Susanne Viktoria Haupt
12. September 2018

Beziehungsweisen

Im Rahmen des Literaturfestes Niedersachsen liest Jennifer Clement im Literarischen Salon aus ihrem neuen Roman „Gun Love“

Zwischen Poesie und knallharter Realität: „Gun Love“ von Jennifer Clement, Buchcover

Neulich präsentierte die amerikanische Musical-Darstellerin und Schauspielerin Lea Michele bei der Ellen DeGeneres Show ihre liebsten Clips aus den Reality-Shows. Mit dabei war unter anderem ein Clip aus dem Format „My Strange Addiction“. Gegenstand des Clips war eine junge Frau, die eine dann doch fragwürdige Beziehung zu ihrem Kopfkissen hatte. Ihre Beziehung war so innig, dass sie das Kopfkissen sogar mit zum Einkaufen nahm und es in den Babysitz des Einkaufswagens verstaute. Und ja, es gibt schon zahlreiche merkwürdige Beziehungen auf der Welt und manche, die nicht jeder nachvollziehen kann.

Und was die US-Amerikaner angeht, so hegen sie eine besonders innige Beziehung, die wir Deutschen größtenteils nicht verstehen können: ihre Beziehung zu Waffen. Vor allem in Anbetracht der zahlreichen fürchterlichen Unfälle und Amokläufe, ist das Festhalten an den sehr lockeren US-Waffengesetzen aus europäischer Sicht unverständlich. Erst im Februar dieses Jahres erschoss der gerade mal 19-jährige Nicholas Cruz 14 Jugendliche und drei Erwachsene an seiner ehemaligen High School in Florida. Am 24. März gingen daraufhin beim „March for our Lifes“ in Washington Hunderttausende auf die Straße. Gegen die Waffengewalt in den Staaten und für eine Verschärfung der Waffengesetze. Der Tropfen auf dem ohnehin überhitzten Stein kam dabei von Präsident Trump, der sich gegen eine Verschärfung aussprach, aber für eine freiwillige Bewaffnung der Lehrkräfte plädierte. Man kann das Kopfschütteln der Verfasserin dieser Zeilen deutlich vor sich sehen.

Vielleicht kommt deswegen der Roman „Gun Love“ von der in Mexiko lebenden Schriftstellerin Jennifer Clement gerade richtig. Denn Clement richtet den Blick dorthin, wo es weh tut. Und auf das, was gerade für uns europäische Bürgerinnen und Bürger unvorstellbar ist. In „Gun Love“ kommt Protagonistin Pearl auf die Welt, als ihre Mutter gerade einmal 16 Jahre alt war. Ihre Mutter reißt mit dem heimlich geborenen Baby von Zuhause aus und lebt fortan in Florida mit Pearl am Rande eines Trailer-Parks in einem alten Ford Mercury. Trotz aller Armut empfindet Pearl diese Welt als heile Welt. Das Auto ist ihr Zuhause, ihr Kinderzimmer. Ihre Mutter erzählt ihr in langen Gesprächen von früher. Vor allem zeigt sie Pearl, dass man trotz aller Widrigkeiten träumen kann. Und es vor allem auch sollte. Doch eines Tages zieht ein Mann mit in den alten Mercury und bringt nicht nur Pearls ehemals heile Welt durcheinander, sondern bringt zudem auch noch eine Waffe mit. Neben dem Mann und der Waffe ist auf einmal nicht mehr viel Platz für Pearl. Weder im Mercury, noch im Leben ihrer Mutter. Pearl, die so langsam zur Teenagerin wird, sieht sich gezwungen, sich eine neue Bleibe zu suchen. Und gerät dadurch immer tiefer in die Welt des Waffenschmuggels.

„Gun Love“ ist ein poetischer Blick auf die Tristesse des sogenannten „White Trash“. Trailer-Parks kennen wir hierzulande nicht. Und dass ein junger Teenager offenbar so einfach in Kontakt mit Waffenschmugglern kommt, erscheint uns ebenso unvorstellbar. Jennifer Clement beschönigt nichts. Nur ihre Sprache macht das Grauen irgendwie erträglich. „Gun Love“ gebietet seiner Leserschaft einen Einblick in eine Welt, die wenig mit Disney World und dem American Dream zu tun hat. Eine Welt, in der die Waffe eine Art Währung darstellt. Mit dieser rauen Poesie ist die amerikanische Schriftstellerin heute im Rahmen des Literaturfestes Niedersachsen zu Gast im Literarischen Salon.

Mittwoch, 12. September 2018:
„Gun Love“, Lesung und Diskussion mit Jennifer Clement, Literarischer Salon, Königsworther Platz 1, Conti-Foyer, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 11 Euro, ermäßigt: 7 Euro

(Foto: Buchcover)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur, Tagestipps

Kommentiere diesen Artikel