Susanne Viktoria Haupt
1. November 2018

Wie wollen wir uns erinnern?

Im Rahmen des Herrenhäuser Forums diskutieren Expertinnen und Experten über den Umgang mit der Erinnerungskultur. Mit dabei ist die Kulturanthropologin Aleida Assmann

Erinnerungskultur im Alltag: der Stolperstein für den Widerstandskämpfer Wilhelm Bluhm in Linden

Der Mensch lebt von seinen Erinnerungen, denn durch diese Erinnerungen wird nicht nur die eigene Geschichte greifbar, sondern auch die Verortung in der Welt. Gemeinsame Erinnerungen schweißen zusammen. Sowohl die guten als auch die schlechten. Gemeinsame Erinnerungen und eine gemeinsame Geschichte sind identitätsstiftend. Sie machen uns bewusst, dass wir nicht nur ein willkürliches oder spontan gebildetes Kollektiv sind. Diese Geschichte und die damit verbundenen Erinnerungen müssen aber auch irgendwo sichtbar gemacht werden, damit die Kollektiv-Identität im Alltag präsent ist und uns sogar ganz ohne zwischenmenschlichen Kontakt miteinander verbinden kann. Die sogenannte Erinnerungskultur lebt dabei beispielsweise durch Denkmäler, Kriegsgräber, Straßennamen, die wichtigen Persönlichkeiten aus der Geschichte gewidmet wurden, oder auch durch nationale oder regionale Feiertage.

Und wenn wir uns einmal aufmerksam durch unsere Umwelt bewegen, merken wir, dass wir eigentlich überall von Geschichte umgeben sind. Am Lindener Marktplatz 2 beispielsweise prangt im Innenhof beispielsweise ein großes Graffiti, das Hannah Arendt zeigt. In Erinnerung daran, dass dies ihr Geburtshaus war. Und in der Südstadt befindet sich die Wilhelm-Raabe-Schule, die ihren Namen dem deutschen Schriftsteller Wilhelm Raabe zu verdanken hat. Und vielerorts stolpert man sprichwörtlich über Stolpersteine. Das 1992 vom Künstler Gunter Demnig ins Leben gerufene Projekt verlegt nach genehmigten Antrag Stolpersteine vor Häusern, in denen früher Menschen gewohnt haben, die von den Nationalsozialisten ermordet worden. Auf den Messingtafeln wird stets der Name der Person, das Geburtsjahr und auch die Todesursache und das Todesdatum vermerkt.

Die deutsche Erinnerungskultur erhält jedoch in jüngster Zeit zunehmend harsche Kritik aus den rechten Lagern. Von Seiten der AfD spricht man beispielsweise von einem „Schuld-Kult“, wenn es um Erinnerungskultur hinsichtlich des Dritten Reichs geht. Die wiederholte Auseinandersetzung mit den Taten des Nazi-Regimes würden das deutsche Volk zu einer Nation der Schuldigen machen. Klar ist, dass die meisten, die jetzt gerade in Deutschland leben, nichts mehr mit dem Nazi-Regime zu tun hatten. Jene können sich natürlich nicht die Schuld für die Taten oder Untaten ihrer Vorfahren auflasten. Dennoch gehört dieses Kapitel, so dunkel und fürchterlich es nun mal ist, zur deutschen Geschichte und sensibilisiert auch gleichermaßen.

Das sind aber nicht die einzigen Debatten, die um die Erinnerungskultur geführt werden. Es geht beispielsweise auch um die Kosten, die in den Erhalt von Denkmälern investiert werden, um die Pflege und Vermittlung oder aber um Konzepte, wie beispielsweise bei den Weltkulturerbe-Stätten der UNESCO. Zu diesem Thema diskutieren im Rahmen des Herrenhäuser Forums heute Prof. Dr. Sönke Neitzel von der Universität Potsdam, Prof. Dr. Gabi Dolff-Bonekämper und Prof. Dr. Etienne François von der Freien Universität Berlin und Prof. Dr. Aleida Assmann von der Universität Konstanz. Besonders Assmann gilt als führende Kulturanthropologin Deutschlands, die sich aktiv mit Erinnerungsformen und eben auch der Erinnerungskultur auseinandersetzt. Der Eintritt ist wie immer frei, die Sitzplätze aber begrenzt.

Donnerstag, 1. November 2018:
„Geh denken? Über deutsche Erinnerungskultur“, Vortrags- und Gesprächsabend im Rahmen des Herrenhäuser Forums für Zeitgeschehen, Schloss Herrenhausen, Alte Herrenhäuser Straße 3, 30419 Hannover, Beginn: 19 Uhr, Eintritt frei

(Foto: Susanne Viktoria Haupt)

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Kategorien: Politik, Tagestipps

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