen kann. Ja, ich bin echt privilegiert.

Aber ich bin eben auch eine Frau und da weiß ich leider zumindest, dass es immer noch herbe Defizite hinsichtlich der Gleichberechtigung von Mann und Frau gibt. Und zwar in beide Richtungen. Aber an dieser Stelle soll es mal nur um die weibliche Sicht gehen. Nämlich darum, dass man als Frau immer noch sehr zügig unterstellt bekommt, „zickig“ zu sein, wenn man einfach mal mit der Faust auf den Tisch haut. Wenn man einfach eine eigene Meinung hat. Oder aber, dass man dann gefragt wird, ob man vielleicht gerade die Periode hätte. Nur weil man sich nicht ins Wort reden lässt. Oder aber, dass man schlicht und ergreifend völlig ignoriert wird. Denn nicht die Frau hat recht, sondern der Mann. Was er sagt, ist wahr. Ganz einfach. Zumindest für manche Männer. Und auch ist es immer noch größtenteils legitim, wenn ein Mann eine Frau ohne zu fragen einfach anfasst. In der Mittelstufe sollte ich beispielsweise zum Direktor geschickt werden, weil ich einem Jungen aus meinem Jahrgang eine gepfefferte Ohrfeige verpasst hatte. Er hatte mir an den Busen grabschen wollen. Er sollte unbestraft bleiben. So wären die Jungs eben. Ich könnte ganze Romane von solchen Geschichten schreiben.

Nun versuche ich mir vorzustellen, wie es wäre, wenn ich nicht nur eine Frau wäre, sondern auch noch eine Frau mit dunkler Hautfarbe. Also zwei Umstände, für die ich nichts kann und die aber der Gesellschaft immer noch zu symbolisieren scheinen, dass ich einfach nicht genug bin. Nicht nur nicht genug, sondern dann wahrscheinlich manchmal auch eine Art Ausstellungsobjekt. Fast wie im Streichelzoo. Denn schließlich kennt man nur zu gut die Geschichten von Menschen mit dunkler Hautfarbe und krausem Haar. Dass dann die anderen die Haare „anfassen“ wollen. Weil es für sie so „neu“ und ja so „exotisch“ ist. Und natürlich auch ganz oft, ohne zu fragen. Mal abgesehen von dieser Grenzüberschreitung, hat man in diesem Falle aber eben nicht nur mit Sexismus, sondern auch mit Rassismus zu kämpfen. Da kann also eine Frau noch so klug und noch so stark sein, sie ist eben immer noch eine Frau und hat dazu auch noch eine dunkle Hautfarbe. Maximal Kindermädchen, um es überspitzt auszudrücken. Dabei könnten sie genauso erfolgreich sein wie alle anderen. Wenn man sie lassen würde. Und vor allem: Wenn man ihr auch mal zuhören würde.

Genau um diese Problematiken geht es in Amandine Gays Dokumentation „Speak Up“. Der Film handelt von einer farbigen Frau, die einfach nicht anständig gehört wird. Er dreht sich um ihre Erfahrungen, die sie nicht nur als Frauen macht, sondern vor allem als Frau mit dunkler Hautfarbe. Es geht um rassistische Bierzelt-Sprüche, die „natürlich“ alle nicht so gemeint waren, bis hin zu harten rassistischen Übergriffen, extremen Grenzüberschreitungen und dem Bewusstsein, dass man nie einfach so wie alle anderen sein kann. Denn ein Film mit Farbigen ist eben ein Film mit Farbigen und nicht einfach nur ein Film. Das literarische Werk einer farbigen Autorin ist immer auch gleich ein weiteres „Beispiel für afroamerikanische Literatur“. Ganz egal, ob es sich dabei um ein gesellschaftskritisches Werk zu diesem Thema handelt oder nicht. Und man kann auch nicht einfach nur da sein, man muss offenbar immer irgendwoher kommen. Zumindest die Eltern, die kommen doch von irgendwo anders her. Und dieses „irgendwo anders“ wird dann zum Problem, denn dadurch werden Menschen oftmals nochmal einsortiert. Bis man sich am Ende wahrscheinlich in einer Schublade ganz unten befindet. Eine Schublade, in der man echt nichts zu suchen hat.

Mit „Speak Up“ hat Amandine Gay ein ganz wichtiges Thema aufgegriffen. Es geht dabei nicht darum, dass diese Frauen sich selbst zu Opfern machen. Das schafft die Gesellschaft leider schon ganz von alleine. Es geht darum, zu zeigen, wo Frauen zu Opfern ihrer Hautfarbe und ihres Geschlechts werden – und vor allem, was das mit uns zu tun hat. Ja, mit uns Weißen. Denn wir sollten ihnen mal richtig zuhören, damit uns diese Missstände auch mal richtig klar werden. Rassismus und Sexismus sind zwei Themen, die sich nicht nur von Seiten der Betroffenen eliminieren lassen. Dafür müssen alle am selben Strang ziehen. Zu sehen ist „Speak Up“ innerhalb der Reihe „Femme Totales – Filme von Frauen“ im Kino am Raschplatz.

Mittwoch, 4. Juli 2018:
„Speak Up“, Femme Totale – Filme von Frauen, Dokumentarfilm von Amandine Gay, F 2017, 122 min., OmU, Kino am Raschplatz, Raschplatz 5, 30161 Hannover, Beginn: 18 Uhr, Eintritt: 9 Euro, ermäßigt: 8,50 Euro

(Foto: Filmplakat)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Film, Politik, Tagestipps

Kommentiere diesen Artikel