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Oben auf dem Berg

Seitenansicht: „Neujahr“ von Juli Zeh

Juli Zeh: "Neujahr", Buchcover

Etwas stimmt nicht: Juli Zehs Novelle „Neujahr“, Buchcover

Gerade einmal knapp zwei Jahre nach ihrem Erfolgsroman „Unterleuten“ und nur ein Jahr nach der Dystopie „Leere Herzen“ hat die Brandenburger Schriftstellerin Juli Zeh, die 2018 das Bundesverdienstkreuz erhielt, ihr neues Werk „Neujahr“ vorgelegt. Und man durfte gespannt sein, was die politisch engagierte und gesellschaftskritische Auorin nach ihrem gefeierten Dorf-Roman und dem durchaus als Satire zu lesenden Sci-Fi-Nachfolger nun vorlegen würde.

„Neujahr“, das wird schon nach wenigen Seiten klar, ist anders als seine Vorgänger. Schon vom Umfang und Inhalt ist das Buch eher schmal und literarisch eindeutig eher als Novelle einzuorden. Denn die Story spielt nur an einem Tag und an einem Ort: Lanzarote am Neujahrsmorgen. Henning und Theresa im Familienurlaub mit Jonas und Bibbi, ihren Kindern.

Klar ist, Henning hat etwas aufzuarbeiten, denn etwas stimmt nicht mit ihm und seiner Familie. Und seine Schwester Luna spukt ihm auch im Kopf herum. Nun will er an Neujahr mit dem Fahrrad den Berg hinauffahren, nach Femés. Er kämpft gegen Wind und Wetter, während er über sein Leben nachdenkt. Dabei ist eigentlich alles in Ordnung. Henning hat einen guten Job, eine liebe Ehefrau und zwei wohlgeratene Kinder.

Aber da war dieser Franzose, der am Silvester-Abend mit Theresa getanzt hat! Und Henning fühlt sich permanent überfordert, als Vater, Ernährer und Ehemann. Auf dem Fahrrad am Berg entgleitet ihm sein Leben, er leidet unter Angstzuständen und Panikattacken. Schließlich macht er, oben auf dem Berg angekommen, eine seltsame Entdeckung, die ihn in seine Kindheit entführt…

„Neujahr“ ist sicherlich nicht Juli Zehs stärkstes Buch. Aber was der Hauptfigur Henning oben auf dem Berg widerfährt, ist stark erzählt und soll hier nicht verraten werden. Wie ihn die Erinnerungen an seine Kindheit ergreifen, ist von einer großen schriftstellerischen Dichte, die Zeh in ihren besten Momenten immer ausgezeichnet hat. Dass die Autorin ihre Geschichten manchmal auch ein bisschen mit dem Holzhammer strikt, um ihre Botschaften unter das Lese-Publikum zu bringen, ist auch nicht neu, aber kein Vorwurf.

Die Kritik reagierte gespalten. Für den Spiegel hat die Autorin ihre Spielkarten diesmal „allzu offen auf den Tisch gelegt“, der Deutschlandfunk sieht immerhin einen „beklemmenden Familienthriller in kindlicher Sprache, den man – zumal wenn man selbst Kinder hat – mit angehaltenem Atem liest.“ Die Südeutsche hingegen war voll des Lobes: „Die gesellschaftspolitische Ebene ließe sich beim Lesen ausklammern; es bliebe dann immer noch ein gut geschriebenes und klug konstruiertes Buch, eine Art Psychothriller. Aber weil beides, der Thriller und die Gesellschaftsanalyse, hier so dicht ineinandergreifen, ist „Neujahr“ vielleicht Juli Zehs bislang bestes Buch.“

In jedem Fall bleibt Juli Zeh eine der spannendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen, und auch „Neujahr“ liest sich wieder wie ein interessanter Versuch, die Zeichen der Zeit zu erkennen: einen Protagonisten zwischen Emanzipation und Depression und eine Story, die bewegt, auch wenn am Ende nicht alles rund wirkt. Trotzdem fasziniert Zeh mit jedem neuen Versuchsaufbau, auch in „Neujahr“.

Juli Zeh: „Neujahr“, 192 Seiten, Luchterhand Literaturverlag, ISBN-13: 978-3630875729, 20 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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