langeleine.de - Das Online-Journal für Hannover

“Ihr sollt keine Perlen vor die Säue werfen”

von Lorenz Varga      Montag, 18. Januar 2010

Umjubelte Premiere voll sprachlicher Delikatessen im Schauspielhaus: Die “Parzival”-Inszenierung von Lars-Ole Walburg nach dem Text von Lukas Bärfuss. Eine Rezension

Parzival 3

Wenn er nur wüsste, wohin: Sandra Hüller als Parzival

Der Erlöser ist ein Einfaltspinsel

“Da die Mutter nicht blöd ist, muss es ja der Vater sein.” So mutmaßen zwei Bauern zu Beginn des Stückes über den Genpool des Parzival (Sandra Hüller). Dieser nämlich wird von seiner Mutter Herzeloyde (Andreas Schlager) in der Abgeschiedenheit des Waldes erzogen, fern der (Ritter-)Welt, die Parzivals Vater Gachmuret den Tod brachte. Dementsprechend unwissend und unvorbereitet trifft Parzival später auf die Welt. Und wie könnte man diese Einfältigkeit besser darstellen als durch Nacktheit? Im Eva-Kostüm wandelt Sandra Hüller als Parzival durch die Einöde, bis sie (er) von Mutter Herzeloyde das Narrenkostüm verpasst bekommt, mit dem Parzival schließlich in die Welt tritt. Bereits hier wird ein Prinzip dieser Inszenierung deutlich: der Rollentausch. Die männliche Mutter und der weibliche Parzival bleiben da keine Ausnahmen. Auch das Bühnenbild von Reinhild Blaschke korrespondiert mit der Enge des Ortes. Leicht nach innen geneigte Seitenwände, eine abschüssige Bühne und ein hinter Plastikvorhängen durch grünes Licht verschwommen angedeuteter Wald markieren die Begrenzungen von Parzivals Einöde. Mit zunehmender Weltkenntnis öffnet sich dann die ganze Tiefe des Raumes.

Parzival mit Mutter

Mutter Herzeloyde (Andreas Schlager) entlässt Parzival (Sandra Hüller) im Narrenkostüm in die Welt

Die Welt liegt in Stücken

Nun tritt Parzival in eine Welt, die er nicht versteht. “Ich hab die Regel gesucht, nach der ich leben kann”, wird er später sagen. Doch zunächst einmal will er Ritter werden. Dazu tötet er Ither, den roten Ritter, und bemächtigt sich dessen Rüstung. Zuvor hatte er dazu die Genehmigung von König Artus (Aljoscha Stadelmann) erhalten. An der Tafelrunde, einem jämmerlichen Haufen aus völlenden Trunkenbolden, bringt er Cunneware, die Frau, die niemals lacht, zum Lachen. Als Gurnemanz (Florian Hertweck), ein alter Mann, der Parzival im Hinblick auf sein Ritterdasein unterrichtet, davon hört, gibt er ihm die Hand seiner Tochter Liase (Martin Vischer), denn er weiß: Nur der Erlöser löst das Lachen. Von Gurnemanz, dem Parzivals Gefasel von seiner Mutter gehörig auf die Ketten geht, lernt er auch eine entscheidende Weisheit: “Weiber reden ohne Unterlass. Ein Mann wirkt durch Schweigen.” In diesem Sinne wird Parzival ein richtiger Mann.

Parzival Rüstung

Parzival trägt die Rüstung des roten Ritters

Das Mitleid fehlt

So gerüstet kommt Parzival zur Gralsburg. Diese kann nur finden, wer sie nicht sucht. In ihr leidet König Anfortas (Andreas Schlager) an seinen verletzten Hoden, die er vor sich herträgt, als müsse er seine Därme zusammenhalten. Nur die Frage eines unwissenden Fremden nach seinem Befinden kann ihn von seinem Siechtum erlösen. Es ist das Mitleid, das diese erlösende Frage evozieren soll. Doch Parzival schweigt, wie man es ihn gelehrt hatte. Die Burg verschwindet gleich einem Traum. Er irrt weiter durch die Welt, verzweifelt, will wieder nach Hause. Aber sein Zuhause ist vorbestimmt. Er trifft ein zweites Mal auf die Gralsburg und stellt die erlösende Frage. Einsiedler Trevrizent (Florian Hertweck) bringt das Geschehen auf den Punkt: “Die einen sind auserwählt, die anderen sind verdammt.”

Parzival Schnee

Umjubelte Parzival-Darstellerin: Sandra Hüller

Ritterspektakel in Zeiten der Globalisierung

Regisseur Lars-Ole Walburg hat uns mit seiner “Parzival”-Inszenierung einen kurzweiligen Abend beschert. Er hat auf eine krampfhafte Aktualisierung und künstliche Gegenwartsbezüge weitgehend verzichtet. Daran ändert auch ein blauhaariger “Disko-Ritter” Keye an der Tafelrunde nichts. Neben den sieben Schauspielern, die abwechselnd in über 30 Rollen schlüpften, tat eine hervorragend aufgelegte und vom Publikum umjubelte Sandra Hüller das Ihrige. Dazu gesellten sich wohltuend knapp gehaltene Kampfszenen, die meist in Zeitlupentempo angedeutet wurden. Abgerundet wurde das Stück durch die passende musikalische Untermalung von Tomek Kolczynski. Natürlich kann man sich fragen, was uns das Mittelalter-Epos “Parzival” in unserer globalisierten Welt lehren kann. Man kann sich fragen, ob über die Erkenntnis des Verlorenseins in einer nicht verstehbaren Welt hinaus die ritterliche Welt des Parzival für den modernen, subjektivierten Menschen überhaupt noch eine Bedeutung haben kann. Und man kann sich fragen, inwieweit der Erlöser-Gedanken uns überhaupt noch zugänglich ist. Aber man kann sich auch einfach einmal zurücklehnen und ein gut inszeniertes Theaterstück genießen.

Parzival
Schauspiel von Lukas Bärfuss nach Wolfram von Eschenbach
Schauspielhaus Hannover, Prinzenstraße 9, 30159 Hannover
Eintritt: 17,50 Euro bis 36 Euro, ermäßigt: ab 7,50 Euro

  • weitere Aufführungen:
  • Dienstag, 19. Januar, 19.30 Uhr
  • Dienstag, 26. Januar, 19.30 Uhr
  • Samstag, 30. Januar, 19.30 Uhr
  • Dienstag, 2. Februar, 19.30 Uhr
  • Mittwoch, 17. Februar, 19.30 Uhr
  • Sonntag, 21. Februar, 19.30 Uhr
  • Sonntag, 28. Februar, 19.30 Uhr

weiterlesen:
“Kollateralschäden eines Gralshüters” - Ankündigung zum Stück

(Foto: Katrin Ribbe)

Noch keine Kommentare zum Artikel
““Ihr sollt keine Perlen vor die Säue werfen””

Hier könnt Ihr einen Kommentar hinterlassen!