Susanne Viktoria Haupt
1. Oktober 2018

Das Erinnern als literarische Kunst

Seitenansicht: “Schlafende Erinnerungen” von Patrick Modiano

Manch einer mag das Vergessen, aber Patrick Modiano liebt das Erinnern: “Schlafende Erinnerungen”, Buchcover

Der französische Ethnologe Marc Augé hat in seinem Werk “Die Formen des Vergessens” geschrieben, dass wir vergessen müssen, um im Hier und Jetzt zu leben. Wir müssten vergessen, um nicht zu sterben. Und auch, um gläubig zu bleiben. Das Vergessen kann uns vor allerhand vergangenem Drama in der Gegenwart beschützen. Gerne vergisst man Schmerz und Enttäuschung. Gerne vergisst man tiefe Traurigkeit oder verstörende Momente. Vergessen könnte ganz leicht sein. Und für manche ist sie manchmal auch ein wichtiger Ausweg aus den Klauen der Vergangenheit.

Der Schriftsteller und Nobelpreisträger Patrick Modiano, der ebenfalls aus Frankreich stammt, widmet sein Leben allerdings dem Erinnern. Zumindest bekommt man den Anschein, wenn man seine Werke liest. In “Straferlass” erinnert sich beispielsweise ein junger Mann an seine bunte, wenn auch turbulente Kindheit inmitten von Künstlern und zwielichtigen Gestalten. Mit ruhiger Hand zeichnet Modiano schon hier eine Vergangenheit nach, die zwischen liebevoller Erinnerungen und Nuancen eines Krimis umherwandelt. Auch in seinem neuen Werk fängt er den Moment des Erinnerns wieder ein. “Schlafende Erinnerungen” heißt sein schmaler Band, und der nimmt seine Leserschaft mit auf einen Spaziergang durch Paris.

In “Schlafende Erinnerungen” ist es erneut ein junger Mann, der sich an verheißungsvolle Jugend-Tage erinnert. Mit aller Präzision präsentiert Modiano eine Welt, in der die Mutter eine Schauspielerin in Pigalle ist und der Vater mit zweifelhaften Russen zugange ist. Mitten drin immer der Protagonist, der sich anhand von mittlerweile verstaubten Büchern erinnert und seine Wege nachzeichnet, die ihn immer wieder in die Nähe von skurrilen und phantastischen Frauen zu treiben scheint. Mit “Schlafende Erinnerungen” erweist Modiano seiner Leserschaft in zweierlei Hinsicht einen wunderbaren Dienst. Zum einen weht ein frischer Wind des Flanierens durch die Seiten. Das Flanieren als solches ist zwar keine ausschließlich französische Praktik, aber dennoch besonders in Paris tief verwurzelt. Zum anderen lässt Modiano deutlich erkennen, wozu jene Geschichten, die wir lesen, noch zu gebrauchen sind. Denn wir erinnern uns nicht nur an den Inhalt der Bücher, sondern gleichermaßen auch an die Menschen, die sie uns geschenkt haben, an die Orte, wo wir sie gekauft haben und an die Situationen, in denen wir sie gelesen haben.

“Schlafende Erinnerungen” ist ein feines, wenn auch wieder schmales Werk des französischen Schriftstellers und fasst auf rund 100 Seiten all das zusammen, was Modiano zu einem so außergewöhnlichen und wichtigen Ruf verholfen hat.

Patrick Modiano: “Schlafende Erinnerungen”, 112 Seiten, Hanser Verlag, ISBN-13: 978-3446260108, 16 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur

Kommentiere diesen Artikel