Susanne Viktoria Haupt
3. Dezember 2018

Unentdeckte Schrecken

Seitenansicht: „Das reife Mädchen“ von Anna Giurickovic Dato

Kein leichter Stoff: „Das reife Mädchen“ von Anna Giurickovic Dato, Buchcover

Wenn ein neues literarisches Werk aus Italien auf den deutschen Buchmarkt kommt, dann bin ich immer sehr interessiert. Das liegt vornehmlich daran, dass seit Umberto Ecco nicht mehr allzu viele italienische Romane ihren Weg zur deutschen Übersetzung schafften. Vom Ferrante-Fieber einmal abgesehen. Deswegen freute ich mich auch auf „Das reife Mädchen“ der erst 1989 geborenen Italienerin Anna Giurickovic Dato. In Italien wurde ihr bei uns nun endlich auch veröffentlichtes Debüt jedenfalls einhellig von Kritik und Publikum gefeiert.

Im Zentrum des Geschehens stehen Silvia und ihre 13-jährige Tochter Maria. Bis vor einigen Jahren lebten sie noch mit Marias Vater Giorgio in Marokko. Er war ein italienischer Diplomat und rund zehn Jahre älter als Silvia. Warum die Familie nun auf zwei Personen zusammengeschrumpft ist, und Mutter und Tochter wieder in Rom leben, wird schnell deutlich. Während sich Silvia immer mehr in das fremde Marokko verliebte, verging sich ihr Mann an der damals erst fünfjährigen Tochter. Silvia selbst hätte nie im Leben geglaubt, dass ihr Mann zu so etwas in der Lage wäre. Sie war 17, als sie sich kennengelernt hatten, und nur mit Mühe und Not konnten sie mit der Heirat bis zu ihrer Volljährigkeit warten. Zu groß war die Leidenschaft und Liebe, die Giorgio in Silvia entfacht hatte. Mit der Geburt von Maria erschien die Familie nicht nur vollständig, sondern Silvias Glück auch komplett. Ihre kleine Tochter war ihr größter Schatz, Giorgio ihr Held ohne Cape. Die Wesensveränderung ihrer Tochter durch den Missbrauch mochte Silvia daher nicht wahrnehmen. Und das, obwohl sie selbst von der Schule mehrfach auf Marias auffälliges Verhalten hingewiesen wurde. Und Maria selbst buhlt nicht nur um eine distanzierte Aufmerksamkeit ihres Vaters, sondern gleichzeitig auch um den Zuspruch anderer, was ihr Äußeres angeht. Sich selbst sieht sie als hässlich an. Den Selbsthass hatte ihr Vater in sie gepflanzt.

Erst als Maria 13 Jahre alt ist, und Silvia nach langer Zeit alleine in Rom wieder einen neuen Freund mit nach Hause bringt, präsentiert sich das gesamte Ausmaß des Missbrauchs, den Mutter und Tochter bisher voreinander verschwiegen hatten. Silvias neuer Freund Antonio wird zur Zielscheibe von Maria, die sich schamlos und frei von jeglichen Hemmungen an den nichtsahnenden Mann heranmacht. Sie flirtet offen, kokettiert, entblößt sich. Erst in diesem Moment scheint Silvia klar zu werden, was damals in Marokko vorgefallen sein muss. Stück für Stück werden der Leserschaft Erinnerungsbrocken zugeworfen, die in der Summe ein Bild des Grauens ergeben. Eine Summe, die schlussendlich auch aufdeckt, wo Giorgio geblieben ist…

Es ist schwer sich bei Anna Giurickovic Datos „Das reife Mädchen“ auf Sprache und Stil zu konzentrieren, wenn ein so fürchterliches Thema angeführt wird und die Erinnerungen von Silvia so manches Detail freilegen, welches man lieber nicht gekannt hätte. Durch die dargestellte Grausamkeit fühlen sich die schmalen 224 Seiten deutlich länger an. Nun ist es leider so, dass Fälle von Kindesmissbrauch nicht nur traurige Realität sind, sondern auf alle Fälle auch thematisiert werden müssen. Das macht die Lektüre des Romans aber keineswegs leichter. Anna Giurickovic Dato vermag den Fall von Kindesmissbrauch wirklich so ungeschönt und hässlich darzustellen, wie er in der Realität nun mal auch wäre. Und das ist die wichtigste Aufgabe, die ein Roman mit dieser Thematik erfüllen sollte.

Anna Giurickovic Dato: „Das reife Mädchen“, 224 Seiten, Piper Verlag, ISBN-13: 978-3492059053, 20 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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