Matthias Rohl
22. Dezember 2009

Filmgeschichte(n): „Nightmare Before Christmas“ & „Corpse Bride“

Grusical im Doppelpack: Tim Burton lässt die Puppen tanzen und beschwört den Tod als schaurig-schöne Unterwelt

„Nightmare Before Christmas“: Ist Weihnachten noch zu retten? Jack Skellington, ein Skelett im Nadelstreifenanzug und Kürbiskönig von Halloween Town, ist der geschliffenen Angst- und Schreckens-Routine überdrüssig und beseelt von der Idee, endlich einmal Weihnachtsfreude zu verbreiten. Durch einen Zufall entdeckt er bei einem Waldspaziergang die Tür zu Christmas Town, einer fröhlichen, kunterbunten Welt. Sein Entschluss steht fest: Als „Sandy Claws“ will er seine skurrilen Geschenke an alle Kinder verteilen. Aber seine fröhliche Mission bringt Santa Claus in Gefahr und macht Weihnachten zu einem wahren Albtraum für alle braven Jungen und Mädchen. Und auch Sally, Dr. Finklesteins aus Lumpen zusammengenähtes Geschöpf, das heimlich in Jack verliebt ist, kann ihn nicht von seiner fixen Idee abbringen…

“Nightmare Before Christmas”, Plakatmotiv

Detailverliebt und unwiderstehlich: Tim Burtons Weihnachtsgeschichte „Nightmare Before Christmas“

Szenenwechsel zu „Corpse Bride – Hochzeit mit einer Leiche“: Im viktorianischen England des 19. Jahrhunderts steht der schüchterne Victor Van Dort kurz vor der Vermählung mit der vermeintlich reichen und anmutigen Victoria Everglot. Doch während er in einem Waldstück sein Ehegelöbnis probt, erweist sich der Ast, auf den er den Ehering steckt, als verwester Finger einer geheimnisvollen Leichenbraut, die auf diese Weise zum Leben erweckt wird – und sich prompt in ihn verliebt. Victor steht vor einer schweren Wahl: Entweder ein Leben in der grauen, tristen und kalten Welt der Lebenden oder ein Dasein voller Spaß, Sinnlichkeit und Frohsinn im unerwartet bunten Totenreich. Hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu Victoria und seiner Treue zur modrigen Leichenbraut Emily, muss Victor eine Entscheidung treffen…

Das Kino als Medium des morbiden Märchens

Unter den zeitgenössischen Filmkünstlern kommt dem Werk des einstigen Disney-Zeichners Tim Burton eine besondere Bedeutung zu: Man sagt nicht zuviel, wenn man in ihm einen vom Tod besessenen Meister seines Fachs erkennt. Unverkennbar lebt und wirkt Burton unter dem Einfluss der Special-Effects-Legende Ray Harryhausen und lässt sich nicht selten von der Ästhetik der berühmten Hammer Filmstudios inspirieren. Von Will Hammer und Sir John Carerras 1948 gegründet, entwickelte sich die Horror-Schmiede zum finanziell erfolgreichsten Studio in der Historie des britischen Kinos.

Tim Burton

Zeremonienmeister des Gothic-Horrors: Tim Burton

Burton, der seine Filme mit bestechender visueller Präzision im Widerstreit zwischen Aufklärung und Romantik zu inszenieren weiß, gelingt in seinen besten Momenten die höchst überzeugende Verschmelzung der Sphäre der Schauer-Mythen mit den Verzückungsspitzen bildender Kunst: So etwa in „Sleepy Hollow“ (1999), für dessen Ausstattung das Werk des amerikanischen Malers Albert Pinkham Ryder (1847-1917) Pate stand, den man einst mit der plausiblen Formel „Painters of Dreams“ bedachte. Über all dem jedoch erweist sich Burtons unerschöpfliche Liebe zum literarischen Medium des morbiden Märchens als integraler Moment all seiner cineastischen Obsessionen: „Märchen sind etwas Überwältigendes. Und ein sichereres Medium als das Kino gibt es sowieso nicht“, so gab der Zeremonienmeister des Gothic-Horrors einst dem Fachblatt „steady cam“ zu Protokoll.

Die Erotik der Verwesung

In diesen angedeuteten Blickwinkeln sind „Nightmare Before Christmas“ (1993), bei dem Burton noch nicht als Regisseur, wohl aber als „Mastermind“ und Autor fungierte, und vor allem „Corpse Bride – Hochzeit mit einer Leiche“ (2005), bei dem er dann auch die Regie übernahm, in ihrer unwiderstehlichen Stop-Motion-Tricktechnik zu fulminanten, detailverliebten „Grusical“-Puppentänzen avanciert, die ihren direkten Weg ins Herz des Publikums schnell gefunden haben. In ihrer Imaginationskraft und kompositorischen Stringenz allenfalls noch mit den Würfen der CGI-Genies aus der „Pixar“-Schmiede vergleichbar, erweist sich tatsächlich die zunächst beinahe altmodisch anmutende Technik belebter Puppen als im besten Sinn des Wortes „zeitgenössisch“. Man kann sich dem ungemeinen Charme dieser Lehrstücke der modernen Animationstechnik nur schwerlich entziehen.

“Corpse Bride”, Plakatmotiv

Veritables Vexierspiel voller verzweifelter Zärtlichkeit: „Corpse Bride – Hochzeit mit einer Leiche“

Es fällt auf, dass der Fortschritt der Technik der Evolution der Kunst auf höchst effektive Weise in die Hände spielt: Der Windhauch in den Stoffen der Kleidung, die erstaunlich lebendige Mimik der liebevoll gestalteten Gesichter, die anmutig fließenden Bewegungen, dazu der wunderbar orchestrale, Jazz-, Musical- und Opern-Score des „Hauskomponisten“ Danny Elfman – all dies verschmilzt besonders in „Corpse Bride“ zu einem veritablen Vexierspiel der vertauschten Welten und Logiken. „Die ganze Kunst des Puppentricks erweist sich schon in der Art, wie Burton es schafft, diesem nachtschattenblauen Wesen, dessen Bein der Verwesung anheimgefallen ist und dessen Augapfel in den unpassendsten Augenblicken herausfällt, tatsächlich so etwas wie erotische Anziehungskraft und verzweifelte Zärtlichkeit abzugewinnen … In ‚Corpse Bride‘ gelingt es ihm, in den Gefilden der Nekrophilie zu wildern und dabei nicht nur billige Scherze zu machen, sondern im Totenreich einen beunruhigenden Zauber zu finden, der die Hierarchien der Trickwelt auf den Kopf stellt“, jubelte die FAZ. Tim Burton gelang das seltene, kostbar balancierte Kunststück: Sein Trick-Kino animiert zu schaurigem Lachen und Tränen der Rührung – wie klänge eine Liebeserklärung an das Kino, die größer ist als diese?

nächste Folge:
„Moderne Zeiten“
Der letzte Kreuzzug des Tramp auf der Suche nach dem Glück: über Charles Spencer Chaplins unwiderstehliche Satire

(Foto: Wikipedia)

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Kategorien: Film

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