Marcel Seniw
30. August 2018

“Ein Spiel, auf das wir uns besonders freuen”

Abseits – Hannover 96 vor dem Spieltag. Morgen: das Heimspiel gegen Borussia Dortmund

Toller Rahmen für ein Topspiel: die HDI Arena unter Flutlicht

Stimmungsvoller Auftakt unter Flutlicht: Am Freitagabend wird die HDI-Arena zum ersten Heimspiel vollbesetzt sein

Es läuft die 75. Spielminute im Bremer Weserstadion. Takuma Asano läuft zur Auswechslung Richtung Seitenlinie, denn beim Stand von 0:0 wird es langsam Zeit für die Weydandtsche Märchenstunde. Altmeister Claudio Pizarro vergibt noch eben schnell eine Chance, was Hannovers neuer Nummer 1, Michael Esser, einen Torabstoß beschert. Esser spielt ein langes Ding auf Niclas Füllkrug, der leitet weiter auf Ihlas Bebou. Bebou mit gescheitem Lupfer-Pass auf den einlaufenden Hendrik Weydandt – und der Bundesliga-Debütant tunnelt Werder-Keeper Jiri Pavlenka. Es waren gerade einmal 75 Sekunden vergangenen, bis Weydandt in der Bundesliga ankam. Beim Torjubel wirkte der 23-Jährige etwas verdutzt, fast schüchtern, als könnte er es selbst nicht fassen, was da gerade eben passiert ist. Vor einem halben Jahr kickte er noch gegen die Reserven von Wolfsburg, Hamburg und 96, nun hat er mit seinen ersten drei Torschüssen im DFB-Pokal und in der Bundesliga drei Tore im Profi-Bereich erzielt. Statistisch knipst “Henne” alle acht Minuten.

“Ein Supertyp”

Bei dem Tempo, dass die Karriere des Hünen gerade anschlägt, kann einem schon mal schwindelig werden. Und Hannover 96? Der Klub hat einen unterschriftsreifen Vertrag ausgearbeitet, der von Martin Kind bereits abgenickt wurde. Als Nachwuchsleiter Michael Tarnat den Angreifer zur zweiten Mannschaft der Roten holte, lockte er den Stürmer mit der Aussicht, hier den Sprung zu den Profis packen zu können. Da hat sich Weydandt nicht lange bitten lassen, und er nahm schnell richtig Tempo auf. Nicht umsonst betont Chefcoach André Breitenreiter: “Das hat er sich erarbeitet.” Das erste Kapitel des modernen Fußball-Märchens ist somit geschrieben. Hoffentlich folgen noch viele weitere, denn Teamkollege Kevin Wimmer brachte es auf den Punkt: “Ein Supertyp, einer, dem man es gönnt.” Bis wir Hannovers neuen Märchen-Prinzen das erste Mal zum Interview vor der Kamera sehen werden, müssen wir uns alle aber wohl noch etwas gedulden. Weydandt möchte sich erst einmal auf den Fußball konzentrieren, was bei Manager Horst Heldt und Trainer Breitenreiter gut ankommt. Doch sollte Hannovers “Man of the Match” aus Bremen auch am Freitagabend gegen Borussia Dortmund treffen, dann wird es auf Dauer schwierig, ihn vor der Journaille zu behüten. Doch abwarten, immerhin könnte es für ihn nun das erste Mal gegen ein Schwergewicht im deutschen Fußball gehen.

Der neue BVB

Im letzten Jahr haben wir 96-Fans uns nach dem Spiel gegen Dortmund schon ziemlich die Augen reiben müssen, als wir nach dem Abpfiff das Endergebnis auf der Video-Leinwand anschauten: Hannover 96 schlug die Borussia daheim mit 4:2. Was für ein Spiel! Ein Traum-Freistoßtor von Felix Klaus, ein Doppelpack von Ilhas Bebou und sogar der inzwischen gewechselte Transfer-Flop Jonathas konnte an diesem Tag gut spielen und traf vom Punkt. Damals war übrigens noch Peter Bosz Übungsleiter der Schwarz-Gelben, dessen viel gelobte offensive Spielweise von seiner Mannschaft eher harakirimäßig interpretiert wurde. Bosz und der BVB – das passte irgendwie nicht. Und so lief der BVB an diesem Tag in so manchen 96-Konter. Nach einer Übergangsphase unter Peter Stöger steht nun der Schweizer Lucien Favre an der Seitenlinie der Borussen. Favre gilt als detailverliebter Fußball-Nerd, der seine Spieler besser macht. Unter ihm feierte Borussia Mönchengladbach die größten Erfolge der jüngeren Vereinsgeschichte, führte er die Fohlen-Elf doch aus den Niederungen der Tabelle bis in die Champions League. Außerdem war Gladbach unter Favre so etwas wie der “Angstgegner” des FC Bayern München, setzte es für den Rekordmeister doch regelmäßig Niederlagen gegen ihn und seine Elf.

