Susanne Viktoria Haupt
2. Juli 2018

Stimmgewaltig

Seitenansicht: “Lincoln im Bardo” von George Saunders

Bitte mehr von solchen Roman-Debüts: “Lincoln im Bardo” von George Saunders, Buchcover

George Saunders ist in Literatur-Kreisen selbstverständlich schon lange kein Unbekannter mehr. Zwar bestach er in der Vergangenheit vornehmlich durch seine zahlreichen Kurzgeschichten, aber sie zählen eben auch zu den besten der Gegenwartsliteratur. Kein Zweifel: Der 1958 in Texas geborene Schriftsteller kann schreiben, wie kaum ein anderer. Und auch, wenn er gerne mit David Foster Wallace in eine Schublade gesteckt wird, hat Saunders seinen ganz eigenen Ton und seine eigene Sicht auf die Dinge. Mit “Lincoln im Bardo” debütierte er nun erstmalig als Roman-Autor und der Sprung von der Kurzgeschichte zum Roman hätte niemandem besser gelingen können.

Im Zentrum steht niemand anderes als der 16. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Abraham Lincoln. Lincoln ist, wie jeder weiß, ein nationales Gut, ein Held Amerikas. Lincoln gab den Anstoß zur Beendigung der Sklaverei und führte die USA zur Weltmacht. Schaut man sich den derzeitigen Präsidenten an, hätte der Fall nicht tiefer sein können. Aber nicht nur durch seine politischen Erfolge, sondern auch durch die Tragik seines Lebens kann Lincoln auch heute noch Sympathien gewinnen. Den Tod fand er durch ein Attentat, das bis heute genau wie sein politisches Wirken fester Bestandteil der Historie ist. Und von seinen insgesamt vier Kindern starben bereits zwei zu Lincolns Lebzeiten.

Saunders Roman “Lincoln im Bardo” setzt im Frühjahr 1862 ein, als Lincolns elfjähriger Sohn William einer Krankheit zum Opfer fiel. Während Lincoln von der Trauer geplagt wird, sitzt der junge Will im Bardo fest. Nach der buddhistischen Lehre ist Bardo ein Zwischenzustand zwischen Diesseits und Jenseits und wird als Übergang ins Nirwana beschrieben. Will ist dort aber nicht alleine, sondern trifft auf zahlreiche andere Menschen, die sich im Bardo befinden. Anders als Will sind sie jedoch alle erwachsen. Denn Kinder bleiben eigentlich immer nur wenige Minuten im Bardo. Schon deswegen zieht der Elfjährige die Aufmerksamkeit auf sich. William kann nicht verstehen, was dort auf einmal vor sich geht und warum er sich an diesem eigenartigen Ort befindet, der sich allerdings als nicht mehr und weniger als der Friedhof herausstellt. Noch mehr für Aufregung sorgt allerdings der Umstand, dass auf einmal Lincoln selbst auf dem Friedhof auftaucht und den leblosen Körper seines Sohnes aus dem Sarg heraus hebt und ihn liebevoll in den Arm nimmt. Eine Geste, die allen Anwesenden so weit entfernt scheint, wie ihr eigenes vergangenes Leben. Was jetzt beginnt, ist ein Kampf der Gefühle im Diesseits und gleichermaßen im Bardo.

“Lincoln im Bardo” ist ein gut durchdachter und souverän konstruierter Roman, der seine Leserschaft nicht nur mit der Thematik zur Aufmerksamkeit zwingt, sondern auch durch seinen Aufbau. George Saunders mischt immer wieder fiktive und reale Statements zu den Tagen rund um Williams Tod in den Plot und versieht diese im Falle der Non-fiction auch mit knappen Quellenangaben. So erleben wir den Abend vor Williams Tod aus mehreren Perspektiven und bekommen einen viel intensiveren Einblick in die ohnehin schon tragischen Ereignisse. Und auch im Bardo herrscht ein reges Durcheinander der Stimmen, denn jeder Bewohner des Bardos hat etwas zu sagen und seine Geschichte zu erzählen. Sie alle teilen ihre Erlebnisse im und vor dem Bardo mit und versuchen die Anwesenheit des kleinen Williams zu ergründen.

“Lincoln im Bardo” ist kein einfacher Roman. Der Tod eines so jungen Kindes geht ja jedem nahe, und der Umstand, dass Saunders der Trauer von Abraham Lincoln einen angemessenen und glaubwürdigen Ausdruck verleiht, macht es nicht einfacher. Die Hilflosigkeit und gleichzeitig kindliche Naivität von William lässt sich in jedem seiner Sätze wahrnehmen. Auch verlangt Saunders weniger versierten Lesern durch die sehr dialoglastige Darstellung und die vielen verschiedenen Stimmen etwas ab. Nach zwei bis drei Kapiteln weiß man jedoch mit seinem Stil und seiner Konstruktion umzugehen und zur Erleichterung der allgemeinen Thematik lässt Saunders hier und da den ein oder anderen humorvollen Fall mit einfließen. Beispielsweise einen Mann, der nach dem Geschlechtsverkehr von einem Balken erschlagen wurde und der Meinung ist, dass er den Geschlechtsakt trotzdem baldig fortsetzen könnte.

George Saunders hat mit seinem Roman-Debüt ein Werk erschaffen, dass sich thematisch mit eher traurigen Bereichen auseinandersetzt, aber dennoch immer wieder die Kurve zum Erträglichen bekommt und sogar hier und da zwischen Tod und Verlust so etwas wie Trost spenden kann. Vor allem setzt Saunders neue Maßstäbe hinsichtlich des Narrativs, wenn es um das Thema Tod und Verlust geht. Ein Roman, der nur schwer in Worte zu fassen ist und zu Recht im vergangenen Jahr den Man Booker Prize einheimsen konnte. Debüts von solch narrativer Sprengkraft wünschen wir uns alle sicherlich häufiger. “Lincoln im Bardo” wird sich garantiert zum Klassiker entwickeln und ist schon jetzt ein Highlight des Seitenansichten-Jahres 2018.

George Saunders: “Lincoln im Bardo”, 448 Seiten, Luchterhand Literaturverlag, ISBN-13: 978-3630875521, 25 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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