Susanne Viktoria Haupt
5. November 2018

Ein schräger Gruß aus Georgien

Seitenansicht: „Der aufblasbare Engel“ von Zaza Burchuladze

Eins, zwei drei, ich wünsche mir Georges Gurdjieff herbei: „Der aufblasbare Engel“ von Zaza Burchuladze macht das Unmögliche möglich

Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse war Georgien. Solche Dinge gehen im Strudel des Deutschen Buchpreises leider immer etwas unter und gerade wegen des Gastlandes ist das immer wieder schade. Zugegeben, ich war noch nie in Georgien. Allerdings weiß ich nun, dass sich die Hauptstadt Georgiens zweierlei benennen lässt: Tiflis und Tbilissi. Die Seitenansichten von langeleine.de können es sich im Zuge dessen aber natürlich nicht nehmen lassen, auch einen Blick auf das literarische Georgien zu werfen. Aufgefallen sit ebsonders der georgianische Schriftsteller Zaza Burchuladze, der mit seinem neuen Roman „Der aufblasbare Engel“ einen besonders schrägen Gruß auf den deutschen Buchmarkt geschickt hat.

Zaza Burchuladze gehört mittlerweile zu den erfolgreichsten Schriftstellern Georgiens. Nichtsdestotrotz musste er 2014 aus seiner Heimat fliehen und in Berlin ins Exil gehen. Ursache dessen waren zahlreiche Todes-Drohungen gegen den Schriftsteller, die sogar zu einer Bücherverbrennung seitens religiöser Extremisten führte. Burchuladze scheint das in seiner schriftstellerischen Tätigkeit allerdings überhaupt nicht zu hemmen, denn „Der aufblasbare Engel“ ist eine kuriose und teilweise makarbre Geschichte, die dennoch ein wenig Tiflis-Flair zu transportieren vermag.

Im Mittelpunkt steht das kinderlose Ehepaar Nino und Niko. Das Eheleben zwischen den beiden ist mit den Jahren deutlich eingeschlafen. Einzig ihr Hund Foucault bekommt noch die gebührende Aufmerksamkeit. Das Leben der beiden soll sich aber schlagartig ändern, als sie mehr aus Spaß heraus einen Geist beschwören. Da ihnen auf die Schnelle keine andere bekannte und bereits verstorbene Persönlichkeit einfällt, rufen sie den großen Esoteriker Georges Gurdjieff aus dem Jenseits. Und das funktioniert sogar. Fortan sitzt der Begründer des „Vierten Weges“ auf dem Sofa des Ehepaares und hält dieses ganz schön auf Trab.

Da es mit der Geisterbeschwörung schon so gut geklappt hat, überlegen sich Nino und Niko, wie sie sich den eigenwilligen Gast noch zu Nutze machen könnten. In der Tradition eines Dschinn bitten sie ihn um die Erfüllung von ein paar Wünschen. Das liebe Geld steht natürlich ganz oben auf der Liste. Aber anstatt einfach eine Millionen aus dem Nichts zu zaubern, stiftet Gurdjieff die beiden zu einer verhängnisvollen Straftat an, die das gesamte Szenario auf einen Weg führt, der den Magen der Leserschaft an die Grenze des Belastbaren bringt…

„Der aufblasbare Engel“ ist wahrlich ein schräger Gruß aus der georgianischen Literaturwelt. Auf knappen 200 Seiten nimmt Autor Burchuladze nicht eine Sekunde Rücksicht auf einen halbwegs realistischen Plot. Aber gerade diese schräge Komponente ist es, die diesen schmalen Roman zu einem unvergesslichen Lesespaß werden lässt. Nicht umsonst muss sich Burchuladze in seiner alten Heimat unter dem Pseudonym „Gregor Samsa“ in die Herzen seiner Fans und Feinde geschrieben haben. Denn genau wie in sämtlichen Werken von Kafka lässt auch Burchuladze seine Figuren die Geschehnisse, so merkwürdig sie auch sein mögen, nicht nachhaltig hinterfragen. Es wird mit dem gespielt, was einem vor die Nase gesetzt wird. Das Leben ist schräg und wir gewöhnen uns eben nur daran, wenn die Literatur noch etwas schräger ist.

Zaza Burchuladze: „Der aufblasbare Engel“, 192 Seiten, Blumenbar, ISBN-13: 978-3446260108, 20 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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