Starke Neuzugänge

Unter dem 60-Jährigen könnte Borussia Dortmund wieder zu einem echten Bayern-Jäger werden. Obwohl Favre noch nicht gänzlich zufrieden ist mit dem Spiel seiner Mannschaft – nach so kurzer Zeit ist es auch kein großes Wunder, dass die einzelnen Rädchen noch nicht perfekt ineinander greifen -, wurde RB Leipzig am vergangenen Sonntag mit 4:1 aus dem Signal Iduna Park geschossen. Stark aufgespielt haben unter anderem die beiden Neuzugänge auf der Doppelsechs: Thomas Delaney und der belgische WM-Dritte Axel Witsel. Nach einem parierten harten Kopfball von Delaney traf Witsel sehenswert per Seitfallzieher zum zwischenzeitlichen 3:1. Zudem hat der BVB auch seinen Sturm aufgerüstet: Mit Paco Alcácer wurde vom FC Barcelona ein spielstarker und passsicherer 25-jähriger Angreifer zunächst für ein Jahr ausgeliehen und die Dortmunder sicherten sich obendrein eine Kaufoption. Doch ob Alcácer schon eine Option für die Startelf gegen 96 ist, weiß nur Lucien Favre. Als 96-Fan möchte man ihn lieber nicht auf dem Platz sehen, denn neue BVB-Stürmer zeigten sich bei ihren Debüts zuletzt sehr treffsicher: Chelsea-Leihgabe Michy Batshuayi traf bei seinem Debüt gegen Köln doppelt, Pierre-Emerick Aubameyang damals gegen Augsburg gar dreifach. Von daher soll sich Alcácer ruhig noch zwei Wochen Zeit lassen mit seinem Debüt, nach der Länderspielpause darf er dann die Frankfurter Eintracht auseinander schießen.

Heimspiel mit Flutlicht und ohne Stimmungsboykott

96-Coach André Breitenreiter hat die Vorfreude auf das morgige Spiel auf der Pressekonferenz ziemlich gut verbalisiert: “Das sind genau die Spiele, die man sich wünscht: Abendspiel, Flutlicht-Atmosphäre, Unterstützung von den Rängen, der Tabellenführer kommt. Ja, ich glaube das ist ein Spiel, auf das wir uns besonders freuen – natürlich auch begründet in Erinnerung an das letzte Heimspiel der letzten Saison gegen Dortmund mit vielen positiven Erlebnissen. Wir freuen uns darauf, dem Tabellenführer mit hoher Qualität Paroli zu bieten.” Besser kann man es kaum ausdrücken. Besondere Freude herrscht im Verein und wohl auch bei jedem Dauerkarten-Inhaber darüber, dass die aktive Fanszene ihren Stimmungsboykott erst einmal auf Eis gelegt hat. In Karlsruhe und auch in Bremen wurden die 96er wieder richtig angefeuert. Passend zur erfreulichen Annäherung zwischen Verein und Fanszene bekommen wir 96-Fans also das erste Mal seit längerer Zeit wieder richtig Atmosphäre im Stadion geboten – und das auch noch bei Flutlicht. Da sage noch einer, die Zeit der Fußball-Romantik sei vorbei. Der würde von mir einen Blick ernten, der stark an den verdutzten Weydandt nach seinem Tor gegen Bremen erinnern würde.

Kinderriegel 2.0

Bei aller Romantik: Ich glaube, der BVB könnte an diesem Freitag eine Nummer zu groß für Hannover 96 sein. Im letzten Jahr konnte 96 die seinerzeit vogelwilde BVB-Abwehr noch einfach auskontern, zudem musste mit Dan-Axel Zagadou ein Dortmunder beim Stand von 2:2 eine halbe Stunde früher vom Platz. Mit diesen Faktoren dürfen Breitenreiter und Co. am Freitag nicht unbedingt rechnen. Aber: Am ersten Spieltag setzte es für den BVB bereits in der ersten Minute einen Gegentreffer. Und wenn es eine Schwachstelle bei der Borussia geben sollte, dann könnte es die neu formierte Innenverteidigung aus Manuel Akanji (23) und Abdou Diallo (22) sein, die ein wenig an den “Kinderriegel” aus den Anfangstagen eines gewissen Jürgen Klopps im Jahr 2008 erinnern, der aus Mats Hummels und Neven Subotic bestand, die damals gerade einmal 19 Jahre alt waren. Vielleicht geht also doch etwas für 96, immerhin hatten die Roten letzte Woche auch den selbsternannten Europapokal-Aspiranten Werder Bremen am Rande einer Niederlage. Daher tippe ich einfach mal ein optimistisches 2:2 – auch wenn ich eher mit einer Niederlage rechne. Doch wer weiß schon so genau, wie sich die zurückkehrende Stimmung in der HDI-Arena auf Breitenreiters Jungs auswirkt. Vielleicht vernascht der Weydandt ja den Kinderriegel!

Freitag, 31. August, 20.30 Uhr:
Hannover 96 – Borussia Dortmund

(Foto: Marcel Seniw)

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Kategorien: Sports

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