Susanne Viktoria Haupt
16. Juli 2018

Eiskalt erwischt

Seitenansicht: „Ich, Eleanor Oliphant“ von Gail Honeyman

Ein Roman, dessen Klappentext die Leserschaft aufs Glatteis zu führen vermag: Gail Honeymans „Ich, Eleanor Oliphant“

Manchmal gibt es Bücher, an die hätte man sich ohne bestimmte Empfehlungen nicht herangetraut. Bücher, die man nach dem Lesen des Klappentextes wahrscheinlich eher uninteressant gefunden hätte. Doch dann sagte jemand, dass dieses Buch wirklich gut sei, also hat man es sich dann doch mal zur Brust genommen. So erging es mir mit „Ich, Eleanor Oliphant“ von der britischen Autorin Gail Honeyman. Der Klappentext entsprach erst einmal überhaupt nicht meinem persönlichen Lesegeschmack. Dort hieß es, es ginge im Roman um eine junge Frau namens Eleanor Oliphant, deren Leben in sehr geordneten Bahnen verlaufen würde. Bis sie sich dann verliebt. Das hat etwas von Literaturtipp auf einer Tupper-Party. Als jedoch die amerikanische Schauspielerin Kristen Ritter (bekannt aus Marvel’s „Jessica Jones“) „Ich, Eleanor Oliphant“ auf Instagram empfahl, fragte ich mich, ob an diesem Werk nicht doch etwas dran sein könnte. Dennoch dauerte es eine kleine Weile, bis ich mir den Roman endlich schnappte. Herausgekommen ist er nämlich in deutsche Sprache bereits 2017. Und schließlich war ich nicht nur positiv von diesem Roman überrascht, sondern wurde dank des irreführenden Klappentextes auch noch wahrlich eiskalt erwischt.

Ja, es geht um Eleanor Oliphant. Sie ist Ende 20 und arbeitet seit ihrem College-Abschluss in ein und demselben Büro. Und natürlich auch in ein und derselben Position. Ihr Leben ist also ziemlich routiniert. Sie weiß ganz genau, was sie jeden Tag essen wird, und die Speisen wiederholen sich konsequent. Jeden Mittwochabend telefoniert sie mit ihrer Mutter. Am Freitag kauft sie sich stets zwei Flaschen Wodka, die sie über das Wochenende verteilt trinkt. Gut, alleine zwei Flaschen Wodka zu trinken, ist schon etwas absurd, aber zu Beginn glaubt der Leser, dass sie dies einzig und allein zur Kompensation der Einsamkeit tut. Denn Eleanor ist nicht unbedingt sozial aufgeschlossen und steht selbst nach all den Jahren inmitten der Bürogemeinschaft noch im gesellschaftlichen Abseits. Eins Tages jedoch geht Eleanor mit einem Arbeitskollegen auf ein Konzert und verliebt sich dort Hals über Kopf in den Leadsänger. Getragen von dieser Fernliebe, verliert Eleanor sich in einem tendenziell eher obsessiven Verhalten. Ihre ganze Aufmerksamkeit gilt nun dem Sänger der lokalen Band und die Weiten des Internets begünstigen ihr Verhalten.

Das aufkeimende Verliebtsein in den Musiker wird jedoch durch Raymond durchbrochen. Raymond ist ein eher leger gekleideter und in Eleanors Augen unkonventioneller Kollege aus der IT-Abteilung. Obgleich die beiden nichts miteinander gemein haben, scheint sie ein schicksalhafter Moment zusammenzuschweißen. Durch diesen Moment beginnt Eleanor, nicht nur Raymond Stück für Stück in ihr Leben zu lassen, sondern gewährt auch den Leserinnen und Lesern einen intensiveren Einblick in ihr Leben und ihre Vergangenheit. Und diese ist nicht nur äußerst tragisch, sondern erklärt zudem auch das unübliche Alltagsverhalten von Eleanor. So rutscht die zunächst leicht und locker anmutende Geschichte schnell in eine ganz neue Richtung und bedient sich dabei sowohl Elementen des psychologischen Romans als auch des Psycho-Thrillers…

Bis auf einige Sequenzen, die leider bezüglich der Psychologisierung der Figuren eher schwach aufgebaut wurden, ist „Ich, Eleanor Oliphant“ ein Buch, das man keineswegs schnell zur Seite legen kann. Sehr schnell streut Gail Honeyman Brotkrumen, die einen immer weiter in die düstere Vergangenheit der Protagonistin leiten. Beeinflusst durch den sehr oberflächlichen Klappentext, erschreckt man sich bei den gut gesetzten Twists. Wer sich von einem Roman inhaltlich wirklich überraschen lassen möchte, ist mit diesem Roman sicherlich gut bedient. „Ich, Eleanor Oliphant“ hat mich gedanklich gerade wegen seiner fragilen und zunächst undurchschaubaren Protagonisten durchaus einige Tage beschäftigt. Überraschend hart und erfreulich spannend. Die Rechte für eine Verfilmung hat sich übrigens bereits Hollywood-Star Reese Witherspoon gesichert.

Gail Honeyman: „Ich, Eleanor Oliphant“, 528 Seiten, Bastei Lübbe, ISBN-13: 978-3431039788, 20 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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