Susanne Viktoria Haupt
9. Juli 2018

Adieu, Mythos!

Das Kino am Raschplatz lädt heute mit “Bonjour Paris” von Léonor Sérraille erneut zum Ciné Club Français

Zwar keine Amelie als Hauptfigur, aber dadurch nicht weniger liebenswert: “Bonjour Paris” von Léonor Sérraille, Filmplakat

Kennt ihr die Szene aus dem Film “Funny Face”, in der Audrey Hepburn und Fred Astaire tanzend und singend durch Paris laufen und immer wieder mit starkem amerikanischen Akzent “Bonjour Paris!” rufen? Ja, genau diese Szene. Die Kunst, die Musik, der Film und die Literatur haben in den vergangenen Dekaden so einiges getan, um Paris in ein hochromantisches Licht zu tauchen.

Und wir halten uns gerne an dem Gedanken fest, dass es in Paris nur so vor unglaublich talentierten Schriftstellern und Künstlern wimmelt, die alle zwangsläufig ihren Durchbruch schaffen (“A Moveable Feast” von Ernest Hemingway). Oder aber, dass ein Job in einem kleinen Café im Mont Martre ausreicht, um sich eine schnuckelige Zweiraum-Wohnung in Paris zu leisten (“Die fabelhafte Welt der Amelie” von Jean Pierre Jeunet). Es ist die Stadt des Lichts und nichts, nicht einmal die Taschendiebe oder aber die Banlieues lassen uns dieses romantische Bild von Paris auch nur im Geringsten anzweifeln. Vor unserem geistigen Auge sehen wir nur diese prachtvollen Bauten, die grau-blauen Dächer, die vielen niedlichen Cafés und überall kann uns die Muse oder aber eine neue Romanze direkt auf den Mund küssen.

Klingt schön, sogar phantastisch, aber Paris ist wie jede andere Großstadt. Es wimmelt vor Menschen, es ist laut, und hier und da riecht es sehr unangenehm nach Urin. Die Mieten sind kaum bezahlbar und auch in der französischen Hauptstadt liegen die Jobs nicht auf der Straße. Von Romanzen mal ganz abgesehen. Diese Erfahrung muss auch Paula (Laetitia Dosch) machen, als sie nach ein paar Jahren in Mexiko wieder in ihre Heimatstadt Paris zurückkehrt. Dort hat nämlich wahrlich nichts auf sie gewartet. Weder ihre Mutter, noch ein Job, noch ihr Ex-Freund. Überall scheint sie abzublitzen. Dabei befindet sich Paula doch in der Blüte ihres Lebens. Sie ist 31 Jahre alt und bereit, ihr Leben voll im Griff zu haben. Doch den Griff scheint sie nicht so leicht zu bekommen. Nur mit zwei Jobs und einer gnadenlos realistischen Einstellung beginnen sich die Wogen ihres Lebens zu glätten…

Mit “Bonjour Paris” hat Regisseurin Léonor Sérraille einen urbanen Mythos entblößt. Ihre Hauptfigur hat keinen Hang zur Geheimniskrämerei und hoher Sensitivität, sondern ein lockeres und beißendes Mundwerk. Aber nur so, so scheint es, kann sie ihr Leben in der Millionen-Metropole wieder in die richtigen Bahnen lenken. Ein Film, der auf seine ganz eigene Art verzaubert. Vornehmlich, weil er weniger dieses romantische Bild von Paris nachzeichnet, sondern ein wenig mehr ins echte Leben greift. “Bonjour Paris” ist heute im Rahmen des Ciné Club Français im Kino am Raschplatz zu sehen.

Montag, 7. Mai 2018:
“Bonjour Paris”, Ciné Club Français, Spielfilm von Léonor Sérraille, F 2017, 97 min., OmU, Kino am Raschplatz, Raschplatz 5, 30161 Hannover, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 9 Euro, ermäßigt: 8,50 Euro

(Foto: Filmplakat)

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Kategorien: Film, Tagestipps

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