Susanne Viktoria Haupt
17. Dezember 2018

Weihnachten auf Isländisch

Seitenansicht Spezial: Bücher unterm Weihnachtsbaum

Auch in diesem Jahr wird es bei den Seitenansichten weihnachtlich und literarisch zugleich

Island hat eine ganz wunderbare vorweihnachtliche Tradition und diese nennt sich „Jólabókaflóð“, zu Englisch „Yule Book Flood“. Damit wird die Flut an neuen Büchern bezeichnet, die im November in Island publiziert und traditionell zum Weihnachtsfest verschenkt werden. Gerüchten zu Folge verbringt der Großteil der isländischen Bevölkerung die Feiertage im Bett. Mit neuen Büchern und reichlich Schokolade. Das klingt doch absolut ideal, oder etwa nicht? Ich persönlich habe für mein Bookmas schon vorgesorgt. Jedes Jahr im November nähere ich mich meinen Bücher-Regalen und sortiere all jene Exemplare aus, die ich zwar gerne gerne gelesen habe, aber die dann doch nicht unter meinen Top 500 gelandet sind. Diese Bücher spende ich dann für einen wohltätigen Zweck – und gleichzeitig habe ich Platz für neue Schätze. Das klingt erst einmal sehr eigennützig, aber es ist mein ganz eigener Kreislauf, der auch anderen zu Gute kommt.

Für das diesjährige Weihnachtsfest habe ich nun aber für all jene, die immer noch wild durch die Gassen irren und nach dem idealen Geschenk suchen, ein paar literarische Geschenk-Ideen zusammengestellt. Mit dabei sind natürlich auch wieder Bücher für die Kleineren von uns, denn nichts ist mehr Weihnachten, als eine Geschichte, eine ganz neue Welt, zu verschenken.

Zwei ganz starke literarische Stimmen für den Weihnachtsbaum: „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ von Carson McCullers und „Gilead“ von Marilynne Robinson

Für so manchen vielbelesenen Menschen ist es natürlich schwierig, ein geeignetes Buch zu finden. Vor allem, wenn man sich nicht sicher sein kann, welche der diesjährigen Neuerscheinungen bereits seinen Weg ins Regal der zu Beschenkenden gefunden hat. Nachfragen ist dann auch irgendwie doof. Aber es gibt sicher immer noch den ein oder anderen Klassiker, der zumindest im deutschsprachigen Raum nicht ganz so sehr verbreitet ist. Zu diesen gehört – leider – auch Carson McCullers „Das Herz ist ein einsamer Jäger“. Im Zentrum dieses schlicht und ergreifend brillanten Romans steht der taubstumme John Singer, der direkt zu Beginn des Romans seinen Weggefährten und ebenfalls taubstummen Freund Spiros Antonapoulos verliert. Nun alleine auf der Welt, wird Singer zu einem Menschen, der sich zwar anderen nicht anvertrauen kann, aber der trotzdem das Vertrauen von vielen Menschen gewinnt. Bereits das erste Kapitel von Carson McCullers literarischen Debüt ist tausendmal besser, als das meiste, was man in den vergangenen zehn Jahren zu lesen bekommen hat. Für anspruchsvolle Bücherwürmer ist dieser Roman daher genau der richtige.

Ein weiterer Schatz als Weihnachts-Präsent ist „Gilead“ von Marilynne Robinson. Zwar handelt es sich nicht wie bei McCullers um das Debüt von Robinson, aber doch um ihr erst zweites literarisches Werk. Für das Zweite kann man natürlich auch direkt den Pulitzer Prize for Fiction abräumen, oder? So geschehen 2005 mit eben diesem Roman. „Gilead“ ist der erste Teil von Robinsons Iowa-Trilogie, deren weitere Bände „Lila“ und „Zuhause“ sind. Allerdings lassen sich alle drei Bände auch völlig unabhängig voneinander lesen. In „Gilead“ geht es um die Erinnerungen von John Ames, einem Mann, dessen Familie schon seit Generationen Pastoren hervorgebracht hatte. Ames liegt im Sterben und verfasst an seinen gerade einmal siebenjährigen Sohn einen Brief, um ihm die Dinge und die Welt ein Stück weit zu erklären. Ein berührender Roman, der wie aus einer anderen Zeit zu kommen scheint, aber uns gleichzeitig wieder auf den Boden der Tatsachen zu holen vermag. Grund dafür sind die zeitlosen Themen, die Robinson anspricht, und die Ruhe, die die Autorin in ihre Sprache zu weben versteht.

