Sebastian Albrecht
10. August 2018

Arbeit oder Ausbeutung?

Im Pavillon Hannover wird heute Prostitution aus feministischer Sicht diskutiert: “Sex-Arbeit im Spannungsfeld zwischen Legalität, Illegalität und gesellschaftlicher Herausforderung”

Schweden

Führte das so genannte “nordische Modell” ein, das Freier, aber nicht Prostituierte bestraft und mittlerweile von einigen europäischen Ländern übernommen wurde: Schweden

Wann immer das Thema Prostitution zur Sprache kommt, fällt so sicher wie das Amen in der Kirche irgendwann auch die Behauptung, es handle sich dabei eben um das älteste Gewerbe der Welt. Schon immer sei der eigene Körper für eine Gegenleistung wie Geld oder Lebensmittel feilgeboten worden. Häufig bleibt die Aussage ohne Widerspruch im Raum stehen, dabei wirft sie doch interessante Fragen auf: Woher kamen eigentlich das Geld oder die Lebensmittel, mit denen der Beischlaf abgegolten wurde? Entstanden ganze Branchen wie die Fischerei und die Jagd aus einem Angebot einer ansehnlichen Dirne heraus, die unseren männlichen Vorfahren gegen Bezahlung den Beischlaf anbot? Und diese, bisher beschäftigungslos in der Höhle herumlungernd, gingen gezwungenermaßen auf die Jagd, um die Frau mit einer Mammut-Keule entlohnen zu können? Oder gab es Jäger, Fischer und andere Berufe vielleicht doch schon vor der Prostitution?

Vermutlich gehört die Aussage über das älteste Gewerbe zu einem dieser Allgemeinplätze, deren Wahrheitsanspruch allein darin besteht, schon immer behauptet worden zu sein – was sie natürlich nicht davor schützt, trotzdem falsch zu sein. Unstrittig ist hingegen, dass die Geschichte der Prostitution sehr alt ist. Bordelle aus dem 7. Jahrhundert vor Christus, vom Staatsmann Solon in Athen erbaut, sind schriftlich belegt. Doch der Ursprung der Prostitution ist historisch noch nicht abschließend geklärt, viele Historiker vermuten, dass dieser in der Sklaverei zu finden sei.

Die Frage nach dem Alter der Prostitution beantwortet aber natürlich nicht die Frage, wie sie zu sehen ist. Eine Existenz seit Anbeginn der Menschheit macht sie nicht besser – aber auch nicht schlechter. Die Haltung ihr gegenüber hat die Jahrtausende über immer wieder gewechselt – und auch heutzutage wird sie von Land zu Land unterschiedlich gehandhabt. In manchen Länder ist Prostitution verboten, in anderen wiederum zwar verboten, aber toleriert, andere Nationen haben sie hingegen legaliert.

Im Pavillon Hannover wird heute Abend über das Phänomen Sex-Arbeit diskutiert und dieses in einem gesellschaftlichen Kontext verortet und unter einem feministischen Gesichtspunkt diskutiert. Augenmerk liegt hier auf zwei europäischen Modellen, dem nordischen, das seinen Ursprung in Schweden hat, und dem deutschen. In Schweden und unter anderem auch in Frankreich ist der Sex-Kauf, nicht aber der Sex-Verkauf strafbar. Vereinfacht gesagt werden bei Zuwiderhandlung die Freier bestraft, nicht aber die Prostituierten selbst. Prostitution wird hier als eine Menschenrechtsverletzung und als Gewalt gegen Frauen gesehen. Anders sieht es in Deutschland aus: Seit 2002 ist Sexarbeit legal, 2017 wurde das Prostituiertenschutz-Gesetz veröffentlicht, das Kriminalität bekämpfen und Prostituierte besser schützen soll.

Natürlich ist das Thema komplexer und eben auch nicht von der gesellschaftlichen Ebene zu trennen. Ausbeutung und Kriminalität gänzlich verhindern können beide Modelle mit ihren unterschiedlichen Ansätzen natürlich nicht, aber sie eint, dass die Situation der meist weiblichen Prostituierten verbessert wird und sie etwa gegen Menschenhandel besser geschützt werden. Während das schwedische Modell eine freiwillige Berufsausübung unter den sozialökonomischen Bedingungen negiert, stellt Deutschland die freie Berufswahl und den Schutz der Prostituierten in den Vordergrund. Die Übergänge zwischen freiwilliger und legaler Sexarbeit auf der einen und Prostitution auf der anderen Seite sind allerdings fließend: So sind über die Hälfte der Frauen, die in Deutschland als Prostituierte arbeiten, Migrantinnen, die sich für eine Zeit legal in Deutschland aufhalten, um danach in ihr Heimatland zurückzureisen. Über das Für und Wider werden im Pavillon Helga Tauch und Ann Wiesental referieren. Tauch ist Mitarbeiterin für SOLWODI und dort zuständig für Öffentlichkeitsarbeit und das nordische Modell. Wiesental ist Mitglied der Gruppe “Maria+Magdalena 4 ever”, die sich für dieRechte von Sex-Arbeiterinnen und Sex-Arbeitern einsetzt.

Freitag, 10. August 2018:
“Sex-Arbeit im Spannungsfeld zwischen Legalität, Illegalität und gesellschaftlicher Herausforderung. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Sex-Arbeit”, Diskussionsrunde, Pavillon Hannover, Lister Meile 4, 30161 Hannover, Beginn: 18 Uhr, Eintritt frei

(Foto: Wappen von Schweden)

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Kategorien: Politik, Tagestipps

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