Matthias Rohl
1. Dezember 2009

Filmgeschichte(n): „Der schwarze Falke“

Die klassische Tragödie im Prozess der Zivilisation: über das Kino des John Ford

Texas, 1868. Drei Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs kehrt Ethan Edwards (John Wayne) im Cape eines Offiziers der Konföderierten-Armee und mit neuen Yankee-Dollars im Gepäck unerwartet zur Farm seines Bruders Aaron (Walter Coy) zurück. Die Atmosphäre des Wiedersehens ist angespannt, nur Schwägerin Martha (Dorothy Jordan) scheint sich aufrichtig über die Rückkehr zu freuen. Das gemeinsame Abendessen wird unterbrochen, als ein Trupp Texas Rangers unter der Führung von Reverend Samuel Clayton (Ward Bond) eintritt, der eine Bande marodierender Indianer verfolgt, die von einer Nachbarsfarm Vieh erbeutete. Ethan und Martin Pawley (Jeffrey Hunter), der Adoptivsohn der Familie, den Ethan einst in der Wüste fand und rettete, nehmen gemeinsam mit den Rangern die Verfolgung auf.

“The Searchers”, Plakatmotiv

Ungeschminkter Blick auf die finstere Seite des Wilden Westens: „The Searchers“, Filmplakat

Als sie auf ihrer Täterjagd einen abgeschlachteten Zuchtstier finden, ahnt Ethan, dass die Indianer es nicht auf Vieh, sondern auf Menschen abgesehen haben. Offensichtlich wurden die Männer von der Farm weggelockt. Bei der Rückkehr bietet sich ihnen ein Bild des Grauens: Aaron und Martha sind massakriert, die Töchter Lucy und Debbie (Natalie Wood) offenbar entführt. Dann finden die Männer Lucys Leiche, doch sie verlieren die Spur der Indianer. Trotzdem setzen Ethan und Martin die Verfolgung fünf Jahre lang fort. Eine lange Zeit, in der sich in Martin ein unheilvoller Verdacht erhärtet: Ethan will seine Nichte Debbie in Wahrheit nicht retten, sondern erlösen, denn er empfindet nur Verachtung für die Indianer und ein Leben unter ihnen ist gleichbedeutend mit dem Tod…

Weißer Jäger, schwarzes Herz

In der Gemeinde der Filmkritiker gilt der legendäre John Ford (1894-1973) als der bedeutendste – und vielleicht wichtigste – Regisseur des Western-Genres und „Der schwarze Falke“ („The Searchers“, 1956) nach einer Roman-Vorlage von Alan Le May als sein komplexestes Werk. Im Licht dieser superlativischen Impression resümierte die „Los Angeles Times“ voller Bewunderung: „Als verbitterter Rassist, der schnell beleidigt ist, als unversöhnlicher Feind aller Indianer, aber besonders der Comanchen, zeigt die Figur des Ethan Edwards eine der erstaunlichsten Darstellungen von Wut ohne Motiv oder Reue, die je auf die Leinwand gebracht wurden – ein ungeschminkter, beängstigender Blick auf die finsterste Seite jener Männer, die sich die Prärie untertan machten.“ Überzeugend wie sonst allenfalls noch die intensive Kollaboration zwischen Martin Scorsese und Robert De Niro, konnte zwischen John Ford und John Wayne über Jahrzehnte und über zwanzig gemeinsame Filme hinweg eine der wirkungsmächtigsten Symbiosen der Kinogeschichte reifen.

“The Searchers”, Filmszene

Düsterer Held: John Wayne in der wohl vielschichtigsten Rolle seines Lebens

Wayne (1907-1979), zweifellos bis heute der populärste Schauspieler Amerikas und in seiner Jugend an der University of Southern California als Footballspieler aktiv, spielte seit 1928 kleine Rollen in Fords Filmen und kultivierte bis zum Ende seiner ein halbes Jahrhundert umspannenden Kino-Karriere den raubeinigen Archetypus des desillusionierten Einzelgängers: willensstark und wortkarg, tollkühn und treffsicher – weißer Jäger, schwarzes Herz. Er war der starke, nicht selten reaktionäre Mann Hollywoods, und geriet einst, so will es die Legende, mit Frank Zappa, Ikone der Gegenkultur, in einem Nachtclub in Streit. Die Rolle des Ethan blieb indes zeitlebens seine vielschichtigste Charakterzeichnung – und es lässt sich nur schwerlich verkennen, dass dies auch seine beste schauspielerische Leistung blieb.

Die mythomotorische Kraft des Fortschritts

Regisseur John Ford lässt beim Betrachter keine Sekunde des Zweifels aufkeimen, dass seine Genre-Studie als geradezu klassisch komponierte Tragödie im Prozess der Zivilisation in den Blick genommen werden muss. Was sein Werk dabei bis heute so ungemein überzeugend macht, ist das zwiespältige Oszillieren in Widersprüchen und Geheimnissen – ohne dabei den Western seiner mythomotorischen Faszinationskraft einer großen Erzählung über die Expansion des Fortschritts zu berauben. Es ist indes nicht der Sieg des Guten über das Böse, noch weniger der Triumph der Zivilisation über die Natur, und hier wird auch kein strahlender Held geboren. Vielmehr entfaltet der Film bereits in den ersten Sequenzen der Ankunft des Heimkehrers jene dunkle Ahnung, wonach Ethans Platz in dieser Welt des Umbruchs nie vor dem familiären, friedvoll lodernden Feuer des Kamins sein wird. Und schon dies zeigt die bei Ford zuvor so nie gekannte Distanz zum Genre.

“The Searchers”, Filmszene

Gerettet und doch verloren: Ethan (John Wayne) mit seiner Nichte Debbie (Natalie Wood)

Zudem nährt die rätselumwitterte Vergangenheit der Hauptfigur Verdachtsmomente. Was hat Ethan all die Jahre nach dem Bürgerkrieg gemacht? Ist er als Kriegsheld heimgekehrt? Und wieso kehrt er überhaupt zurück? Seine Schwägerin, die er noch immer liebt, ist doch bereits vergeben. Oder ist er gar straffällig geworden? „Auf dich passen viele Steckbriefe“, wird sein alter Freund Clayton schon zu Beginn des Lichtspiels vielsagend andeuten – mit der Bibel so flink zur Hand wie mit dem Revolver. Und nicht zuletzt: Speist seine rasende Rachsucht ihre unbändige, rohe Zornes-Energie wirklich aus den Quellen des Rassismus? Sicher, Ethan hasst Indianer in abstracto und Comanchen in concreto, doch darf man nicht die subtil eingestreuten Details übersehen, denn er kennt ihre Lebensweisen und Bräuche erstaunlich präzise: Als der Suchtrupp einen toten Indianer entdeckt, schießt Ethan dem Leichnam die Augen aus – so muss der Tote „für ewig zwischen den Winden umherwandern“. Die Schlussblende zeigt Ethan allein in den Tiefen des Monument Valley: Wie die toten Indianer, die seinen Weg säumen, wird der Jäger, gejagt von den Dämonen seiner Herkunft, als Un-Toter niemals die ersehnte Ruhe finden.

nächste Folge:
„Nightmare Before Christmas“ & „Corpse Bride“
Grusical im Doppelpack: Tim Burton lässt die Puppen tanzen und beschwört den Tod als schaurig-schöne Unterwelt

(Fotos: Wikimedia)

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Kategorien: Film, Kunst

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