Marcel Seniw
8. Dezember 2018

Niclas Füllkrugs Emanzipation zum Führungsspieler

Abseits – Hannover 96 vor dem Spieltag. Morgen: das Auswärtsspiel beim 1. FSV Mainz 05

Niclas Füllkrug

Bezog nach der Hertha-Pleite klare Kante: Niclas Füllkrug möchte eine andere Körpersprache seiner Mannschaft sehen

Es war schon erschreckend schwach, was Hannover 96 am vergangenen Samstag gegen Hertha BSC auf dem Rasen anbot. Anstelle eines Aufbäumens der Roten im Abstiegskampf sahen wir hängende Köpfe. Statt der Gier nach einem Sieg die totale Verunsicherung. Gegen einen Bundesligisten, der seit sechs Spieltagen keinen Sieg einfahren konnte, präsentierte sich Hannover 96 wie ein Absteiger. André Breitenreiter sprach nach dem Spiel gegen die Berliner nicht umsonst von der schwächsten ersten Halbzeit in seiner Amtszeit bei Hannover 96. Den Auftritt der Mannschaft, genauer gesagt die fehlende Körpersprache, prangerte denn auch Stürmer Niclas Füllkrug direkt nach dem Abpfiff im Interview mit NDR 2 deutlichst an und holte sich tags drauf dafür einen kleinen Rüffel seines Managers Horst Heldt im Sport1-„Doppelpass“ ab, der sagte, dass er derartige Lippenbekenntnisse lieber auf dem Platz sehen würde.

Emotionale Reaktionen

Füllkrug traf aber den Nagel auf dem Kopf. Auch wenn er seine Worte vielleicht nicht sonderlich bedacht wählte, so sprach er nicht nur den 96-Fans aus der Seele, sondern zeigte immerhin Leidenschaft. In diesem Interview hatte man das Gefühl, dass da einer bei Hannover 96 im Team ist, der die so oft und gern zitierten „Eier“ hat. Kein glattgelutschtes Wischiwaschi, vielmehr Klartext. Wenn ausgerechnet ein Stürmer seine Mannschaft so öffentlich kritisiert, hat das zwar immer ein gewisses Geschmäckle, aber es wurde Zeit und hoffentlich haben sich seine Mitspieler durch das emotionale Interview Füllkrugs an ihrer Ehre gepackt gefühlt.

Hannover 96 sucht Führungsspieler

Es soll danach vor dem Training am Sonntagvormittag in der Kabine gescheppert haben. Das kann befreiend sein, eine Mannschaft zusammenraufen, kann aber auch für heftigen Unmut beim einen oder anderen Spieler sorgen. Keiner lässt sich gern öffentlich derart kritisieren, wie es Füllkrug tat, doch genau dieser Auftritt, den man von Führungsspielern wie Kahn oder Effenberg während der 90er- und Nuller-Jahre des Öfteren zu sehen bekam, könnte dafür sorgen, dass bei Hannover 96 vor Weihnachten doch noch einmal ein Ruck durchs Team geht. Hannover 96 braucht aktuell dringendst Führungsspieler – und Niclas Füllkrug hat gezeigt, dass er das verbal sein kann. Jetzt muss er allerdings auch mit Toren vorangehen und die Mannschaft aus ihrer Verunsicherung tragen.

Mainz mit breiter Brust

Die erste Chance zum Zusammenraufen bekommen die Roten ausgerechnet auf einer Auswärtsreise. Der kommende Gegner heißt Mainz 05 und die Rheinland-Pfälzer spielen bislang eine richtig gute Saison. Mit aktuell 18 Zählern haben sie exakt doppelt so viele Punkte auf dem Konto wie Hannover 96 und stehen gar nicht mal so schlecht in der Tabelle auf dem zehnten Rang. Mit einem Sieg über Hannover 96 wäre sogar ein Heranrücken an die Europa League-Plätze möglich. Daher werden die 05er einen Teufel tun und 96 auf die leichte Schulter nehmen. Trainer Sandro Schwarz und sein Team nehmen wahr, dass sie drei der letzten vier Spiele gewonnen haben: „Wir merken, dass wir eine gute Phase haben, dass wir auch tabellarisch einen Schritt machen, uns noch mehr Luft nach unten verschaffen können. Und wir nehmen wahr, dass unsere Entwicklung stimmt. Jetzt geht es darum, sich im vorletzten Heimspiel nochmal zu belohnen für allen Aufwand, den wir betreiben“, sagte ein selbstbewusster FSV-Coach. Breite Brust und so.

Hannover braucht viel Herz

Das Mainzer Heimspiel gegen Hannover 96 läuft unter dem Motto „Spiel der Herzen“. Denn der FSV sammelt Spenden für einen guten Zweck. Immerhin eine schöne Geschichte vor der Weihnachtszeit, denn es erfreut einen doch zu sehen, dass die Bundesligisten ihrer durch ihren Wohlstand entstandenen gesellschaftlichen Verantwortung zumindest ein bisschen nachkommen. Doch allzu viel Nächstenliebe sollte Hannover 96 nicht erwarten, selbst wenn das Mainzer Spieltagsmotto wie auf die Roten zugeschnitten wirkt. Hannover 96 muss sicher ganz viel Herz zeigen, um gegen dieses starke Mainz 05 zu bestehen und vielleicht einen Punkt zu holen. André Breitenreiters Job soll laut Martin Kind auch nach dem Spiel gegen Mainz 05 nicht in Gefahr sein. Warten wir mal ab, was für einen Auftritt Hannover 96 abliefert. Sollte er dem gegen Berlin ähneln, dann wage ich zu bezweifeln, dass die kindschen Worte in Stein gemeißelt wurden. Mein Tipp: Hannover 96 verliert zwar mit 1:2, doch die Mannschaft wird Eier zeigen. Breitenreiter bleibt!

Sonntag, 9. Dezember 2018, 15.30 Uhr:
1. FSV Mainz 05 – Hannover 96

(Foto: Pressefoto/Hannover 96)

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Kategorien: Allgemein, Sports

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