Raoul Festante
7. Dezember 2009

„Die Nische für Fotokünstler in Hannover ist sehr klein“

Ein Fotoatelier für die Freiheit: In der List eröffnete das Atelier ohne Titel. Der Name ist Programm

Wer sich zufällig in den Hinterhof der Kollenrodtstraße 12A in der List verirrt, den dürfte der eigentümliche Namen für das dort ansässige Fotoatelier auffallen. Dass die vier diplomierten Künstlerinnen Bendine Hentschel, Kerstin Klockow, Sandra Marianne Gast und Elizabeth Cardozo ihr Fotoatelier „Atelier ohne Titel“ getauft haben, sollte keinesfalls für Verwirrung sorgen, sondern hat vor allem etwas mit dem Grundgedanken zu tun, erklärt Sandra-Maria Gast. „‚Ohne Titel‘ ist der klassische Gebrauch für Bilder, die keinen besonderen Namen und Inhalt haben, und da unser Atelier sehr offen ist, passte der Titel am besten.“

Elizabeth Cardozo, Sandra Marianne Gast, Bendine Hentschel

Haben noch viel vor: Elizabeth Cardozo, Sandra Marianne Gast und Bendine Hentschel

Die Suche nach dem perfekten Ort

Am Wochenende öffneten die vier Absolventinnen vom Fachbereich Bildende Kunst der Fachhochschule Hannover das erste Mal offiziell die Türen ihres namenlosen Ateliers. Mit großem Erfolg. Am Freitagabend platzte der Ausstellungsraum mit fast 100 Gästen aus allen Nähten, viele Besucher waren begeistert von der thematischen und stilistischen Vielfalt der Werke, nebenher gab es nicht nur Bilder, sondern auch Tanzperformances zu sehen. Sogar der ehemalige Professor der Absolventinnen hielt eine Rede. Wenn das kein gutes Omen ist. Die Idee, nach dem Studium irgendetwas auf die Beine zu stellen, hatte die Gruppe schon lange. Um Kosten zu sparen, entschieden sich die Künstlerinnen dafür, gemeinsam ein Atelier zu eröffnen, um ihre Arbeiten dauerhaft präsentieren zu können. Die Suche nach dem perfekten Ort dauerte ein Jahr, denn wichtig war neben einer guten Lage und der Ausstellungsfläche auch die Möglichkeit, eine Dunkelkammer einzurichten, um die fotografischen Arbeiten zu entwickeln.

Sandra Marianne Gast: “WIBBIDBINBIH, Türen 2008″

Sandra Marianne Gast: „WIBBIDBINBIH, Türen 2008“

„Wir lieben Hannover, aber wir sehen auch, dass diese Stadt kulturell immer mehr ausstirbt“

In Hannover geblieben zu sein und nicht wie viele der Mitabsolventinnen in Großstädte wie Berlin oder Hamburg auszuwandern hat auch mit einem gewissen Lokalpatriotismus zu tun, erklärt Elizabeth Cardozo, die zur Zeit nebenher noch im Einzelhandel jobbt, um ihren Lebensunterhalt und ihre Leidenschaft für die künstlerische Fotografie zu finanzieren. „Wir lieben Hannover, aber wir sehen auch, dass diese Stadt kulturell immer mehr ausstirbt. Es gibt ja nur die Kestnergesellschaft, das Sprengel Museum und den Kunstverein, der ausstellt und halt noch ein paar gesponsorte Sachen von der VGH oder der Sparkasse. Es war aber schon während des Studiums selten der Fall, dass Leute wie wir mitmachen durften. ‚Junge Künstler‘ waren zwar immer ein Aufhänger, aber im Endeffekt passierte nichts. Die Nische für Fotokünstler in Hannover ist eben sehr klein.“ Wegen eines eher harmlosen Werkes musste eine der Künstlerinnen sogar schon erleben, dass eines ihrer Werke auf einer Kunstausstellung in einer Bank entfernt werden musste, nachdem sich Kunden gestört fühlten. Ein klarer Fall von Zensur und auch ein Grund dafür, warum man mit dem eigenen Atelier ein Stück Freiheit gewinnen möchte.

Elizabeth Cardozo: “Cityscapes 2009″

Elizabeth Cardozo: „Cityscapes 2009“

Der Wert des Analogen

Kerstin Klockow sieht den Konflikt zwischen Geld verdienen einerseits und künstlerischer Freiheit anderseits ähnlich. Die diplomierte Designerin finanziert ihren Lebensunterhalt ausschließlich aus ihrer Arbeit als Fotografin, unter anderem für die Werbung, und sieht im Atelier ohne Titel einen Ort, ihre künstlerischen Arbeiten zu präsentieren. „Das eine ist das Geschäft, mit dem ich mein Geld verdiene und was mir Spaß macht, aber das andere ist die Kunst und meine Leidenschaft dafür. Ich denke, in Hannover fehlt einfach die Förderung des stadteigenen Potenzials von künstlerischen Fotografen.“ Eine weitere Besonderheit des Ateliers ist der Fokus auf die analoge Arbeit bei der Fotoentwicklung. Auch wenn die Fotografinnen weiterhin mit digitaler Technik arbeiten, hat die analoge Technik doch gewisse Vorzüge, erklärt Kerstin Klockow. „Das Analoge kann nicht so schnell vervielfältigt werden wie das Digitale. Bei der Entwicklung gibt es immer eine gewisse Einzigartigkeit bei jedem Bild, da man das nie wieder zu 150% genau so reproduzieren kann, wenn man es zum Beispiel eine Minute länger als geplant im Entwicklungsbad liegen lässt. Das macht ein Bild dann einzigartig.“

Kerstin Klockow: “Freak V 2006″

Kerstin Klockow: „Freak V 2006“

„Wenn es kein anderer macht, dann machen wir das jetzt einfach“

Für das kommende Jahr haben sich die vier Künstlerinnen viel vorgenommen. Die erste Ausstellung war ein voller Erfolg und mit einem bunten Programm, das auch Lesungen und Performances vorsieht, wollen die Fotografinnen auch im kommenden Jahr weitermachen. Sandra Marianne Gast will zudem eine Künstleragentur aufbauen, um eine bessere Vernetzung in Hannover zu ermöglichen. Denn eines ist sicher, Hannover kann mehr, wenn sich die Künstler nur trauen. Und so verstehen Hentschel, Klockow, Gast und Cardozo ihre Arbeit auch als Signal an andere Künstler, der Stadt an der Leine nicht den Rücken zu kehren. „Wir wollen auf jeden Fall im nächsten Jahr weitermachen und haben noch viel vor. Wenn es kein anderer macht, dann machen wir das jetzt einfach.“

Atelier ohne Titel
Kollenrodtstr. 12A
30163 Hannover
www.atelier-ohne-titel.de
info@atelier-ohne-titel.de

weiterlesen:
„Künstlerischer Weckruf der eigenen Art“
(Portrait von Susanne Haupt, März 2010)

(Fotos: Atelier ohne Titel)

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Kategorien: Kunst, Lokalitäten, Menschen

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