Roman Kansy
29. Oktober 2018

Gut Ding will Weile haben

Der NSU-Prozess gilt als größter Prozess seit dem Mauerfall. Gut, dass jemand mitgeschrieben hat. Die Ergebnisse werden heute Abend im Literarischen Salon präsentiert

Haben sich mit viel Durchhaltevermögen und Verantwortungsbewusstsein für eine detaillierte Darstellung eingesetzt: Wiebke Ramm und Tanjev Schultz

Kosten in Höhe von voraussichtlich 37 Millionen Euro, unzählige Kontroversen, ein höchst merkwürdiges Zeugensterben, eine Verteidiger-Krise und ein Verfassungsschutz, der sich selbst am nächsten ist – die Rede ist vom wichtigsten Strafprozess in der Bundesrepublik Deutschland seit der Wiedervereinigung. Drei Buchstaben. NSU. Der NSU-Skandal und der darauf folgende Prozess haben die Republik anfangs zum Beben gebracht. Doch als nach fünf Jahren zermürbendem Prozess die Urteile verkündet wurden, hatte ein Großteil der Bevölkerung wohl nur noch ein Schulterzucken übrig. Leider.

Allerdings gab es inmitten von alldem zwei mutige Journalisten, die sich einer Mammut-Aufgabe gestellt und dieses historische Stück Justiz protokolliert haben. Die Journalistin und Psychologin Wiebke Ramm und der Publizist und Professor für Journalistik Tanjev Schultz haben dazu jede Minute jedes Verhandlungstages des NSU-Prozesses protokolliert. Das ganze Vorhaben dauerte von Mai 2013 bis zum Juli 2018. In der Summe waren es fünf Angeklagte, 14 Verteidiger, 91 Nebenkläger, 600 Zeugen und ganze 438 Verhandlungstage, die es systematisch zu erfassen galt. Das alles mit dem Ziel im Auge, ja kein Detail dieses historischen Prozesses zu verpassen.

Das Ergebnis ihrer Arbeit, bei der sie von Annette Ramelsberger und Rainer Stadler von der Süddeutschen Zeitung unterstützt wurden, beläuft sich auf fünf Bände, die im schwarzen Schuber präsentiert werden. Festzuhalten bleibt: Den NSU-Prozess durchziehen bis heute viele Ungereimtheiten: Zerstörte Akten, auffällig viele tote Zeugen, zwielichtige V-Männer aus dem Umfeld des NSU und vieles andere. Heute Abend wird sich im Literarischen Salon unter anderem den vielen unbeantworteten Fragen zugewandt. Dazu widmet sich Moderator Jens Meyer-Kovac mit seinen Gästen Ausschnitten der Dokumentation – gelesen von Lisa Natalie Arnold und Günther Harder vom Schauspiel Hannover.

Montag, 29. Oktober 2018:
„Der NSU-Prozess. Das Protokoll. Die O-Töne des Rechts: Black Box NSU“, Conti-Foyer, Leibniz Universität Hannover, Königsworther Platz 1, 30167 Hannover, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 8 Euro, ermäßigt: 5 Euro

(Foto: Pressefoto/Literarischer Salon/© A. Kunstmann Verlag)

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Kategorien: Literatur, Politik, Tagestipps

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