Susanne Viktoria Haupt
24. September 2018

Die beste Lesezeit

Seitenansichten Spezial: Bücher für den Herbst

Der Herbst lockt mit Kürbissen, heißem Tee und natürlich auch mit guter Literatur für stürmische Nachmittage

Ach, der Herbst. Das ist mir doch die liebste Jahreszeit. Nun gut, ich mag auch den Frühling, Sommer und den Winter. Mein Vater pflegte immer zu sagen, dass es kein schlechtes Wetter gäbe, sondern nur schlechte Kleidung. Mit diesem Satz im Hinterkopf mag ich also wirklich jede Jahreszeit. Aber der die dritte Jahreszeit ist für mich wirklich pure Magie. Die Natur zieht sich ihr herbstliches Kleid an und man kann hier und da den ersten warmen Pulli aus dem Schrank kramen. Endlich wird man auch nicht mehr blöd angeschaut, wenn man sich über eine dampfende Tasse Tee neigt. Denn schließlich wird es endlich kühler. Und da wir schon mal bei Getränken sind, gehen wir direkt zum Essen über. Ich sage nur: Kürbisse! Und die bitte in jeder Variation. Meine Kürbisse hole ich stets mit dem Rad von einem kleinen Bauern-Straßenstand am Benther Berg ab. Einmal Hokaido und einmal Butternut. Gerne simpel geröstet oder aber als Suppe inszeniert. Ich bin ein echtes Herbstkind. Und das liegt nicht nur daran, dass ich auch noch herbstecht Ende Oktober auf die Welt kam. Der Herbst macht es auch endlich möglich, dass ich es mir zusammen mit einer Tasse Tee und meiner Schmusedecke auf meinem Lesesessel gemütlich machen kann. Ein gutes Buch darf dabei natürlich nicht fehlen. Und damit Ihr es Euch genauso gemütlich machen könnt, kommen hier nun drei literarische Tipps für den Herbst.

Generationsübergreifend und hochaktuell: Maja Lundes Roman „Die Geschichte der Bienen“, Buchcover

Mit Bienen verbinden wir in erster Linie den Sommer. Aber wie jeder weiß, ist es um die Bienen nicht mehr gut bestellt. Und wir alle, und damit meine ich wirklich alle, sollten uns schnell Gedanken über unsere Bienen machen. Eine Hommage an die Bienen, aber gleichzeitig auch einen wachrüttelnden Epos bietet Maja Lunde mit ihrem Roman „Die Geschichte der Bienen“. Anhand der Bienen werden hier drei zeitlich voneinander weit entfernt liegende Lebensgeschichten miteinander verwoben. William ist Sammler und Biologe und lebt im England des 19. Jahrhunderts. Er sieht sein eigenes Leben als Forscher in Scherben liegen – und erst eine völlig neue Idee für einen Bienenstock holt ihn aus seinem tiefen Loch heraus. Der Imker George hingegen lebt im amerikanischen Staat Ohio im Jahr 2017. Er lebt für seinen Beruf, auch wenn sein Sohn seinen Fußstapfen einfach nicht folgen möchte. Doch eines Tages zerbricht Georges Lebensgrundlage. Denn sämtliche Bienen sind verschwunden. Georges Geschichte führt direkt über zu der Geschichte der chinesischen Arbeiterin Tao, die sämtliche Blüten von Hand bestäuben muss. Denn Tao lebt im Jahr 2098 und die Bienen sind nie wieder aufgetaucht. Wer übrigens von Maja Lundes einnehmenden Erzählton nicht genug bekommt, kann sich im Anschluss direkt „Die Geschichte des Wassers“ greifen.

Vom Anfang bis zum Ende: Elena Ferrantes „Neapolitanische Saga“, Buchcover

Wer mehr als nur ein gutes Buch benötigt und sich gleich eine ganze Reihe für den Herbst zulegen möchte, dem sei an dieser Stelle nochmal Elena Ferrantes „Neapolitanische Saga“ ans Herz gelegt. In Vier Bänden erzählt Ferrante die Freundschaftsgeschichte der ungleichen Mädchen Elena und Lina. Während Lina wild und unabhängig daherkommt, ist Elena eher zurückhaltend und darauf bedacht, sich keinen Ärger einzuhandeln. Im Laufe dieser Tetralogie sehen wir die beiden Mädchen heranwachsen und ihre eigenen Wege gehen. Und auch, wie sich ihre Wege mal kreuzen, um sich dann wieder voneinander zu entfernen. Die „Neapolitanische Saga“ kann es locker mit Serienhits auf Streaming-Diensten aufnehmen und kettet einen gerne mindestens für den Oktober aufs Sofa. Und irgendwie ist es ja auch ganz schön, nach dem Sommerurlaub zumindest literarisch noch einmal durch Italien zu wandeln. Elena Ferrante macht es möglich.

