Susanne Viktoria Haupt
26. November 2018

„Ich möchte eine Lesung machen“

Seitenansicht Spezial: der hannoversche Schriftsteller Kersten Flenter im Portrait

Wenn der Satz zum Treffer wird: Autor Kersten Flenter

Kersten Flenter muss man in Hannover eigentlich niemandem mehr vorstellen. Schon im Jahre 2000 wurde er vom Prinz-Magazin auf die Liste der 50 wichtigsten Hannoveranerinnen und Hannoveraner gewählt. Flenter ist fester Bestandteil der Nachtbarden im Theater am Küchengarten und auch sonst ein beliebter Gast auf Lesebühnen. Auch musikalisch ist er unterwegs und beehrt sein Publikum beispielsweise mit dem Programm „Wiegenlieder, Waisen & Krakeeler – Songs und Texte von Tom Waits mit Christoph Knop und Band“ oder mit Freund und Kollege Johannes Weigel als Musiker-Duo Fränkie & Fronkh. Läuft man ihm irgendwo in Linden über den Weg, ist einem ein freundlicher Gruß von Kersten Flenter stets sicher. An Flenter bin auch ich glücklicherweise nicht vorbeigekommen, aber obgleich er einen Platz in meinem heimischen Bücherregal hat und wir auch dieses wunderbare kleine Tour-Erlebnis anlässlich der „Buch oder Bier“-Poetry Slams 2012 teilten, wusste ich einfach viel zu wenig über den Literaten. Am 6. Dezember kommt mit seinem Erzählband „Wie wir uns besiegten“ seine 27. Veröffentlichung auf den Markt und diese bietet gleichzeitig eine gute Gelegenheit für ein Gespräch mit dem überzeugten Lindener.

Als Kersten Flenter 1992 gerade einen Text in einer Anthologie veröffentlicht hatte, sah die Kulturlandschaft in Hannover noch ganz anders aus. Räume für Lesungen? Die gab es nicht so richtig. Dennoch wollte man die Texte auf die Bühne bringen. Damals betrat er das Kulturzentrum Faust mit einer Idee im Gepäck, die uns heute gar nicht ungewöhnlich erscheint. „Ich möchte eine Lesung machen“, brachte er es auf den Punkt. Kurzerhand wurde die damals noch leerstehende Warenannahme der Faust umfunktioniert. 60 bis 70 Stühle, ein Tisch, eine Lampe und ein Mikrofon, mehr brauchte Flenter nicht. Heute steht der Hannoveraner häufig auf Bühnen vor ausverkauften Häusern. Kurzfristig noch ein Ticket für die Nachtbarden zu bekommen, ist eine Alltags-Utopie. Aber ohne sein Vorhaben von 1992 wäre in Hannover sicherlich einiges anders gelaufen. Höchstwahrscheinlich hätten sich die Dinge langsamer entwickelt.

„BuchFrust“ statt „BuchLust“

Kersten Flenter gehört noch zu der Generation von Autorinnen und Autoren, die in ihren Anfängen weder Soziale Medien zur Verbreitung ihrer Veranstaltungen nutzen konnten, noch eine Vielzahl engagierter Verlage für Literatur abseits des Mainstreams zur Verfügung hatten. Möglichkeiten zu Veröffentlichungen waren rar gesät. Es gab lediglich eine handvoll kleiner Literatur-Zeitschriften, die in liebevoller Heimarbeit zusammengeheftet wurden. Ende der 1980er und zu Beginn der 1990er-Jahre konnte man zumindest auf das bereits 1969 von Josef Wintjes gegründete „Literarische Informationszentrum Bottrop“ zurückgreifen, das als Versand- und Vertriebsstelle für sogenannte Underground-Literatur fungierte und mit viel Herzblut neue literarische Stimmen förderte. Nachdem allerdings der „Literaturmarkt Hannover“, der zuvor jedes Jahr im November im Sprengel Museum stattgefunden hatte und als Plattform für lokale Autorinnen und Autoren fungiert hatte, durch die „BuchLust“ ersetzt wurde, musste von Seiten der Underground-Literatur gehandelt werden. 1993 fand in Berlin das erste Festival für die literarische Subkultur dieser Generation statt. 1995 holte Kersten Flenter das Konzept nach Hannover und organisierte ein acht Tage andauerndes Festival mit dem Namen „Social Beat Music and Poetry Festival“. Ab 1996 hatte Flenter neben anderen helfenden Händen auch langeleine-Gründer und „Macht Worte!“-Papa Henning Chadde an seiner Seite. Als Gegenentwurf zur „BuchLust“ inszenierten sie für einige Jahre die „BuchFrust“, die sich wieder den unabhängigen Literatur-Stimmen widmete.

