Susanne Viktoria Haupt
3. September 2018

Im Übergang

Seitenansicht: “Das brennende Mädchen” von Claire Messud

Mit “Das brennende Mädchen” beweist Schriftstellerin Claire Messud einmal mehr ihre präzise und zugleich poetische Beobachtungsgabe

Julia und Cassie kennen sich seit dem Kindergarten. Und eigentlich kann sich Julia gar nicht mehr an ein Leben ohne Cassie erinnern. Vom ersten Tag an sind sie wie Schwestern. Das passt für zwei Einzelkinder natürlich besonders gut. Ihre Unterschiede machen sie zwar aus, aber schweißen sie gleichzeitig auch zusammen. Julia ist immer die etwas Ruhigere, Cassie eher mutig. Gemeinsam erleben sie Sommer für Sommer, Winter für Winter. Die Familie der anderen wird zur Erweiterung der eigenen. Zusammen helfen sie im Tierheim aus, toben in der Ruine der ehemaligen Nervenheilanstalt herum und baden im Pool von Julias Nachbarn. Es ist eine wahre Bilderbuch-Freundschaft, bei der man glaubt, dass zwischen die beiden Mädchen kein Blatt passt. Ihre Beziehung zueinander scheint viel zu harmonisch zu sein. Und vor allem Julia ist der Meinung, dass sie Cassie besser kennt, als jeder andere Mensch auf der Welt. Sogar besser, als Cassie sich selbst kennt.

Vielleicht erinnert sich der ein oder andere an genau jenen Sommer, der das eigene Leben von Grund auf auf den Kopf stellte. Jener Sommer, in dem wir uns scheinbar urplötzlich von einem verträumten Kind zum unbeholfenen Teenager wandelten. Diesen Sommer, der alles, aber auch einfach alles veränderte. Und das nicht nur scheinbar. Für Cassie und Julia ist es das Ende des Sommers, als sie beide in die siebte Klasse kommen. Auf einmal steckt Julia in den Kursen für Fortgeschrittene und Cassie muss sich mit den normalen Kursen begnügen. Ganze Welten scheinen sich zwischen die beiden zu schieben. Cassie findet neue Freunde, und vor allem eine neue sehr gute Freundin, die Julia nicht nur nicht passt, sondern auch ganz anders ist als sie. Ihre einstige beste Freundin verändert sich plötzlich innerlich rasant. Sie wird zum Jungs-Magneten und treibt sich auf Partys herum. Zwar hat sie manchmal noch ein nettes Wort für Julia übrig, aber ansonsten scheinen sich die Lebenswege der beiden urplötzlich in ganz unterschiedliche Richtungen zu bewegen. Erst, als Cassies Mutter eine Beziehung mit dem unterkühlten und sehr religiösen Arzt Anders Shute eingeht, bricht aus Cassie etwas heraus, was selbst Julia so nicht hatte kommen sehen. Denn für Cassie steht jetzt nicht nur alles auf dem Spiel, was sie einst als ihre Familie betrachtet hatte, sondern auch ihre eigenen Wurzeln…

Claire Messud ist eine amerikanische Schriftstellerin mit kanadischen und französischen Wurzeln. Mit ihrem Roman “Des Kaisers Kinder” feierte sie 2006 internationale Erfolge und konnte nicht nur die Leserschaft, sondern auch die Presse für sich begeistern. Zeitgleich heimste sie für diesen Großstadt-Roman auch eine Nominierung für den begehrten Booker Prize ein. Mit “Das brennende Mädchen” legt sie nun einen psychologischen Roman über die Schwierigkeiten der frühen Teenager-Jahre, die Freundschaft und das Konstrukt Familie vor. Mit Liebe zum Detail und zur Story verwandelt sie diesen Coming of Age-Roman schnell zu etwas viel Tieferem, so dass “Das brennende Mädchen” die Grenzen dieses Genres unbemerkt sprengt. Kurz: “Das brennende Mädchen” ist ein Roman, der elementare Gedanken eines jeden Menschen aufgreift und sie in eine Geschichte einbettet, die einen bis zur letzten Seite fest im Griff hat.

Claire Messud: “Das brennende Mädchen”, 256 Seiten, Hoffmann und Campe Verlag, ISBN-13: 978-3455003925, 20 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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