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Hannovers Schlachterbursche No. 1

von Henning Chadde, Sonntag, 3. Januar 2010

Das Warten hat ein Ende: Das Doku-Drama “Puppenjungs - Der Fall Haarmann” feiert heute im Apollo-Kino Premiere

Haarmann

Unscheinbar, charmant, intelligent und bestialisch: Fritz Haarmann

Der Filmemacher Nils Loof gehört ohne Zweifel zu den Hoffnungsträgern unserer lieblichen Leinemetropole. Fest in Hannovers Kulturszene verwurzelt, setzt Loof bei seinen Produktionen auf eine kreative Netzwerkarbeit, welche die verschiedensten Impulse zusammenführt, Synergien schafft und somit stets einen ungewöhnlichen Blick für das Abseitige und Außergewöhnliche schärft. Loof hat seit dem letzten Jahr eine Professur an der hannoverschen Fachhochschule im Bereich Medien, Information und Design inne, seine Filme liefen bereits in über dreißig Ländern und wurden mehrfach ausgezeichnet.

Auf den Spuren des Mörders

In seinem neusten Werk, dem Doku-Drama “Puppenjungs”, setzt Loof sein filmisches Augenmerk auf den hannoverschen Serien- und Knabenmörder Fritz Haarmann. Eine Person, die auch heute noch die Geister zu entzweien vermag, wie zuletzt vor zweieinhalb Jahren beispielsweise der Streit über Haarmanns Auftreten im Jahreskalender der Hannover-Tourismus belegte. Loof wäre allerdings nicht Loof, wenn er die plumpe Provokation und die bestialischen Taten des “Werwolfes von Hannover” in den Mittelpunkt seiner Betrachtung stellen würde. Vielmehr widmet er sich den verschiedenen Ebenen der ernsthaften Liebesbeziehung zwischen Haarmann und seinem Partner Wolfgang Grans sowie den Verstrickungen der Polizeibehörden in den Fall.

Haarmann, lange Zeit als Polizeispitzel im Bahnhofs- und Altstadt-Milieu tätig , hätte viel früher das Handwerk gelegt werden können, nur wurden viele Indizienstränge und Hinweise nicht konsequent zu Ende verfolgt. Und das auch, weil es sich bei den Opfern häufig um sogenannte “Milieu-Opfer” handelte, homosexuelle Prostituierte und Kleinkriminelle, die am äußersten Rande der Gesellschaft ihr Leben fristeten und somit kaum im Hauptinteresse einer schnellen und effektiven Tataufklärung standen. Eine Einstellung, die damals trotz der um sich greifenden Angst in Hannover durchaus hoffähig war, erledigte sich das sogenannte “Pack” doch augenscheinlich durch eigene Hand.

Dieser und vielen anderen interessanten - und bisweilen bis heute unangenehmen - Fragen geht Nils Loof in den “Puppenjungs” engagiert und vielschichtig nach. Er erlaubt sich einen unkonventionellen und tiefen Blick in die Seele eines Mörders und die Umstände seiner Zeit. Einer Zeit, die zu Recht fragen lässt: Wo liegen die Schnittstellen, an denen Haarmanns Taten möglich wurden, und wie bedingten sich Milieu-Umstände, Ermittler-Interessen und politische Vorgaben gegenseitig? Im Lindener Apollo-Kino läuft “Puppenjungs” heute als Kinopremiere. Im Vorprogramm läuft der Kurzfilm “Czarna”, der ebenfalls von Nils Loof gedreht wurde.

Sonntag, 3. Januar 2010:
“Puppenjungs - Der Fall Haarmann”, Doku-Drama von Nils Loof, D 2009, 60 min., Apollo-Kino, Limmerstr. 50, 30451 Hannover, Beginn: 11 Uhr, Eintritt: 5 Euro, ermäßigt: 4 Euro

Die “Puppenjungs” im Fernsehen:
Sonntag, 24. Januar, NDR 3, 11.30 Uhr

weiterlesen:
“Warte, warte nur ein Weilchen…” - Filmkritik von Raoul Festante

(Foto: wikipedia.com)


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