Kai Schneider
25. Juni 2018

Eine neue Ära

Seitenansichten Spezial: Das silberne Zeitalter des Comics

„Mein Name ist Barry Allen und ich bin der schnellste Mann der Welt“: der erste Auftritt des neuen Superhelden Flash, Comic-Cover

Die in der Bildunterschrift wiedergegebenen Worte „Mein Name ist Barry Allen und ich bin der schnellste Mann der Welt“ sind der Kern der Einleitung jeder Folge der CW-Serie „The Flash“. Die Geburtsstunde des „Scarlet Speedster“ wird oft als Anbruch eines neuen Zeitalters der Superhelden-Comics gesehen, auch wenn – wie bereits in der Kolumne zum „Goldenen Zeitalter“ erwähnt – die Wechsel von einer Ära zur nächsten nicht immer klar definiert sind. Klar ist jedoch, dass Barry Allen als zweiter Flash der erste Superheld des Silbernen Zeitalters war, weshalb der Beginn in der Regel grob auf 1956 datiert wird. Dank Werthams „Seduction Of The Innocent“ und der Gründung der Comics Code Authority bietet diese Ära bis heute den wohl stärksten Kontrast zu allen anderen Abschnitten der Comic-Geschichte.

Die Richtlinien der CCA

Die Comics Code Authority war keine staatliche Institution, sondern ein freiwilliger Zusammenschluss der großen Publisher, um der harschen Kritik und den Vorwürfen der Jugendgefährdung entgegenzuwirken. Zwar waren der Beitritt und die Einhaltung der Richtlinien rein freiwilliger Natur, aber da viele Händler bald begannen, Comics ohne das CAA-Prüfsiegel aus ihrem Angebot zu verbannen, jedoch bekamen kleinere Verlage, die sich auf Horror- oder Crime-Stories spezialisiert hatten, dennoch schnell Schwierigkeiten, und die Superhelden dominierten bald wieder den Comic-Markt. 1971 und 1989 wurden die Richtlinien teilweise gelockert, aber die ursprüngliche Version von 1954 war ausschlaggebend für viele der Eigenheiten des Silver Age, wie klischeehafte Schurken-Monologe, da es nicht erlaubt war, Stories mit „bösen Elementen“ zu veröffentlichen, um einen moralischen Standpunkt zu vertreten, was zu einer starken Ausprägung einer Schwarz-Weiß-Moral führte. Verbrechen durften in keinster Weise Sympathie für den Ausführenden erwecken, erfolgreich sein, Misstrauen in Autoritätspersonen erwecken oder in einer anderen Weise als rein negativ dargestellt werden. Übersetzt hieß dies, ein Verbot für Korruption, Schurken mit einem Leben außerhalb ihrer Verbrechen und dem Gefängnis oder auch nur temporärem Erfolg. Letzteres sorgte dafür, dass selbst mehrteilige Geschichten eine Extra-Genehmigung brauchten. Darüber hinaus war die Darstellung oder Andeutung von Homosexualität oder Mixed-race-Beziehungen, Drogenkonsum oder Scheidungen nicht zulässig, Nacktheit und explizite Gewaltdarstellung oder deren Folgen waren ebenso unerwünscht wie Monster, und Worte wie „Horror“ oder „Terror“ im Namen verhinderten ebenfalls bereits den Erhalt des Prüfsiegels.

Öfter mal was Neues

Die neue Ära brachte einige neue Gesichter in die Regale: DC’s Reihe „Showcase“ brachte nicht nur neue Charaktere in den Vordergrund, sondern wurde auch als Plattform genutzt, um einige Helden des Goldenen Zeitalters neu zu besetzen. Barry Allen übernahm den Titel „Flash“ von Jay Garrik, Hal Jordan wurde Allan Scotts Nachfolger als komplett neu konzipierter „Green Lantern“, Ray Palmer erfand „The Atom“ neu und ersetzte Al Pratt. Marvel setzte indes weniger auf die Neuerfindung bekannter Charaktere – mit Ausnahme der menschlichen Fackel als Mitglied der Fantastischen Vier-, und ließ stattdessen neuen Helden Raum, darunter auch einigen ihrer inzwischen bekanntesten Gesichter wie Iron Man, Spider Man und Hulk. Doch auch für weiterhin bestehende Charaktere gab es einige Neuerungen: Supermans bestehende Kräfte nahmen zu. Statt nur schneller als eine Kugel zu sein, konnte er nun die die Grenzen der Zeit selbst durchbrechen. Er war in der Lage, zu fliegen und zerstörte gar einmal durch ein Niesen ein Sonnensystem. Außerdem bekam er regelmäßig neue Kräfte wie Super-Bauchreden oder die Fähigkeit, eine kleine Kopie seiner selbst mit all seinen Kräften aus seinen Fingerspitzen auszusenden. Diese neuen Fähigkeiten kamen in der Regel aus dem Nichts, erfüllten ihre Relevanz im aktuellen Plot und wurden anschließend nie wieder gesehen. Batmans Abenteuer reichten vom Verhindern, dass der Joker mit seinem patentierten Gift allen Fischen im Meer ein Grinsen verpasste, bis hin zur Verwandlung in ein Baby – was ihn nicht davon abhielt, als Bat-Baby weiter seiner Arbeit nachzugehen. Beide Helden bekamen – wie viele andere auch – in dieser Zeit mehr und mehr Verbündete. Von Batgirl und Supergirl bis hin zu Krypto dem Superhund Ace und dem Bat-Hund.