In die großen Häuser, die heute mit Lesungen so gerne bespielt werden, zog es die Literaten damals aber noch nicht. Sie gehörten dem Social Beat an, einer literarischen Bewegung, die die renommierte Gegenwartsliteratur als blutleer und langweilig empfand und sich mehr dem echten Leben widmen wollte. In idealisierter Bukowski-Manier schrieb man über das, was man kannte und gerne auch über Abende in der Kneipe. Und wenn man doch schon über Kneipen-Abende schrieb, dann konnte man die Lesungen auch genau dort stattfinden lassen, so der Grundgedanke. Für Kersten Flenter müssen es bei allem Erfolg eben nicht zwangsweise große Bühnen mit einem Publikum von 250 Menschen sein, sondern gerne auch gemütliche Lesungen in Kneipen, in denen sich 20 bis 30 Menschen versammeln und nebenbei auch ein Bierchen trinken können. Eine Überzeugung, der er noch heute folgt.

Auch mit seiner neuesten Veröffentlichung dürfte Kersten Flenter seine Leserschaft begeistern können: „Wie wir uns besiegten“, Buchcover

„Aktuelle Geschehnisse beschäftigen mich“

Seit damals hat sich natürliches vieles verändert und damit ist nicht nur die steigende Zahl von Flenters Veröffentlichungen gemeint. „Der Output ist jetzt nicht so groß, wie es scheint“, gibt er bescheiden zu. Schließlich seien unter den 27 Veröffentlichungen auch zahlreiche schmale Lyrik-Bände zu finden. Irgendwie ist es aber auch genau diese Bescheidenheit, die Flenter ausmacht. Trotz seiner Erfolge und seiner Beliebtheit nimmt er sich selbst nicht zu wichtig. Seine schriftstellerische Tätigkeit allerdings schon. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen das rechte Lager immer lauter wird, ist es ihm eine besondere Angelegenheit, seine Gedanken zu diesen Themen in Geschichten zu bündeln. „Aktuelle Geschehnisse beschäftigen mich heute mehr als noch vor einigen Jahren“, gibt er zu. Ursprünglich wollte er es wie einer seiner Lieblingsautoren Charles Bukowski halten, der mit der Menschheit abgeschlossen und seinen beobachtenden Platz außerhalb dieser eingenommen hatte. Aber um diese Position noch halten zu können, muss sich der ansonsten entspannte Autor mittlerweile viel zu sehr über die Entwicklungen aufregen.

„Das Private ist politisch“, sei – so Flenter – ein Leitgedanke der 68er-Bewegung gewesen. Heute merkt er hingegen, dass das Politische immer mehr in das Privatleben hineinreicht und direkte Auswirkungen auf das eigene Leben hat. Schon alleine deswegen ist es unvermeidlich, dass die aktuelle Lage immer mehr Einzug in seine Geschichten erhält. Themen wie beispielsweise die AfD werden unweigerlich Bestandteil seiner Erzählungen. Literatur müsse seiner Meinung nach eben auch Verhältnisse abbilden und im besten Falle Ideen liefern, wie es besser laufen könnte. Dass eine Beatrix von Storch dabei nicht gut wegkommt, sondern sprachlich sehr gelungen karikiert wird, ist nur eines der unzähligen Highlights in Flenters neuem Werk „Wie wir uns besiegten“. Angst vor Kritik oder Anfeindungen aus dem rechten Lager hat Flenter keine. Er lebe in Linden und irgendwie sei das ja eine spezielle Blase. Bei der Zusammenstellung seiner Erzählbände ist es ihm allerdings auch immer wichtig, dass man in zehn Jahren noch Lust hat, nach dem Band zu greifen. Deswegen mangelt es auch nicht an Zeitlosigkeit in seinen Geschichten.

Lebensnah und brillant

Neben politischen Themen ist es in seinem neuesten Werk dieser besondere augenzwinkernder Blick, der vor allem durch seine Ambiguität besticht. Da wird auf der einen Seite die steigende Nutzung von Smartphones und Co. verdammt, aber auf der anderen Seite müssen sich seine Figuren auch den neumodischen Herausforderungen stellen, wenn beispielsweise das eBay-Konto gehackt wurde und sämtliche Passwörter im Internet geändert werden müssen. Bei Flenter ist eben nicht alles Schwarz oder Weiß und der Autor markiert auf diese Weise den durchdachten Charakter seiner Stories. An anderer Stelle ist es dann auch mal der Vater, der seinen Sohn auf ein großes Musik-Festival mitnimmt und seine einstige Heldin Patti Smith nach langer Zeit mal wieder auf der Bühne sieht. Ein ephemerer Moment, denn viele Heldinnen und Helden sind bereits von ihm gegangen, und Smith ähnelt, zumindest laut Aussage des Sohnes, mittlerweile mehr einer Figur aus dem Harry Potter-Universum als einer musikalischen Göttin. Hier liegen ein lachendes und ein weinendes Auge im Gesicht der Leserschaft nahe beieinander. Flenter schreibt über die Dinge, die er kennt, und beweist, dass er nicht nur dazu in der Lage ist, komplexe Bestandsaufnahmen pointiert zu vermitteln, sondern auch gleichsam auch über einen selbstreflexiven Zug verfügt.