Für die leichte Lektüre: „Die Känguru-Apokryphen“ von Marc-Uwe Kling und „Das Café der Existenzialisten“ von Sarah Bakewell

Wer seine Mitmenschen gerne zum Lachen bringen möchte, der verschenkt einfach neues von Deutschlands liebstem Känguru. Marc-Uwe Kling, der bereits mit seinen „Känguru-Chroniken“, einer formidablen Textsammlung, zahlreichen Menschen einen waschechten Lachmuskelkater verpasst hat, stürmte jetzt im Oktober den Buchmarkt mit den „Känguru-Apokryphen“. Die Geschichten der Känguru-Apokryphen schließen allerdings nicht chronologisch an den letzten Band der „Känguru-Chroniken“ an, sondern spielen mal vor, mal während und mal nach der eigentlichen Haupthandlung der Chroniken. Weniger lustig und unterhaltsam sind die Apokryphen aber keinesfalls und für Fans des Multi-Talents Kling ein absolutes Muss.

Wer an Philosophie denkt, der glaubt meist, dass es sich dabei um eine Disziplin handelt, die einen allenfalls zum redseligen und weisen Taxifahrer berechtigen könnte. Philosophie ist aber deutlich mehr und auch wirklich spannend. Allerdings fällt der Einstieg für Menschen, die sich nicht zum Beispiel im Studium mit Philosophie auseinandergesetzt haben, manchmal recht schwer. Einfach mal Sartre oder Camus lesen? Klar, mit den Romanen geht das noch. Aber wo fängt man denn mit den grundlegenden Werken an? Und wie sieht es mit anderen Philosophinnen und Philosophen aus? Wie kann man beispielsweise für sich selbst den Existenzialismus aufarbeiten? Wer sich diese Frage schon einmal gestellt haben sollte, findet in Sarah Bakewell eine echte Freundin. Bakewell studierte einst Philosophie und beschäftigte sich vor allem mit Martin Heidegger und seiner Phänomenologie. Nach vielen Jahren, in denen sie als Kuratorin in London gearbeitet hat, entschied sie sich, erst einmal das Leben des Philosophen Montaigne literarisch aufzuarbeiten. Im zweiten Zug hielt sie mit „Das Café der Existenzialisten“ die Geschichte und Wirkung des Existenzialismus auf unterhaltsame und interessante Weise fest. Nach diesem umfangreichen, aber nicht ermüdenden Werk ist man bestens gewappnet, um sich blind in die weite Welt der grundlegenden Texte des Existenzialismus zu stürzen. Und vielleicht hat man genau wie Bakewell dabei den Gedanken, dass wir genau diese Philosophie heute eigentlich dringender als je zuvor brauchen. Nur eben in einer modifizierten Form.

So gut kann Jugend-Literatur sein: „Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums“ von Benjamin Alire Sáenz und „Mord ist nichts für junge Damen“ von Robin Stevens

Irgendwie scheint es heutzutage deutlich coolere Jugend-Bücher zu geben, als zur Zeit meiner Jugend. Zu diesen Büchern gehört beispielsweise auf alle Fälle auch „Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums“ von Benjamin Alire Sáenz. Aristoteles, genannt Ari, ist ein stiller 15-jähriger Junge, der lieber für sich alleine ist und auch noch nicht schwimmen kann. Dante hingegen kann sich wunderbar sprachlich ausdrücken und ist ein phantastischer Schwimmer. Eigentlich heißt es ja immer, dass sich Gleich und Gleich gerne gesellt, aber im Falle der Geschichte von Sáenz ziehen sich Gegensätze wirklich an. Dante und Ari werden schnell Freunde und beginnen, gemeinsam die Welt für sich zu entdecken und sie gleichermaßen füreinander verständlicher zu machen. Dabei verliert Autor Sáenz niemals den Blick für die Lebenswelt von jungen Menschen und ihren Problemen. „Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums“ ist jedenfalls ein Roman, der in jedes Bücherregal von (angehenden) Teenagern gehört.

Zugegeben, ein Internat ist immer ein toller Schauplatz für einen Jugend-Roman. Das haben bereits „Hanni und Nanny“ und „Harry Potter“ bewiesen. Kein Wunder also, dass sich so manches Kind irgendwann nach einer dreimonatigen Auszeit in einem britischen Internat sehnt. Ob das nach dem Brexit noch so einfach gehen wird? Falls nicht, findet man immer noch Zuflucht in der spannenden Jugendkrimi-Reihe „Ein Fall für Wells und Wong“ von Robin Stevens. Die Reihe umfasst mittlerweile bereits sechs Bände und hat sich zum echten Hit entwickelt. Die Handlung beginnt im ersten Band im Jahr 1934 auf der Mädchenschule Deepdean. Dort gründen Hazel Wong und Daisy Wells ihr eigenes Detektivbüro, und ihr erster Fall lässt nicht lange auf sich warten. Denn schon nach einigen Tagen wird Lehrerin Miss Bell tot in der Sporthalle aufgefunden. Wells und Wong glauben dabei nicht an einen Unfall und nehmen die Ermittlungen auf. Ganz im Stil von Stevens großem Vorbild Agatha Christie bleibt bei jedem einzelnen Buch dieser Reihe die Spannung bis zum Schluss aufrecht erhalten. Und wer zu Band 1 greift, der greift auch ziemlich fix zu Band 2. Empfohlen für lesewütige Kids ab 12 Jahren.

