Sebastian Albrecht
11. Oktober 2018

Für eine Handvoll Euro

Das Kino im Sprengel zeigt heute Abend “Western” – eine deutsch-bulgarisch-österreichische Koproduktion der Regisseurin Valeska Grisebach

Western

Hoch zu Ross in der bulgarischen Prärie: Meinhard (Meinhard Neumann) macht Eindruck bei den Einwohnern eines kleinen Dorfes

Wer in einem Genre nicht heimisch ist, neigt dazu, es auf ein paar offensichtliche Nenner herunterzubrechen: Im Krimi gibt es eine Leiche und einen Detektiv oder Polizisten, der alleine oder im Team herauszufinden versucht, wie die Leiche dorthin gekommen ist und wer sie um die Ecke gebracht hat. Ähnlich ist es beim Western: Schießwütige Männer, in der Regel zu Pferd, die sich entweder mit Indianern anlegen oder untereinander aneinander geraten. Auf der einen Seite die noblen Cowboys, auf der anderen die üblen Banditen ohne Moral.

Wer sich hingegen intensiver mit einem Genre beschäftigt, stellt schnell fest, dass der knackige Pitch zwar nicht unbedingt falsch, jedoch in seiner Verkürzung und Pauschalisierung dem Genre in seiner Gänze nicht gerecht wird. Unzählige Sub-Genres, manchmal bis hin zur Dekonstruktion, machen das Genre vielseitig und spannend. So interessierte die Schriftstellerin Patricia Highsmith das muntere Mörder-Rätselraten in Kriminalromanen immer herzlich wenig, ihre Geschichten beschäftigen sich lieber mit den Beweggründen eines Verbrechens. Und im Italo-Western tritt an die Stelle des leuchtenden Helden ein Protagonist, dem die herkömmliche Moralvorstellung durchaus ähnlich fern sein kann wie seinen Gegenspielern.

Im ersten Moment ist man gewillt, Valeska Grisebachs Spielfilm-Drittling “Western” nicht einmal in die Kategorie Dekonstruktion einzuordnen, scheint ihr Film mit dem Western-Genre nicht viel mehr gemeinsam zu haben als den Namen, ist der Handlungsort doch Bulgarien statt des Wilden Westens, und statt Cowboys sind Bauarbeiter die Protagonisten, außerdem ist der Plot in der Gegenwart angesiedelt und nicht im 19. Jahrhundert. Aber natürlich sind Parallelen zu finden, offenkundige sogar. Eine Gruppe deutscher Bauarbeiter um den Bauleiter Vincent (Reinhardt Wetrek) wird nach Bulgarien abkommandiert, wo sie im EU-Auftrag ein Wasserkraftwerk errichten sollen, irgendwo im Nirgendwo. Die Sonne knallt vom Himmel herab und Schweiß fließt, während die Männer nicht nur ihre Arbeit verrichten, sondern das fremde Land erkunden und das Revier abstecken – das Camp wird mit einer Deutschland-Fahne verziert. Die einzigen Menschen, auf die sie stoßen, sind die Einwohner eines kleinen Dorfes, aber beide Seiten bleiben zuerst skeptisch; Verständigung ist schwer möglich, die einen sprechen kein Bulgarisch, die anderen kein Deutsch und auch des Englischen sind die meisten nur leidlich mächtig. Allein Meinhard (Meinhard Neumann) sucht den Kontakt zu den Dorfbewohnern und findet Zugang zu ihnen. Vincent sieht seine Machtposition schwinden.

Ein nicht unbekanntes Motiv. Hart arbeitende Männer, schwitzend und dreckig, über ihnen die erbarmungslose Sonne, ein großes Projekt, das den Fortschritt in ein (unbekanntes) Land bringen soll, die Fremden, die argwöhnisch beäugt werden und argwöhnisch beäugen. Ersetzt man Bulgarien durch den Wilden Westen und das Wasserkraftwerk durch eine Eisenbahn, die von Ost nach West gebaut werden soll, das bulgarische Dorf durch einen Indianerstamm, werden die offensichtlichen Gemeinsamkeiten schnell deutlich. Selbst Pferde kommen in dem Film vor. Und so ergibt der Titel von Grisebachs Film plötzlich durchaus Sinn. Wer einen Abend lang aneinandergereihte Schießereien und flotte Einsilber erwartet, wird mit “Western” sicherlich eine mittelgroße Enttäuschung erleben. Wer hingegen weiß, das das Genre Western durchaus mehr bieten kann und viele der stärksten Western davon leben, sich zwar der Grundzüge des Genres zu bedienen, aber eben auch Konventionen über den Haufen zu werfen, könnte heute Abend im Kino im Sprengel auf eine Perle stoßen. Das gilt natürlich auch für all die, die mit dem Western-Genre nicht allzu viel am Cowboy-Hut haben.

Donnerstag, 11. Oktober 2018:
“Western”, Spielfilm von Valeska Grisebach, D/BG/A 2017, 121 min., Kino im Sprengel, Klaus-Müller-Kilian-Weg 2, 30167 Hannover, Beginn: 20.30 Uhr, Eintritt: 5 Euro

  • weiterer Aufführungstermin:
  • Freitag, 12. Oktober, 20.30 Uhr

(Foto: Pressefoto/Komplizenfilm)

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Kategorien: Film, Tagestipps

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