Knallhartes, aber dennoch unterhaltsames Gesellschafts-Panorama aus Frankreich: „Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes, Buchcover

Eine weitere Reihe, mit der man herrlich überherbsten kann, ist die Trilogie „Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes. Diese eignet sich besonders gut, da der dritte Band erst Anfang September auf Deutsch erschienen ist und man sozusagen noch einer der ersten sein kann, die in den Genuss des rasanten Finales kommen. Mit der Trilogie folgen wir der urbanen und natürlich fiktiven Legende Vernon Subutex, der einst einen sehr erfolgreichen Plattenladen inmitten von Paris besaß. Allerdings hatte Subutex den Anschluss bei der Digitalisierung nicht bekommen und geriet nun ins Schleudern. Von nun an ist Subutex der Verlierer und kann sich nur noch durch seine alten Geschichten selbst erheitern. Das hilft ihm allerdings auch nicht weiter, als er immer weiter in eine schier endlose Abwärtsspirale gerät. Mit dieser Trilogie hat Despentes in Frankreich einen absoluten Hit gelandet, der sowohl von Kritikern als auch vom Publikum gefeiert wurde. „Das Leben des Vernon Subutex“ ist ein absolut zeitgenössischer Gesellschaftsroman, der uns ein Panorama der Verlierer serviert, ohne uns dabei allzu sehr zu deprimieren. Aber Obacht: Despentes kann nicht nur wirklich gut schreiben, sondern lässt ihre Leserschaft auch auf allen Ebenen gerne knallhart am Schicksal ihrer Protagonisten teilhaben. Ihr pointierter Humor-Einsatz rundet die Härte in jedem Fall so gut ab, dass man sich wieder bestens unterhalten fühlt.

So, habt ihr nun alle Eure Kuscheldecken bereit und schon das Tee-Wasser aufgesetzt? langeleine.de wünscht allen einen ganz wunderbaren Lese-Herbst.

Maja Lunde: „Die Geschichte der Bienen“, 528 Seiten, btb Verlag, ISBN-13: 978-3442756841, 20 Euro

Maja Lunde: „Die Geschichte des Wassers“, 480 Seiten, btb Verlag, ISBN-13: 978-3442757749, 20 Euro

Elena Ferrante: „Meine geniale Freundin – Neaopolitanische Saga Band 1“, 422 Seiten, Suhrkamp Verlag, ISBN-13: 978-3518425534, 22 Euro

Elena Ferrante: „Die Geschichte eines neuen Namens – Neaopolitanische Saga Band 2“, 623 Seiten, Suhrkamp Verlag, ISBN-13: 978-3518425749, 25 Euro

Elena Ferrante: „Die Geschichte der getrennten Wege – Neaopolitanische Saga Band 3“, 540 Seiten, Suhrkamp Verlag, ISBN-13: 978-3518425756, 24 Euro

Elena Ferrante: „Die Geschichte des verlorenen Kindes – Neaopolitanische Saga Band 4“, 614 Seiten, Suhrkamp Verlag, ISBN-13: 978-3518425763, 25 Euro

Virginie Despentes: „Das Leben des Vernon Subutex 1“, 400 Seiten, Kiepenheuer&Witsch, ISBN-13: 978-3462048827, 22 Euro

Virginie Despentes: „Das Leben des Vernon Subutex 2“, 400 Seiten, Kiepenheuer&Witsch, ISBN-13: 978-3462050981, 22 Euro

Virginie Despentes: „Das Leben des Vernon Subutex 3“, 416 Seiten, Kiepenheuer&Witsch, ISBN-13: 978-3462051537, 22 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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(Foto: Susanne Viktoria Haupt (1), Buchcover (2,3,4))

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Kategorien: Literatur

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