Sebastian Albrecht
15. Dezember 2018

Die Leiden der Therapie-Couch

Im Theatrio Figurentheaterhaus wird heute Abend beim Stück „Schöner leiden: Eine Couch packt aus“ nicht auf, sondern vor der Couch Platz genommen

Schöner leiden: Eine Couch packt aus (Nonsens, Irrsinn, Wahnsinn, Puppenspiel)

Musste schon so viel über sich ergehen lassen, dass es nur fair ist, wenn sie nun ebenfalls auspacken darf: die Therapie-Couch in „Schöner leiden: Eine Couch packt aus“

Dass es sich bei einer Couch um einen Gebrauchsgegenstand handelt und nicht um ein phantastisches Wesen mit einem menschenähnlichen Verstand und Seelenleben aus einem Fantasy-Werk, welches aus unerfindlichen Gründen der Menschheit zu Diensten sein muss, ist sicherlich für beide Seiten nur von Vorteil. Für den Menschen, da niemand ständig nach dem Buch gefragt werden möchte, dass er gerade liest, schon gar nicht abends auf der Couch nach einem anstrengenden Tag, und noch weniger, wenn eben diese die Fragen stellt. Ebenso unangenehm: Wenn unverblümt darauf hingewiesen wird, dass die zahlreichen Serien-Marathons in letzter Zeit sich langsam negativ auf die Körpermasse ausgeübt hätten. Und auch die Couch kann sicherlich darauf verzichten, Zeuge von dem zu werden, was so alles auf ihr getrieben und getratscht wird. So mancher überlegte nach einer exzessiven WG-Party schon, die Couch einfach gleich zu verbrennen, statt sie aufwendig zu reinigen. Und zahlreiche lautstark geführte Telefongespräche in Bus und Bahn zeugen nicht unbedingt davon, jeden tiefen Abgrund mitbekommen zu wollen, der Freunden oder dem Psychiater auf der Couch so erzählt wird. Eine Couch würde so wahrscheinlich selbst schnell zu einem Fall für die… Aber lassen wir das.

Denn nicht jede dieser Geschichten, von denen wir – häufig unfreiwillig – Zeuge werden, erzeugen so ein Gefühl bei uns wie Fingernägel auf einer Schultafel. Manche sind in ihrer Absurdität und Überdrehtheit durchaus interessant, hin und wieder lehrreich und manchmal auch anrührend. In ihrem Stück „Schöner leiden: Eine Couch packt aus (Nonsens, Irrsinn, Wahnsinn, Puppenspiel)“ lässt Ute Kotte, die seit 1998 als Theater Maskotte über die Bühnen der Republik tingelt, darum eine Therapie-Couch ihr Eigenleben entwickeln und selbige vor dem Publikum gründlich alles Erlebte von der Seele reden. Weil im Theater andere Regeln gelten – und keiner die nächsten Jahre tagtäglich mit eben schwatzender Couch verbringen muss -, ist die Litanei, zu der die Couch ansetzt, glücklicherweise weder unangenehm noch langweilig, sondern bietet einen unterhaltsamen und spannenden Blick auf Wahnsinn, Ängste, Depressionen und Neurosen. Am Ende lässt „Schöner leiden: Eine Couch packt aus“ vermuten, dass Humor der Kit ist, der unseren Alltag nicht auseinanderbrechen lässt. Und es stellt sich die Frage, ob es nicht doch ganz interessant wäre, was die eigene Couch zu erzählen hätte. Vor allem, wenn es eine gebrauchte ist.

Samstag, 15. Dezember 2018:
„Schöner leiden: Eine Couch packt aus (Nonsens, Irrsinn, Wahnsinn, Puppenspiel)“, Figurentheater mit Theater Maskotte, Theatrio – das Figurentheaterhaus, Großer Kolonnenweg 5, 30163 Hannover, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 16 Euro, ermäßigt 10 Euro

(Foto: Pressefoto/Theatrio Figurentheaterhaus)

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Kategorien: Bühne, Tagestipps

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