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„Keep some room in your heart for the unimaginable“

Seitenansicht Spezial: Die Dichterin Mary Oliver

Mit „New and Selected Poems“ gewann Mary Oliver 1992 den National Book Award

„You do not have to be good. You do not have to walk on your knees for a hundred miles through the desert, repenting“. So beginnt eines der bekanntesten Gedichte von Mary Oliver, „Wild Geese“. Gegen Ende des Gedicht heißt es: „Whoever you are, no matter how lonely, the world offers itself to your imagination, calls to you like the wild geese, harsh and exciting – over and over announcing your place in the family of things“. Ein Banause mag nun meinen, dass es sich hier um sehr simple Aussagen handle, die wenig Tiefe besitzen. Wer aber auch nur ein wenig Ahnung vom geschriebenen Wort hat, der weiß, dass vor allem vermeintlich simple Zeilen sehr schwer zu verfassen sind. Und dass „Wild Geese“ gerade darin seine Kraft entwickelt, dass es ein Gefühl anspricht, eine Sehnsucht, die viele Menschen in sich tragen. Daran ist nichts banal, daran ist nichts einfach.

Am 17. Januar diesen Jahres ist Mary Oliver nach langer Krankheit im Alter von 83 Jahren verstorben und die literarische Welt trauert um ihre wohl größte zeitgenössische Dichterin. Und Oliver hat mit ihren Werken tatsächlich einige außergewöhnliche Meilensteine erreicht. Zu Schreiben begann die Amerikanerin mit 14 Jahren, aber erst im Alter von 28 Jahren veröffentlichte sie ihren ersten Lyrik-Band „No Voyage and other Poems“. Mit ihrem „American Primitive“ gewann sie schlussendlich 1984 sogar den Pulitzer Prize und mit „New and Selected Poems“ 1992 den National Book Award. Ihre Werke sind Inspiration für zahlreiche Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Darunter Größen wie beispielsweise Neil Gaiman.

Dass Oliver sich nicht nur in Form von Lyrik ausdrücken könnte, stellte sie ebenfalls mehrfach unter Beweis. Beispielsweise in ihren Kommentaren zu den Arbeiten ihrer 2005 verstorbenen Lebensgefährtin, der Fotografin Molly Malone Cook. Nachdem Cook verstarb, ging Oliver etliche Fotografien von ihr durch und stellte für ein Buch eine Auswahl zusammen. Für dieses Buch, „Our World“, verfasste Oliver mehrere Texte in Erinnerung an die Liebe ihres Lebens. Eine Liebe, die über 40 Jahre Bestand hatte. In „Blue Pastures“ sammelte Mary Oliver 1995 fünfzehn Essays, die sich Themen wie dem Schreiben selbst und auch der Natur widmen. Ihr unglaubliches Talent beschränkte sich also ganz und gar nicht nur auf Lyrik.

Aber auch, wenn wir mit Mary Oliver eine wichtige und außergewöhnliche Autorin verloren haben, ist es doch ein Trost, dass sich Oliver selbst einen wohl wichtigen Wunsch erfüllen konnte. Ihr Gedicht „When Death comes“ schloss sie mit folgenden Worten ab: „I don’t want to end up simply having visited this world“. Ruhigen Gewissens kann ich sagen, dass das nicht der Fall war. Ruhigen Gewissens kann ich sagen, dass die Werke von Mary Oliver auch noch in hundert Jahren gelesen und inspirieren werden.

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

(Foto: Buchcover)

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