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Überall dasselbe

Seitenansicht: „Männer, die sich schlecht benehmen“ von Joshua Ferris

Beherrscht eindeutig auch die kurze Form: Joshua Ferris‘ erster Kurzgeschichten-Band „Männer, die sich schlecht benehmen“, Buchcover

Seit geraumer Zeit pflege ich eine gewisse Vorliebe für Kurzgeschichten respektive Erzählungen. Der Grund ist ganz einfach. Eine Kurzgeschichte umfasst im besten Falle 30 bis 50 Seiten. Das ist ein Pensum, das am Abend im Bett noch zu schaffen ist. Kurzgeschichten sind zudem abgeschlossen. Außer vielleicht hier und da bei Alice Munro. Bleiben wir aber mal beim Regelfall. Ist die Kurzgeschichte nach dieser überschaubaren Seitenanzahl abgeschlossen, könnte ich höchstens in Versuchung gebracht werden, weitere 30 bis 50 Seiten zu lesen, sprich eine weitere Kurzgeschichte. Ich komme also nicht in die heikle Situation, dass ich mich unter der Woche mit einem dicken Wälzer von 400 Seiten aufwärts ins Bett lege, nicht aufhören kann zu lesen und am kommenden Tag selbst ein dreifacher Espresso kläglich versagt. Kurzgeschichten schützen mich vor extremen Augenringen.

Deswegen habe ich mich auch sehr auf den Kurzgeschichten-Band von Joshua Ferris gefreut, der bisher vor allem mit seinen Romanen „Wir waren unsterblich“ oder auch „Mein fremdes Leben“ auf sich aufmerksam machte. Für Ferris ist es der erste Band dieser Art und das merkt man ihm deutlich an. Nicht in dem Sinne, dass ihm die kürzeren Prosa-Formen nicht liegen, sondern in dem Sinne, dass er sich hier speziell auf eine Art und Weise austoben und eine Experimentierfreude an den Tag legen kann, die auch seine Leserschaft erfreut. So genießt der Schriftsteller es, innere Monologe einzubauen oder aber zwischen verschiedenen Szenarien hin und her zu springen, um eine Form von „Was wäre wenn“-Gedanke zu provozieren.

Im Zentrum seiner Kurzgeschichten stehen Männer, die allesamt ganz unterschiedlich sind und auf ihre ganz eigene Art und Weise alltägliche Krisen zu bewältigen haben. Wobei mindestens eine auch eher in den existenziellen Bereich hineinragt. Denn da hätten wir beispielsweise Arty, dessen Frau kurz nach dem gemeinsamen Umzug nach Florida verstorben ist und ihren nun im Ruhestand befindenden Witwer vereinsamt zurückgelassen hat. Arty ist nicht nur einsam, sondern leidet auf Grund seines Alters auch an einer Bandbreite von Gebrechen. Seine Kinder und Enkelkinder sind für seine Sorgen und Nöte nicht mehr besonders empfänglich, denn auch wenn sie ihn offenkundig lieben, leben sie ihre eigenen Leben. Zu seinem Geburtstag wollte sich Arty eigentlich nur eine Pizza bestellen, von einem guten Freund bekommt er jedoch eine Prostituierte geschenkt, die sein Leben gehörig auf den Kopf stellt…

An anderer Stelle haben wir den von den Freunden seiner Frau genervten Mann, der einem schier unerträglichen Abend entgegensieht. Er weiß auch schon vorab bereits ganz genau, wie der Abend verlaufen wird. Angefangen beim Bussi-Austausch bis hin zu den angeblich brisanten Neuigkeiten, die das befreundete Paar auf Lager hat, die allerdings niemals die geschürten Erwartungen erfüllen. Aber genau an diesem Abend, an dem Schriftsteller Ferris das Geschehen einfangen will, kommt das befreundete Pärchen einfach nicht. Und für den Mann kommt auch noch alles völlig anders, als er es erahnt hatte.

Leonard hingegen, Protagonist einer anderen Kurzgeschichte, kämpft verzweifelt mit seinen eigenen Unsicherheiten. Er ist als Drehbuch-Autor in Los Angeles tätig, aber noch eines von den ganz kleinen Sternchen. Sein Hauptaugenmerk liegt derzeit noch auf produktionsgünstigen Deo-Werbespots. Und auf einer Pilot-Folge, an der er selbst arbeitet. Als er zu einer absoluten Promi-Party eingeladen wird, überfluten ihn die Selbstzweifel, und Leonard weiß gar nicht, ob er überhaupt hingehen soll. Er zweifelt so sehr an sich, dass er sogar glaubt, dass die Einladung nur versehentlich zu ihm gelang. Ob er sich schlussendlich doch für den Besuch der Party entscheidet und ob das denn auch eine gute Idee wäre, lasse ich an dieser Stelle mal offen.

Nun heißt Ferris‘ Bündel an Kurzgeschichten „Männer, die sich schlecht benehmen“, aber irgendwie sind diese größtenteils einfach nur menschlich, genau wie ihre weiblichen Konterparts. Und irgendwie wird man auch nicht das Gefühl los, dass es sich bei all diesen Fällen nicht um rein männliche Probleme handelt, sondern um ganz einfach menschliche Probleme, die jeder von uns kennt. Das zeigt sich vor allem in der Darstellung der einzelnen Figuren, die nämlich keineswegs nur an der Oberfläche bleibt.

Mit „Männer, die sich schlecht benehmen“ ist Joshua Ferris auf alle Fälle ein unterhaltsamer Kurzgeschichten-Band gelungen, der einen kritischen wie auch satirischen Blick auf den „modernen Mann von heute“ wirft. Dieser kann, so zeigt uns Ferris, überall sein und überall eben auch dieselben Wehwehchen und Plagen mit sich herumschleppen. Ganz unabhängig von Alter, Vermögen oder Job. Vor dem Menschsein ist man eben nirgends sicher.

Joshua Ferris: „Männer, die sich schlecht benehmen“, 288 Seiten, Luchterhand, ISBN-13: 978-3630875606, 20 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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(Foto: Susanne Viktoria Haupt)

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