Sebastian Albrecht
20. November 2018

Ein Vorwand für Pogrome

Im Kommunalen Kino im Künstlerhaus läuft heute Abend der Film „Das kurze, mutige Leben des Herschel Grünspan“, der die Biografie des in Hannover geborenen Juden nachzeichnet

Herschel Grynszpan

Sein Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath nahmen die Nazis als Vorwand für die Reichspogromnacht von 1938: Herschel Grynszpan

Wer St. Pauli sein (zweites) Zuhause nennt und regelmäßig feiern und auf Konzerte geht, kommt an einigen Klubs schwerlich vorbei. Das Gruenspan ist einer davon. Ende der Sechziger-Jahre zuerst als Diskothek gegründet, die unter anderem mit zur damaligen Zeit revolutionären Licht- und Laser-Shows aufwartete, machte es über die Jahrzehnte eine Metamorphose von der Tanzhalle bis hin zum Konzerthaus durch. Nicht nur in Hamburg wissen viele, dass Grünspan umgangssprachlich auch die blaugrünlichen Ablagerungen bezeichnet, die durch die Witterung auf Kupfer oder Messing entstehen, wie beispielsweise bei Kirchendächern oder der Freiheitsstatue. Ein formidabler Name also für einen Musikclub, besonders in Hamburg mit seinen zahlreichen Kupfer-Dächern. Weniger bekannt ist hingegen, dass der Name nicht nur auf die Patina ansetzenden Dächer der Hansestadt verweist, sondern auch auf Herschel Grynszpan.

Der Sohn polnisch-jüdischer Eltern wurde 1921 in Hannover geboren und wuchs in armen Verhältnissen auf. Obwohl eigentlich durchaus intelligent, beendete Grynszpan 1935 die Schule ohne Abschluss und zog danach nach Frankfurt, um dort die Rabbinische Lehranstalt zu besuchen. Zu dieser Zeit waren die Nationalsozialisten bereits an der Macht und hatten die Juden zu einem der Volksfeinde Deutschlands erklärt, Antisemitismus war an der Tagesordnung, es wurde zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen und Gesetze erschwerten es dem jüdischen Teil der Bevölkerung, Arbeit zu finden. In Grynszpan reifte der Plan, nach Palästina auszuwandern, allerdings ließ die Genehmigung dafür auf sich warten. Mit einem Umweg über Brüssel landete er schließlich bei einem Verwandten in Paris. Als 1937 seine Wiedereinreise-Genehmigung nach Deutschland ablief, konnte er nicht mehr zurück zu seiner Familie. Ein Jahr später entzog Frankreich ihm die Aufenthaltsgenehmigung und Grynszpan lebte von da an illegal in Paris. Im Herbst desselben Jahres bekam er einen Brief seiner Schwester: Die Familie, die fast dreißig Jahre in Deutschland gelebt hatte, aber die polnische Staatsangehörigkeit besaß, hatte Hannover verlassen müssen. In einer Nacht- und Nebel-Aktion waren sie nach Polen abgeschoben worden, das den meisten Ausgewiesenen jedoch die Aufnahme verweigerte, so dass sich Grynszpans Familie in einem Lager wiederfand, ohne Hab und Gut, ohne Geld.

Später sollte Herschel Grynszpan der französischen Polizei zu Protokoll geben, er habe gegen die antijüdische Politik protestieren und das Schicksal seiner Familie rächen wollen, als er am 7. November 1938 in Paris in die deutsche Botschaft ging und dort den deutschen Diplomaten Erst vom Rath erschoss. Eine Auslieferung an Deutschland scheiterte jedoch an der französischen Justiz. Joseph Goebbels blieb ein großangelegter Schauprozess zwar verwehrt, dennoch gelang es dem Reichsminister, Grynszpans Attentat für seine Propaganda zu instrumentalisieren und es einer Jüdischen Weltverschwörung in die Schuhe zu schieben. Deutsche Zeitungen mussten auf der ersten Seite berichten und nur zwei Tage nach dem Attentat kam es zu der Reichspogromnacht, vorgeblich eine Nacht des „spontanen Volkszornes“ gegen die Juden, die in Wirklichkeit jedoch von den Nationalsozialisten inszeniert wurde. Viele Juden wurden ermordet, jüdische Geschäfte und Synagogen geplündert und zerstört, die Diskriminierung der Juden weitete sich endgültig zu einer Verfolgung aus, die im Holocaust endete.

Von den französischen Behörden in Gewahrsam genommen, kam es für Herschel Grynszpan vorerst zu keinem Prozess. Nach dem deutschen Einmarsch in Paris fand seine Auslieferung schließlich doch noch statt, von einem Schauprozess wurde von deutscher Seite nun jedoch abgesehen. Grynszpan wurde im KZ Sachsenhausen inhaftiert. 1942 verlor sich hier seine Spur. Vermutungen, Grynszpan könnte den Krieg überlebt haben, haben sich bisher nicht bestätigt, es wird stattdessen davon ausgegangen, dass Grynszpan höchstwahrscheinlich zwischen 1942 und 1945 von den Nazis ermordet wurde. Das Kommunale Kino im Künstlerhaus zeigt heute Abend das Doku-Drama „Das kurze, mutige Leben des Herschel Grünspan“ des Regisseurs Joël Calmettes. Vorweg gibt es von Dr. Dirk Alt historische Filmdokumente und Zeitzeugen-Aussagen zur Pogrom-Nacht 1938 zu sehen.

Dienstag, 20. November 2018:
„Das kurze, mutige Leben des Herschel Grünspan“, Dokudrama von Joël Calmettes, F 2008, 76 min., Kommunales Kino im Künstlerhaus, Sophienstr. 2, 30159 Hannover, Beginn: 19.30 Uhr, Eintritt: 6,50 Euro, ermäßigt: 4,50 Euro

(Pressefoto/Wikipedia/CC BY-SA 3.0)

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Kategorien: Film, Politik, Tagestipps

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