Lorenz Varga
8. September 2018

Glücklich ist, wer vergisst

Christoph Heins fulminanter Roman „Trutz“, ein Ritt durch die europäischen Verwüstungen des 20. Jahrhunderts, wird heute als Hannover-Premiere im Schauspielhaus gezeigt

Nicht nur Trutz, auch die Partei vergisst nichts: Szene mit Henning Hartmann und Sarah Franke

In Christoph Heins Romanvorlage „Trutz“ versucht der linke Schriftsteller Rainer Trutz im Berlin der Weimarer Republik Fuß zu fassen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten scheint dies auch zu gelingen. Er bringt Artikel in der bürgerlichen Presse unter und es erscheinen zwei Romane. Doch der Nationalismus ist auf dem Vormarsch. Als sein zweiter Roman in der rechten Presse zerrissen wird, gleicht das einem Berufsverbot. Verleger und Redakteure distanzieren sich von ihm. Mit der Machtergreifung Hitlers wird es für Trutz und dessen Frau Gudrun immer enger.

Dank einer russischen Freundin gelingt ihnen die Flucht in Stalins Reich nach Russland. Dort wird 1934 Sohn Maykl geboren. Über ihre russische Freundin lernen sie den Linguistik-Professor Waldemar Gejm kennen. Der beschäftigt sich mit Gedächtnistraining, und zwar speziell mit der Frage: Wie kann ich das Gehirn so trainieren, dass es nichts mehr vergisst? Mnemotechnik heißt dieses Forschungsgebiet. Maykl Trutz erhält zusammen mit Waldemar Gejms gleichaltrigem Sohn Rem entsprechendes Gedächtnistraining. Doch auch in Russland wird es enger. Für Rainer wird es zunehmend problematisch, dass er weder in einer Gewerkschaft, geschweige denn in der Partei ist. Dann fällt ihm ein früherer Artikel auf die Füße, in dem er die Glorifizierung Russlands seitens linker Intellektueller satirisch aufs Korn nimmt. Endstation Gulag. Schließlich überleben nur die Freunde Maykl und Rem das stalinistische System. Und sie haben gelernt, nichts zu vergessen.

Doch was nützt das Wissen, wenn die Deutungshoheit der Macht eine andere ist. Maykl und Rem, die sich erst im vereinigten Deutschland wiedersehen werden, stoßen immer wieder an diese Grenzen. Wer die Vergangenheit beherrscht, der beherrscht auch die Zukunft. Und wo keine Macht ist, da herrscht eben Ohnmacht. Insofern wird das Nichtvergessenkönnen zum Fluch. Der Schlusssatz des Romans von Christoph Hein lautet dementsprechend: „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.“

Die Uraufführung der Inszenierung des tschechischen Regisseurs Dušan David Pařízek fand im Sommer bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen statt. Heute feiert sein „Trutz“ Premiere im Schauspielhaus. Pařízek hat in jüngster Vergangenheit in Hannover mit seinen Inszenierungen von „Macht und Widerstand“ sowie „Maria Stuart“ bereits zwei hervorragende Theater-Produktionen auf die Bühne gebracht. Das macht Lust auf mehr!

Samstag, 8. September 2018:
„Trutz“, Theaterstück nach dem Roman von Christoph Hein, Inszenierung von Dušan David Pařízek, Premiere, Schauspielhaus Hannover, Prinzenstraße 9, 30159 Hannover, Beginn: 19.30 Uhr, Eintritt: 23 bis 45 Euro

  • weitere Aufführungen:
  • Mittwoch, 12. September, 19.30 Uhr
  • Samstag, 22. September, 19.30 Uhr
  • Samstag, 6. Oktober, 19.30 Uhr
  • Dienstag, 23. Oktober, 19.30 Uhr
  • Eintritt: 15 bis 35 Euro

(Foto: Pressefoto/Niedersächsisches Staatstheater/Katrin Ribbe)

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Kategorien: Bühne, Tagestipps

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