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Das verflixte zweite Jahr

Abseits – Hannover 96 vor dem Spieltag. Morgen: das Auswärtsspiel beim FC Schalke 04

Salif Sané

Hannover 96 steht vor einem wehmütigen Wiedersehen mit seinem ehemaligen Abwehrchef Salif Sané

Wer liebt sie nicht, die alten Fußball-Weisheiten? „Ein Spiel dauert 90 Minuten“, „Das Runde muss ins Eckige“ und „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ – das sind zwar keine metaphorischen Meisterleistungen, ihrer Simplizität wohnt aber auch ein gewisses Maß an Charme inne. Auf Hannover 96 treffen in der zweiten Saison nach dem Wiederaufstieg aber leider Weisheiten aus der Kategorie „Läuft mal so gar nicht“ zu. „Das nächste Spiel ist immer das schwerste“ oder „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß“ passen derzeit ins Bild von 96. Genauso wie die für Aufsteiger nervige Weisheit, dass das zweite Jahr nach dem (Wieder-)Aufstieg immer das schwierigste sei.

Spurensuche: Warum ist das zweite Jahr so schwer?

Also wollen wir uns einmal auf Spurensuche begeben, warum das verflixte zweite Jahr für viele Aufsteiger der Vorsaison am Ende in einem Abstieg mündet. Mit dem SV Darmstadt 98 und FC Ingolstadt erwischte es zuletzt in der Saison 2016/17 gleich zwei Vereine, die nach ihrer zweiten Saison wieder den Gang in Liga zwei antreten mussten. Und auch Hannover 96 und der VfB Stuttgart zeigen im zweiten Jahr nach dem Wiederaufstieg, dass irgendetwas an dieser ungeschriebenen Regel dran sein könnte. Der VfB schlidderte jüngst bis ans Tabellenende, die Roten hocken zurzeit auf dem Relegationsplatz 16. Doch woran könnte das liegen?

Motiviert, eingespielt und völlig befreit

Nach ihrem Aufstieg gehen Vereine meist mit einer gehörigen Portion Extra-Motivation in die neue Spielzeit. Das Umfeld, die Spieler, die Trainer und auch die Verantwortlichen nehmen den Schub mit, und ihr Selbstvertrauen lässt sich auch von einer 0:5-Klatsche gegen Dortmund oder Bayern nicht mindern. In solchen Fällen hört man dann auch gern eine weitere Weisheit, nämlich, dass man lieber einmal mit 0:5 unter die Räder kommt, als fünfmal 0:1 zu verlieren. Das Team ist eingespielt und oftmals können Aufsteiger ihre Führungsspieler halten, aus dreierlei Gründen. Zum einen wollen diese Spieler nach einem derartigen Erfolg nicht gleich den gemachten Hof verlassen, immerhin haben sie sich durch den Erfolg eine gewisse Komfortzone und vielleicht sogar einen legendären Status in der Vereinshistorie erkämpft. Zum anderen werden diverse Bundesligisten auch erst so richtig auf die erbrachten Leistungen aufmerksam, wenn diese Spieler in der Bundesliga angekommen sind, schließlich sehen Klubs dann direkt, ob ein Profi mit Tempo und Gangart in der höchsten Spielklasse zurechtkommt. Und dann wäre da noch der psychologische Vorteil, dass die meisten Aufsteiger befreit aufspielen können und nichts zu verlieren haben.

