Jörg Smotlacha
21. Dezember 2009

Über den Ruinen von Herrenhausen

Nur ein Jahr nach dem Erstling „Eldorado“ kehren die „Phantastischen Zeiten“ zurück. Diesmal zeigen dreizehn Autorinnen und Autoren die geheimnisvollen Seiten unserer Landeshauptstadt

“Phantastische Zeiten in Hannover”, Buchcover

Das besondere Buch: „Phantastische Zeiten in Hannover“, Cover

Ich schwebe über der Stadt, die das Gegenteil grauer Monotonie sein wollte und nun auch ist. Sie hat es geschafft. Sie ist die Verkörperung bunter, sich stets erneuernder Abwechslung und Zerstreuung; sie ist eine Metropole, die dem offenen Bewusstsein huldigt, das sich hier bis zur Bewusstlosigkeit amüsieren kann; und sie wird tausend Jahre alt, wird dieses Datum feiern und dafür alles bieten, was sie zu bieten vermag, und die Vergnügungshungrigen werden begeistert sein. Es besteht nicht der geringste Grund, daran zu zweifeln…

Natürlich, von Hannover ist die Rede. Und der diese Worte gewählt hat, um ein angemessenes Bild unserer Landeshauptstadt zu finden, ist niemand Geringeres als der Oberbürgermeister höchstpersönlich. Zumindest in Michael Dignals im Jahre 2041 spielender Kurzgeschichte „Der Chef ist auf Reisen“, in welcher der oberste Repräsentant der Stadt während der Vorbereitungen zu großen Jubiläumsfeierlichkeiten zusammengebrochen ist und nun in der neurologischen Abteilung der Uniklinik vor sich hin deliriert, während Ärzte, Sicherheitsleute, Sekretäre und Berater darüber nachdenken, was zu tun ist…

Überdimensionale Blasinstrumente und wahnsinnige Appartments

„Der Chef ist auf Reisen“ ist nur einer von insgesamt dreizehn Texten, die soeben in dem Sammelband „Phantastische Zeiten in Hannover“ erschienen sind, den Manfred und Petra Ilsemann in ihrem Eigenverlag herausgegeben haben. Der Nachfolger des im Vorjahr veröffentlichten Bandes „Phantastische Zeiten. Eldorado“ basiert auf einem Story-Wettbewerb, der in Zusammenarbeit mit dem Szene-Magazin Prinz durchgeführt wurde. Insgesamt haben vier Autorinnen und neun Autoren den Weg in das Buch gefunden, allesamt in einer mehr oder weniger engen, aber besonderen Beziehung zu Hannover, ausgewählt von einer hochkarätigen Jury. Vertreten ist die ganz junge Generation ebenso wie die ältere. Das Ergebnis ist sehr lesenswert.

Die originellsten Sujets stammen von Flavio Redlich, in dessen Story „Im Jazzclub ist die Hölle los“ die Achtelnote Miles das Leben des Protagonisten ganz gehörig durcheinander wirbelt, indem sie ihn in einen Kampf mit überdimensionalen Blasinstrumenten verwickelt, und Dominik Grittner, der in „Panoramablick auf den Weltuntergang“ von einem wahrhaft wahnsinnig machenden Appartment in der Lavesallee erzählt. Doch auch sonst wimmelt es nur so von über dem Maschsse kreisenden Drachen, seltsamen Feen und anderen Fabelwesen, typischen Sci-Fi-Elementen wie verrückten Wissenschaftler und mysteriösen Vorkommnissen sowie jeder Menge Lokalkolorit. Die Nanas und der Maschsee erscheinen in einem gänzlich neuen Licht, der Bahnhof wird zum Epizentrum eines drohenden Weltuntergangs und unter den Herrenhäuser Gärten leben Tausende Menschen in einem Atomschutzbunker.

Natürlich gibt es auch weniger überzeugende Texte und ein paar Längen, insgesamt aber liest sich der vor absurden Einfällen nur so strotzende Sammelband sehr erfrischend. Und vor allem hält er ein angekündigtes Versprechen: Die niedersächsische Landeshauptstadt hat mehr zu bieten, als sich selbst eingefleischte Hannoveraner vorstellen können.

Montag, 21. Dezember 2009:
Buchtipp: „Phantastische Zeiten in Hannover. Der Chef ist auf Reisen und zwölf weitere Geschichten“, Erzählungen, 194 Seiten, Verlag Phantastische Zeiten, Kostenpunkt: 9,95 Euro

Bestellungen:
www.phantastische-zeiten.de

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Kategorien: Literatur, Lokales, Tagestipps

Ein Kommentar

  1. Hallo Jörg,
    vielen Dank für die äußerst positive Rezension.
    Das Buch entwickelt sich langsam aber sicher zu einem Renner.

    Ab dem 06.01. plakatieren wir noch mal in den Üstra
    U-Bahn Haltestellen. Das sollte dem ganzen noch
    einen letzten Schub geben.
    Soll ich dir eins runter schicken (Adresse) oder magst
    du dir mal eins abholen?
    Viele Grüße und schöne Festtage,
    Manfred Ilsemann

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