Susanne Viktoria Haupt
20. August 2018

Auf der Suche

Seitenansicht: „Lovecraft Country“ von Matt Ruff

Wenn der Horror sich an der Realität bedient: Matt Ruffs „Lovecraft Country“, Buchcover

Vor einigen Jahren bekam ich den Roman „Bad Monkeys“ von Matt Ruff zum Geburtstag. Das Geschenk kam von einem Freund von mir, der sowohl Schriftsteller als auch Drehbuchautor ist. Die Erwartungen waren dementsprechend hoch und wurden voll und ganz erfüllt. Schnell war ich im Matt Ruff-Bann und das Werk „Ich und die anderen“ des New Yorker Schriftstellers ist mir immer noch sehr präsent. Dieses Jahr erschien Ruffs neuer Roman auf dem deutschen Buchmarkt. „Lovecraft Country“ heißt er und liest sich sowohl wie eine kritische Hommage an den Kult-Autor H.P. Lovecraft, aber ebenso auch wie ein Spiegel des offenbar niemals enden wollenden Rassismus in Amerika.

Als Vorbild für „Lovecraft Country“ fungierte offenbar Lovecrafts Erzählung „Schatten über Innsmouth“. Innerhalb dieser Geschichte geht es um die fiktive Stadt Innsmouth, in der die Bewohnerinnen und Bewohner einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben. Sämtliche Bewohner sehen deutlich anders aus als der Rest der amerikanischen Gesellschaft und werden als verteufelte Fremde ausgegrenzt. Sie bringen nur Unheil und Epidemien, so der Glaube.

In Matt Ruffs „Lovecraft Country“ wird der Spieß nun umgedreht. Während bei Lovecraft die verteufelten Fremden Mischwesen aus Mensch und Wasser-Alien waren und die Guten eben durch die lieben weißen Amerikaner dargestellt wurden, ist Ruffs Roman mit farbigen Figuren bevölkert. Nur sind nicht sie es, die in dieser Geschichte hassen. Sie sind immer noch die, die gehasst werden.

Protagonist Atticus macht sich 1954 auf den Weg, um seinen verschwundenen Vater zu finden. Zwar war das Verhältnis der beiden stets angespannt, aber dennoch begibt sich Atticus auf diese Reise. Von Chicago aus verschlägt es ihn nach Ardham. Doch bereits auf dem Weg dorthin wird seine Reise von zahlreichen rassistischen Zwischenfällen unterbrochen. Die Schikane der Polizei ist kaum auszuhalten und das, was Ruff nachzeichnet, ist offenbar zu nah an der Wahrheit dran, um als Wahrheit tatsächlich enttarnt zu werden. Die damaligen Rassengesetze machen aus diesem Roman eine Horrorgeschichte.

Matt Ruff ist an diesem Punkt aber noch nicht fertig mit seiner Abrechnung. Denn auch wenn die amerikanischen Rassengesetze glücklicherweise abgeschafft wurden, wird das Land immer noch von Rassismus-Wellen durchzogen. Diese machen auch nicht vor der populären Kultur Halt und daher übt Ruff innerhalb seiner Figuren-Dialoge heftige Kritik an der weiß aufgeladenen Literatur- und Film-Geschichte. Vor allem auch am Horror-Genre, da dort die Farbigen meist zu den ersten Opfern zählen oder aber Täter sind. Sie sind einfach keine Helden.

Doch trotz aller Schreckens-Szenarien bleibt Ruff auch mit „Lovecraft Country“ seinem ganz eigenen Stil treu und verstreut seinen ihm eigenen bösen Humor. Dass er das kann, hat er bereits 2003 mit seinem Roman „Ich und die anderen“ bewiesen. In diesem Roman ging es um einen Menschen mit einer multiplen Persönlichkeitsstörung, die zwar durch fürchterliche Erlebnisse entstanden ist, durch Ruffs Augen jedoch zum irren Roadtrip durch den Kopf des Protagonisten wurde. Dennoch verliert Ruff auch bei seinem neuesten Werk keinesfalls das Wichtige aus den Augen und banalisiert den Rassismus mit keinem einzigen Wort. Ein irres Werk, doch wer denkt, dass sich hinter diesem Titel ein Horror-Roman im Stil von H.P. Lovecraft verbirgt, der wird leider enttäuscht sein.

Matt Ruff: „Lovecraft Country“, 432 Seiten, Hanser Verlag, ISBN-13: 978-3446258204, 24 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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