Jörg Smotlacha
15. Oktober 2018

Der Kampf gegen den Verlust der Identität

Seitenansicht: „Der Boxer“ von Szczepan Twardoch

"Der Boxer" von Szczepan Twardoch, Buchcover

„Boardwalk Empire“ auf polnisch: „Der Boxer“ von Szczepan Twardoch, Buchcover

„Meinen Vater hat ein großer gutaussehender Jude mit breiten Schultern und dem mächtigen Rücken eines makkabäischen Kämpfers getötet. Jetzt steht er im Ring, es ist der letzte Kampf des Abends und die letzte Runde dieses Kampfes, und ich schaue aus der ersten Reihe zu. Ich heiße Mojzesz Bernstein, bin siebzehn Jahre alt und existiere nicht. Ich heiße Mojzesz Bernstein, bin siebzehn Jahre alt und bin kein Mensch, ich bin ein nichts, es gibt mich nicht, ich bin der magere arme Sohn eines Niemand und schaue auf den, der meinen Vater getötet hat, wie er im Ring steht, schön und stark.“

Mit diesen Worten beginnt „Der Boxer“, der dritte Roman des polnischen Autors Szczepan Twardoch, der zur Minderheit der polnischen Schlesier gehört und mit diesem Buch einen thrillerhaften wuchtigen Roman über die Zwischenkriegszeit in Warschau vorgelegt hat, der seine Szenerien fast filmisch ausbreitet, und charismatische Gangster und gebrochene Kerle ebenso im Angebot hat wie starke Frauen und glamouröse Huren. Keine Frage: Twardoch hat einen gradiosen Roman über eine düstere Epoche vorgelegt.

Im Mittelpunkt steht der talentierte junge Boxer Jakub Shapiro, der bald zum Helden der Warschauer Unterwelt aufsteigt, zumal ihn der Pate Jan Kaplica zu seinem Kompagnon gemacht hat. Doch Jakubs Aufstieg ist in Gefahr, den rechte Putschpläne gegen die Regierung des Landes betreffen auch ihn: Er muss seine Frau und Familie schützen, seinen Status als Gangster-König bewahren und gleichzeitig als Jude mit den neuen Machtverhältnissen klarkommen.

Und während Kaplica die Bordelle kontrolliert, Schutzgeld eintreibt und das Leben in dicken Karren und dunklen Bars genießt, begleiten ihn Shapiro und der Ich-Erzähler Mojzesz Bernstein, dessen Vater von Shapiro ermordert wurde. Eine unerhörte Konstellation, die Autor Twardoch zum Anlass nimmt, Geschichte zu erzählen, denn wie in der Realität provoziert auch in seinem Roman Gewalt stets Gegengewalt: rechte und linke, faschistoide, kleinkriminelle und antisemitische. Und wie diese Gewalt eskaliert, das breitet Autor Twardoch über 464 Seiten so gekonnt aus, dass man geneigt ist, seinem Anti-Helden zu folgen, auch in den vermeintlichen Untergang. Denn den deutet „Der Boxer“ mehr als nur an: Um seine Feinde – und die Verräter in den eigenen Reihen – zu besiegen, lässt sich Shapiro auf eine fatale Affäre mit der Tochter eines mächtigen Staatsanwaltes ein…

Szczepan Twardoch ist nach „Morphin“ und „Drach“ mit seinem neuen Werk „Der Boxer“ ein Buch gelungen, dass ihn schnell zum Star der polnischen Literatur-Szene aufstiegen ließ. Beim Lesen hat man jedenfalls den von Kritikern gerne gezogenenen Vergleich mit der HBO-Erfolgsserie „Boardwalk Empire“ unbedingt vor Augen und würde sich über eine erfolgreiche Netflix-Serien-Verfilmung nicht wundern. Aber so einfach ist es nicht: So wie sein Protagonist Schapiro aus dem chaotischen und rechtsgerichteten Polen des Jahres 1937 nicht auswandern mag, so wendet sich auch der Schriftsteller Twardoch gegen allzu einseitige Versuche, ihn zu vereinnahmen. „Ihm gehe es um eine historische Auseinandersetzung mit den unbekannten Schichten der polnischen Identität, um die kulturellen Widersprüche, die ihn im Alltag beschäftigten. Daher habe er sich mit einer polnisch-jüdischen Identität auseinandergesetzt. Auch sie sei nicht richtig zu fassen. Wie seine eigene“, so die „Zeit“ in einem Interview mit dem Autor. Mit „Der Boxer“ ist ihm aber möglicherweise eines der wichtigsten literarischen Werke seines Landes gelungen.

Szczepan Twardoch: „Der Boxer“, 464 Seiten, Rowohlt Berlin, ISBN-13: 978-3737100083, 22,95 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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