Abseits der großen Themen sind es aber auch die alltäglichen Sequenzen, die vermeintlichen Banalitäten, denen Flenter zu wahrer Größe verhilft. Zum Beispiel wenn es um die wiederkehrende Diskussion eines Ehepaars in seinen Erzählungen geht, die vielleicht endlich mal „vernünftig“ handeln und sich ein Haus auf dem Land suchen könnten. Die Darstellung des weiteren Verlaufs dieser Diskussion ist für mich eine ganz große Stärke von „Wie wir uns besiegten“, da hier das ganz normale Leben in einer lebensechten und situationsbedingten Komik brillant dargeboten wird, wie es nur wenige können.

Dann macht man eben den eigenen Stadtteil zur Literatur

Im Gegensatz zu vielen anderen Autorinnen und Autoren, die ihre Geschichten gerne in international bekannten Großstädten platzieren, vertritt Flenter eine klare Meinung. Wenn Paul Auster eine New York-Trilogie schreiben konnte, und Waldimir Kaminer Geschichten über eine einzige Straße in Berlin schreibt, dann müsse das auch mit Linden funktionieren. „Dann macht man eben den eigenen Stadtteil zur Literatur“, sagt Kersten Flenter. Schließlich müsse sich Linden hinter Kreuzberg oder Sankt Pauli keineswegs verstecken. Deswegen lassen sich in seinen Erzählungen auch immer wieder bekannte Schauplätze aus unserem liebsten Stadtteil finden, allen voran die charmante Eckkneipe „Fiasko“, die für einige seiner Figuren als zweites Wohnzimmer kultiviert wurde. „Fiasko ist eben ein komplett schöner Kneipen-Name“, sagt Flenter und lobt vor allem die familiäre und warme Atmosphäre, die einen mit bekannten und bisher nur oberflächlich bekannten Gesichtern zusammenbringt. Für ihn bekommen Geschichten mehr Substanz verliehen, wenn sie irgendwo verortet sind. Wer bisher noch nicht im Fiasko war, wird nach der Lektüre von „Wie wir uns besiegten“ dem Lokal ganz bestimmt einen Besuch abstatten wollen.

Wer schreibt, der liest im besten Falle auch selbst sehr gerne. Als Verfasserin der Seitenansichten ist es für mich daher stets auch spannend, welche Namen bei anderen ganz oben auf der Beliebtheitsliste stehen. Für Kersten Flenter keine einfache Frage, denn belesen ist er allemal. „Steinbeck ist Gott“, entfährt es ihm dann aber, als ich auf eine Passage aus einer seiner Erzählungen zu sprechen komme, die sich auf Steinbecks „Jenseits von Eden“ bezieht. Im Grunde genommen würde er Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ihrem Schaffen auch lange und treu begleiten und ihre Entwicklungen genauer beobachten. Charles Bukwoski habe ihn beispielsweise hinsichtlich seiner eigenen Arbeit beeinflusst. „Themen und Formen müssen nicht unbedingt abgehoben sein, um Dich zu berühren“, konkretisiert er es genauer. Bukwoski habe ihn nicht nur zur Lyrik gebracht, sondern ihm auch den ein oder anderen Kniff vermittelt. Aber auch in Deutschland weniger bekannte Namen wie der amerikanische Autor Richard Brautigan haben ihn mit all ihrer Skurillität eine Zeit lang begleitet.

Auch weiterhin reichlich Flenter in und für Hannover

Bezüglich seiner eigenen weiteren Entwicklung ist Kersten Flenter sehr offen. Er will sich vor allem ausprobieren und weiterhin dazulernen. Auch auf einen neuen Lyrik-Band hätte er große Lust. Seine Bühnen-Programme werden ihn weiterhin begleiten und sind ein festes und spannendes Standbein für ihn. Derzeit widmet er sich einem Drehbuch für einen Superhelden-Film. „Da kann man einfach alles machen“, sagt Flenter. Zudem betreut er seit einigen Jahren den Jugendliteratur-Wettbewerb Burgdorf und kann so neue literarische Stimmen unterstützen. Den großen Jahrhundert-Roman hat Kersten Flenter natürlich auch noch in der Schublade liegen, aber das wird noch etwas dauern. Solche Dinge dürfen eben keinesfalls übers Knie gebrochen werden und erfordern einiges an Recherche.

Was allerdings klar ist, ist, dass wir bis dahin ohnehin noch reichlich Flenter-Momente sammeln können und der Autor weiterhin mit viel Kreativität und Engagement die Literatur-Landschaft Hannovers bereichern und prägen wird. Sei es durch seinen neuen Erzählband, kommende Veröffentlichungen oder aber durch seine zahlreichen Auftritte. Bevor wir uns voneinander trennen, streichle ich noch einmal seinen kleinen Hund Scotty und muss unweigerlich an ein Zitat von John Steinbeck denken: „Ich bin überzeugt, dass Hunde im Grunde denken, die Menschen seien verrückt.“ Ich bin mir sicher, dass wir uns gerade in Zeiten wie diesen wirklich alle darauf einigen können.

Kersten Flenter: „Wie wir uns besiegten“, Erzählungen, 184 Seiten, Gonzo Verlag, ISBN-13: 978-3944564432, 12,95 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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(Foto: Pressefoto/Angela Wulf (1), Buccover(2))

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Kategorien: Literatur, Menschen

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