Ungewöhnliche Aufsteiger

Für Hannover 96 und auch den VfB Stuttgart traf dies nur teilweise zu. Nicht von der Hand zu weisen war die Aufstiegseuphorie, die eine Mannschaft tragen kann. So geschehen in der letzten Saison, als Hannover 96 nach sechs Spieltagen mit drei Siegen und drei Remis auf Platz vier der Tabelle stand. Die erste Niederlage setzte es erst am siebten Spieltag. In dieser Saison hingegen holten die Roten ihren ersten Sieg erst am siebten Spieltag – ausgerechnet gegen den VfB Stuttgart. In Sachen Spielertransfers hatten die beiden letztjährigen Aufsteiger zudem den Vorteil, wirtschaftlich gut gestellt zu sein. Sie konnten auch bei ihrem Abstieg Spieler holen, die Bundesliga-Niveau besitzen. Dank des Aufstiegs konnten in Hannover dann solche Spieler wie Salif Sané oder Martin Harnik gehalten werden, die später großen Anteil am geschafften Klassenerhalt hatten. Allerdings galt für Hannover und Stuttgart nicht, dass man als Aufsteiger nichts zu verlieren hat. Für beide Vereine stellte der Abstieg eine existenzielle Bedrohung dar, Martin Kind sagte nicht umsonst, dass der direkte Wiederaufstieg alternativlos sei. Es ging um viel Geld, genauer gesagt um einen Einnahmeverlust von gut 30 Millionen Euro. Daher war von Anfang an klar, dass auch der direkte Klassenerhalt für die eher ungewöhnlichen Aufsteiger alternativlos gewesen ist.

Perspektive, Verbundenheit, Kohle

Nicht selten verlieren Aufsteiger nach der ersten Saison trotz Klassenerhalt ihre besten Spieler. Business as usual sozusagen, denn in der höchsten Spielklasse angekommen, merken viele Profis, dass mit dem aktuellen Arbeitgeber wohl nicht unbedingt viel mehr drin ist, als der Kampf um den Klassenerhalt. Von besser dotierten Verträgen mal abgesehen, suchen sie also die sportliche Herausforderung bei einem anderen Klub. Während Salif Sané gerne mit Schalke 04 in der Champions League spielen und Martin Harnik mit seinem Jugendkumpel Max Kruse bei ihrem Durchbruchsverein Werder Bremen kicken wollte, zog es Felix Klaus beispielsweise nach Wolfsburg, wo man im Sommer noch nicht unbedingt von einer besseren sportlichen Perspektive sprechen konnte. Vor dieser Saison war für mich klar, dass dieser Transfer vor allem finanzielle Gründe hatte. Mittlerweile kann man sagen: Auch in puncto Perspektive hat Klaus wohl die richtige Entscheidung getroffen, das Zweitrundenaus im DFB-Pokal gegen die Wölfe muss hierfür nicht einmal herangezogen werden.

Schwierige Integration der Neuzugänge

Und so steht Hannover 96 vor Problemen, die man eventuell früher hätte beheben können. Von den getätigten Transfers im Sommer startete bislang nur Walace richtig durch. Einen Manuel Schmiedebach hat er gefühlt bereits nach 90 Minuten im 96-Trikot vergessen gemacht. Bobby Woods Leistungen schwanken noch zu sehr, um einen adäquaten Ersatz für Martin Harnik darzustellen. Takuma Asano und Genki Haraguchi konnten mich noch nicht einmal wirklich überzeugen, darüber kann auch Asanos gutes Spiel gegen Drittligist Karlsruhe in der ersten Runde des DFB-Pokals nicht hinwegsehen lassen. Keiner der beiden kann Klaus oder Harnik ansatzweise ersetzen. Florent Muslija ist noch zu jung, um von ihm jede Woche konstante Leistungen einzufordern, zudem spielte sich der Freistoß-Künstler ja auch erst in die Mannschaft, gleiches gilt für Youngster Linton Maina.

