Susanne Viktoria Haupt
6. August 2018

Leise Töne vor der Bomben-Detonation

Seitenansicht: “High Dive” von Jonathan Lee

Keine Hochgeschwindigkeit, aber gerade deswegen empfehlenswert: Jonathan Lees “High Dive”, Buchcover

Am 12. Oktober 1984 verübte die IRA einen Bomben-Anschlag auf das Grand Hotel in Brighton, Großbritannien. Das sonst so beschauliche “London by the Sea” galt und gilt sowohl als begehrtes Seebad Großbritanniens als auch als Schmelztiegel der britischen Musik- und Kunst-Szene. Warum also dort eine Bombe platzieren? Grund war ein Besuch der Iron Lady, Premierministerin Margaret Thatcher, im Rahmen eines Parteitages der konservativen Partei. Thatcher selbst erfreute sich in Großbritannien keiner allzu großen Beliebtheit. Das legitimiert selbstverständlich keinen Anschlag, so viel ist klar. Aber für die IRA war Thatcher die Stellvertreterin allen Übels hinsichtlich des Nordirland-Konflikts.

1981 hatte man bereits versucht, die britsiche Regierung mittels eines Hungerstreiks in die Knie zu zwingen. Jene Bombe, die nun 1984 vom IRA-Mitglied Patrick Magee in der Nähe der Premierministerin platziert wurde, sollte die Iron Lady vom Thron stoßen und gleichzeitig die Macht der Organisation demonstrieren. Zwar hatte Thatcher Glück und blieb bei dem Anschlag unversehrt, aber fünf andere Partei-Mitglieder verloren dabei ihre Leben. Und auch, wenn man damals von dem “Ende einer Unschuld Großbritanniens” sprach, war es letztendlich doch das Ziel selbst, also Margaret Thatcher, die durch ihre Coolness nach dem Anschlag Pluspunkte beim Volk sammeln konnte.

Der Nordirland-Konflikt ist ein unglaubliches komplexes Thema und immer wieder merkt man, dass weder Großbritannien, noch Irland selbst diesen Konflikt bisher ausreichend aufgearbeitet haben. Von einer wirlich friedlichen Koexistenz der beiden irischen Teile kann man leider nicht sprechen. Auch wenn sich die Stimmung zwischen Irland und Nordirland natürlich im Laufe der Jahre gebessert hat. Doch wenn solche Konflikte politisch und gesellschaftlich nur mäßig aufgearbeitet werden, sind es oft Künstlerinnen und Künstler, Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sich der Aufarbeitung annehmen und vermitteln helfen.

So auch der in Surrey geborene Schriftsteller Jonathan Lee. Mit seinem neuen Roman “High Dive” stellt er nicht nur den Bomben-Anschlag von 1984 ins Zentrum des Geschehens, sondern bindet diesen in einen rasanten und halbfiktiven, gleichwohl aber leisen und hochpolitischen Roman ein. Lee bedient sich dabei der Multi-Perspektivität und lässt unterschiedliche Akteurinnen und Akteure zu Wort kommen, von denen manche real und andere nicht real sind.

“High Dive” setzt vier Wochen vor dem Anschlag an und ist damit historisch gesehen ziemlich genau. Denn Patrick Magee platzierte die Bombe bereits Mitte September. Im Roman begegnen wir ihm als Roy Walsh und auch sein Komplize, der Bombenbauer Dan, wird von Lee in die Geschichte integriert. Neben Roy und Walsh verfolgen wir die Geschehnisse vor allem durch die Augen des Hotel-Managers Philip Finch. im Wechsel der Perspektiven springt Lee von Brighton nach Belfast und wieder zurück. Dabei legt der Autor weniger wert auf eine rasante Erzählstruktur als auf einen minutiösen Stil, der seinen Leserinnen und Lesern jedoch jedes noch so kleine, aber zur Atmosphäre beitragende Detail, serviert.

In Deutschland erhielt Jonathan Lees Roman bisher kaum Beachtung. Und das, obwohl “High Dive” bereits im Juni erschienen ist. Gänzlich anders sieht das die englischsprachige Presse, die Lee als eine der wichtigsten literarischen Stimmen der britischen Moderne bezeichnet. Sowohl der New Yorker als auch der Guardian und die New York Times ließen sich zu wahren Lobreden hinreißen. langeleine.de kann sich diesem Urteil nur anschließen. “High Dive” ist ein gelungener Thriller, bei dem man literarisches Geschick zu spüren bekommt. Relevant ist das Buch aber nicht nur für Menschen, die sich für den Nordirland-Konflikt interessieren, sondern auch für alle, die auf Spannung aus sind, welche sich vor allem durch die Ausdauer und das Geschick des Autors zu entfalten vermag.

Jonathan Lee: “High Dive”, 464 Seiten, btb Verlag, ISBN-13: 978-3442756315, 16 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur

Kommentiere diesen Artikel