Zum Vorlesen und selbst lesen: „Grododo“ von Michaël Escoffier und „Viele Grüße, deine Giraffe“ von Megumi Iwasa

Briefe sind längst out? Von wegen! Selbst im Tierreich schwört man immer noch auf die traditionelle Kommunikationsform. So auch die kleine Giraffe, die sich nichts sehnlicher als einen echten Freund wünscht. Deswegen schreibt sie einen Brief und übergibt ihn einem Pelikan, der gerade seine eigene Post-Filiale eröffnet hat. Der Pelikan bringt den Brief weit weg zu einem kleinen Pinguin, der sich sehr über die Post von einer Giraffe freut. So beginnt eine wunderbare Brief-Freundschaft. Doch eines Tages möchte die Giraffe ihren Brief-Freund besuchen und will sich dafür als Pinguin verkleiden. Gar nicht so einfach, oder? Megumi Iwasa ist mit „Viele Grüße, deine Giraffe“ ein wundervoller und liebenswerter Brief-Roman für Kinder ab sechs Jahren gelungen, der nicht nur durch die herzliche Geschichte, sondern auch durch die treffenden Illustrationen von Jörg Mühle überzeugt. Für Mühle und Iwasa ist das nach „Viele Grüße vom Kap der Wale“ bereits die zweite Zusammenarbeit und wir können nur auf mehr hoffen. Geeignet für die ersten eigenen Leseversuche, aber auch ideal zum Vorlesen.

Für die ganz Kleinen soll es natürlich auch ein geeignetes Buch unterm Weihnachtsbaum geben. Michaël Escoffiers „Grododo“ wäre dafür eine echt gute Wahl. Der kleine Hase Cäsar möchte einfach nur schlafen, aber irgendetwas hält ihn immer davon ab. Das scheint bei näherem Hinsehen auch irgendwie verständlich, denn Cäsar hat schon wirklich hohe Anforderungen, wenn es um das Einschlaf-Ritual geht. Da muss eben einfach alles sitzen und, oh Wunder, bei wirklich vielen Kindern rund um die vier Jahre ist das eben genauso. Deswegen lieben die Kids „Grododo“ auch so sehr, denn mit Cäsar fühlen sie echt mit. „Grododo“ ist eine wunderbare Gute-Nacht-Geschichte mit traumhaften Illustrationen. Ein Bilderbuch, über das sich die Kleinen ganz bestimmt freuen werden.

In diesem Sinne wünschen Euch die Seitenansichten ein zauberhaftes Weihnachtsfest 2018 und einen phantastischen Rutsch ins Lesejahr 2019. Auch im kommenden Jahr werde ich wieder spannende Buch-Empfehlungen aufgreifen und Euch mit dem ein oder anderen Sonderbeitrag hoffentlich überraschen können.

Carson McCullers: „Das Herz ist ein einsamer Jäger“, 592 Seiten, Diogenes Verlag, ISBN-13: 978-3257242249, 13 Euro

Marilynne Robinson: „Gilead“, 320 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN-13: 978-3100024596, 20 Euro

Marc-Uwe Kling: „Die Känguru-Apokryphen“, 208 Seiten, Ullstein Taschenbuch, ISBN-13: 978-3548291956, 9 Euro

Sarah Bakewell: „Das Café der Existenzialisten: Freiheit, Sein und Aprikosencocktails“, 448 Seiten, C.H. Beck, ISBN-13: 978-3406697647, 24,95 Euro

Benjamin Alire Sáenz: „Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums“, 384 Seiten, Thienemann Verlag, ISBN-13: 978-3522201926, 16,99 Euro

Robin Stevens: „Mord ist nichts für junge Damen – Ein Fall für Wells und Wong“, 288 Seiten, Knesebeck Verlag, ISBN-13: 978-3868739046, 15 Euro

Megumi Iwasa: „Viele Grüße, deine Giraffe“, 112 Seiten, Moritz Verlag, ISBN-13: 978-3895653377, 10,95 Euro

Michaël Escoffier: „Grododo“, 56 Seiten, Carlsen Verlag, ISBN-13: 978-3551515094, 14,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

(Foto: Susanne Haupt)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur

Kommentiere diesen Artikel