Bitte nicht alle Hoffnungen auf Weydandt projizieren

Und Märchenprinz Hendrik Weydandt? Die Cinderella-Story ist zwar noch nicht ausgeträumt, doch sollten wir alle nicht vergessen, dass dieser junge Mann vor fünf Monaten noch in der 4. Liga seine Tore erzielte. Er strahlt Gefahr vor dem Tor aus, vor allem dann, wenn er 20 Minuten vor Ende reingeworfen wird und dann mit seiner Physis im Strafraum für Furore sorgt, doch wenn man sich umhört, dann fordern viele 96-Fans Weydandt Woche für Woche in der Startelf. Der Hüne braucht aber noch Zeit, um sich mit dem spielerischen Tempo in der Bundesliga zu akklimatisieren, seinen Körper so gewinnbringend wie Niclas Füllkrug einzusetzen und auch im Kombinationsspiel die richtigen Entscheidungen zu treffen. Kein Vorwurf an „Henne“, doch ihn sollte man nicht zum Messias gegen den Abwärtstrend ernennen.

Ist die Abwehr überhaupt bundesligatauglich?

Und dann wäre da ja noch der Abgang von Salif Sané. Etwas geblendet von den guten Leistungen der letzten Spieltage 2017/18 hoffte Hannover auf Timo Hübers in der Innenverteidigung, einen jungen Spieler, der sich bereits einmal bei 96 das Kreuzband riss. Dieses gab nun wieder nach, und da mit Felipe bei Hannover noch ein Dauerpatient unter Vertrag steht, hat man mit Waldemar Anton, Kevin Wimmer und Josip Elez nur drei Innenverteidiger im Kader, mit denen André Breitenreiter planen kann. Das Problem: Wimmer sucht scheinbar noch seine Form, die ihn einst für Tottenham Hotspurs und Stoke City so interessant machte, Waldemar Anton hat mit Kapitänsbinde am Arm auch den einen oder anderen Bock in sein Spiel eingebaut und Josip Elez ist mit der Bundesliga – zumindest gefühlt – eher überfordert.

Auch für Schalke 04 ein Schicksalsspiel

So wurden also wichtige Stammkräfte abgegeben und die neuen müssen sich noch finden. Blöderweise bleibt hierfür aber keine Zeit mehr. Hannover 96 steht in der zweiten Saison nach dem Wiederaufstieg nach neun Spieltagen im Tabellenkeller – und das bedeutet nichts anderes, als dass man sich nun mit dem Abstiegskampf schleunigst anfreunden sollte. Denn schon am Samstag steht beim FC Schalke 04 der nächste Keller-Krimi an. Beim Wiedersehen mit Salif Sané trifft der 16. auf den 15. der Bundesliga. Schalke hat mit sieben Punkten einen Zähler mehr geholt als Hannover und tut sich vor allem vor dem gegnerischen Tor in dieser Saison besonders schwer. Trainer Domenico Tedesco steht unter enormen Druck, da kommt es doch ganz gelegen, dass an diesem Samstag mit Hannover 96 ein besonders auswärtsschwaches Team in der Veltins-Arena gastiert. Drei Punkte sind für Königsblau eigentlich Pflicht, sonst könnte es langsam richtig eng für den jungen Trainer werden.

Hannover 96 als Aufbaugegner

Trotz der uns allen bekannten und seit über einem Jahr anhaltenden Auswärtsschwäche von Hannover 96 könnte bei einer weiteren Niederlage auf Schalke auch André Breitenreiter langsam angezählt werden. Da kommt es natürlich doppelt dick, dass Niclas Füllkrug aufgrund anhaltender Knieprobleme wohl ziemlich sicher ausfallen wird. Keine leichte Aufgabe also für die Roten bei Königsblau. Desillusioniert von den letzten Auftritten, tippe ich diese Woche pessimistisch auf eine 1:3-Niederlage, selbst wenn die Gelsenkirchener in der gesamten Saison erst fünf Tore erzielt haben. 96 wird wieder als Aufbaugegner für schwächelnde Teams herhalten und Schalke zieht auf vier Punkte davon. Das verflixte zweite Jahr ist nun einmal das schwerste.

Samstag, 3. November 2018, 15.30 Uhr:
FC Schalke 04 – Hannover 96

(Foto: Екатерина Лаут/Wikipedia, Copyright: CC BY-SA 3.0 [1])

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