Gemeinsam sind wir stark

Auch neue Teams wie die „Avengers“ und die „Justice Leagu“e wurden während des Silbernen Zeitalters gegründet. Zwar haben sie seit ihren jeweiligen Gründungen in den frühen 60er-Jahren nicht wenige Änderungen in ihrer Besetzung gesehen, doch beide Teams haben bis heute Bestand, ähnlich wie DCs „Teen Titans“. DC hatte bereits im Goldenen Zeitalter einen Zusammenschluss an Helden – die Justice Society, welche ursprünglich als Vorläufer der Justice League gehandelt wurde, doch die gesamte Veröffentlichungspolitik hatte sich verändert: Während der 1940er-Jahre waren noch verschiedene Verlage für die einzelnen Mitglieder des Teams verantwortlich, so dass „Gast-Charaktere“ wie Batman oder Superman einen Platz als Ehrenmitglieder der Justice Society innehatten und nicht auf dem Cover erscheinen durften. Inzwischen hatten sich mehrere Verlage unter dem Namen DC Comics vereinigt, wodurch alle Rechte für die betreffenden Charaktere in einem Haus lagen, so dass die Einschränkungen wegfielen. Da es jedoch zeitgleich immer noch genug Interesse an den Helden der Justice Society gab, brachte DC schließlich das Multiversum ins Spiel, um beide Teams im Umlauf haben zu können, trotz verschiedener Helden mit gleichem Namen (unter anderem „Flash“ und „Green Lantern“). Was die Unterstützung der einzelnen Helden anging, hatten beide Verlage eine unterschiedliche Herangehensweise: Marvel setzte auf ein ausgewogenes Umfeld der Helden – mit wachsenden Support-Casts im Privatleben der Charaktere, DC gab den meisten Helden Sidekicks als Unterstützung mit ins Feld. Die Nachwuchshelden erfreuten sich großer Beliebtheit bei den Leserinnen und Lesern, sodass mit den „Teen Titans“ ein weiteres Team mit wechselnden Mitgliedern im Laufe der Jahrzehnte das Licht der Welt erblickte. Zwar hatten die Titans es gerade in ihrer Anfangszeit mit geringeren Bedrohungen zu tun, aber die Nachwuchshelden bekamen hier Raum, um zu wachsen, ohne im Schatten ihres Mentors zu stehen, was für nicht wenige von ihnen später noch von Bedeutung werden sollte.

Eine Ära geht zu Ende 2.0

Mit dem Wandel der Gesellschaft wurden nach und nach manche Richtlinien der CCA teilweise gelockert und die Geschichten nahmen wieder einen ernsteren Ton an. Doch wie schon beim Goldenen Zeitalter gibt es auch beim Silver Age keinen eindeutigen Schnitt, der das Ende markierte, stattdessen wird auch hier unter Comic-Historikern gestritten. Manche betrachten das Ende des Silbernen Zeitalters als Prozess, der sich mit den langsam ernster werdenden Themen einstellte und die Helden weniger optimistisch und wieder erwachsener werden ließ. Andere versuchen einen klaren Schnittpunkt zu finden und verwiesesen entweder auf den Preisanstieg von 12 auf 15 Cent auf dem US-Markt, DCs Crossover-Story „Crisis On Infinite Earths“, welche die Trennung zwischen den Welten des Goldenen (Earth II) und Silbernen (Earth I) Zeitalters beendete und die Universen verschmolz oder Marvels „Amazing Spider-Man #121“, welches mit dem Tod von Gwen Stacy einen starken Kontrast zu allem bisher Gesehenen bildete, da relevante Nebencharaktere bisher zwar in Gefahr gerieten, um den Helden zu motivieren, jedoch nie zuvor außerhalb der Entstehungsgeschichte ihr Leben verloren. Und selbst wenn Gwens Tod nicht das Ende der Ära heraufbeschwor, so war es doch ein deutliches Zeichen, dass nun ein neuer Wind in den Comic-Regalen wehte.

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur, Medien

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