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Ein Buch zur richtigen Zeit

Seitenansicht: „Die letzten Tage des Patriarchats“ von Margarete Stokowski

Margarete Stokowski: "Die letzten Tage des Patriarchats", Buchcover

„Die letzten Tage des Patriarchats“ versammelt Essays und Kolumnen der Autorin aus den letzten sieben Jahren

Margarete Stokowski wird in den Medien gerne als neue Superheldin des Feminismus gefeiert. Ihre Waffen sind spitz geschliffene Argumente, ihre regelmäßigen Kolumnen auf Spiegel-Online, beziehungsweise früher in der taz, und eine unschlagbare Coolness. Nach ihrem Debut „Untenrum frei“ kam jetzt der zweite Streich auf den Büchermarkt: „Die letzten Tage des Patriarchats“. Das kämpferisch anmutende Buch ist eine Sammlung ihrer Kolumnen der letzten sieben Jahre, die die Autorin überarbeitet und teilweise mit den Reaktionen versehen hat, die ihren Texten folgten.

Wie schon in „Untenrum frei“ blickt Stokowski mit politischem Blick auf das Private und scheut keine privaten Perspektiven auf politische Debatten. Kritiker*innen werfen ihr gerne vor, sie würde sich in der Sphäre persönlicher Befindlichkeiten verlieren. Doch bietet ihre Perspektive das Potenzial, Menschen anzusprechen, die bisher wenig politisiert waren. Und, was viel wichtiger ist: im Kampf des alltäglichen Politik-Betriebs daran zu erinnern, dass es Menschen sind, die von politischen Entscheidungen betroffen sind. Ob es um Unisex-Toiletten oder die Frauen-Quote geht. Stokowski schafft es, Gender- und Sozial-Theorie allgemeinverständlich in ihre Argumente einfließen zu lassen, ohne dabei komplexe Inhalte vereinfacht darzustellen.

Nebenbei erinnern ihre Texte an Themen, die einst sehr hohe Medien-Aufmerksamkeit erhielten, nur um bald wieder in den Schubladen zu verschwinden. Bei einigen Themen, wie der „Ehe für alle“, ist das erfreulich. Bei anderen, wie der Rassismus-Welle rund um die Sylvesternacht in Köln, kann einen der Verdacht beschleichen, dass Ansichten, die mit diesen Ereignissen erstmals eine breite Öffentlichkeit fanden, heute schlicht und einfach Normalität geworden sind. Das Buch hilft, diese Normalität in Frage zu stellen.

Die Lektüre von „Die letzten Tage des Patriarchats“ ist ohne Frage unterhaltsam. Doch fragt man sich bei einigen Kolumnen, ob sie überhaupt mehr wollen, als eine nette Sonntag-Nachmittag-Beschäftigung zu sein. Denn nicht alle Texte werden dem kämpferischen Titel gerecht und manche scheinen bloß ein Einblick in das Nähkästchen Stokowskis zu liefern. Für Fans mag das interessant sein, für alle, die an Inhalten interessiert sind, aber enttäuschend. Doch ist Stokowski sich dem durchaus bewusst und weißt im Vorwort auf die Schwächen einiger Texte hin. Genau diese, für sie typische Art von erwachsener Selbstreflexion, schwächt an vielen Stellen die Wucht des Buches. Am Ende scheint so vieles je nach Perspektive seine Richtigkeit zu haben, dass man ganz vergisst, darüber nachzudenken, wie sich das Patriarchat denn jetzt am besten stürzen ließe.

Doch zieht sich diese Schwammigkeit nicht durch alle Texte. An anderen Stellen schafft die Autorin es sehr gekonnt, differenziert zu argumentieren und trotzdem Prioritäten zu setzen und Partei zu ergreifen. Dass es bitter notwendig ist, Position zu beziehen, zeigen nicht nur die Reaktionen, die sie im Anschluss an ihre Texte teilweise mit abgedruckt hat. Auch ein Blick auf die Kommentarspalten zu ihren aktuellen Kolumnen zeigen die Relevanz ihrer Themen-Schwerpunkte.

Als Reaktion auf ihr Plädoyer für Unisex-Toiletten schrieb ihr ein Leser, er wünsche ihr, sie möge in einem solchen Klo „ersaufen“. Manche der abgedruckten Zuschriften sind so absurd, dass man am liebsten laut lachen möchte, andere lassen einen erschaudern. Eines aber zeigen sie immer: Es ist absolut notwendig, über bestimmte Themen zu schreiben und zu sprechen. Gerade weil es da draußen offensichtlich einige Menschen gibt, die zum Beispiel in der Thematisierung von gleichgeschlechtlicher Liebe in der Schule oder einer Toilette für Menschen, die nicht in das binäre Geschlechtssystem passen, einen Angriff auf ihre persönliche Welt sehen. Äußerst stark sind auch Stokowskis teilweise Gegenreaktionen. Anstatt sich auf das Niveau ihrer „Hater“ herabzulassen, bleibt sie respektvoll. Anstatt ihre rhetorischen Fähigkeiten für einseitige Argumentationen zu nutzen, erinnert sie alle daran, dass sie nicht für eine neue Hierarchisierung von Geschlechtern oder Lebensmodellen eintritt, sondern für mehr Gerechtigkeit in allen Bereichen und für alle Menschen. Das mag abgedroschen und nach utopischen Spinnereien klingen, aber in einer Welt, in der rechte Parteien wachsen und Menschen Morddrohungen erhalten, weil sie feministische Kolumnen schreiben, ist genau das notwendig.

Margarete Stokowski: „Die letzten Tage des Patriarchats“, 320 Seiten, Rowohlt, ISBN-13: 978-3498063634, 20 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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