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Volle Lotte dampfkuren mit Captain Planet

Fünf Jahre Kur-Konzerte. Ein persönlicher Rückblick auf Tag eins des Jubiläums-Festivals und ein Gespräch mit den wohl sympathischsten Planeten-Kapitänen Deutschlands

Es war Freitagabend vor zwei Wochen, der achte Januar. Während die ersten Gäste auf dem Kurknall-Festival bereits genüsslich ihr Feierabendbier schlürften, um auf das fünfjährige Jubiläum der Kur-Konzertreihe anzustoßen, stand mir der Schnee aufgrund der arktischen Außentemperaturen noch randhoch in den Schuhen. So hatte ich das Gefühl, dass im altehrwürdigen Béi Chéz Heinz das Schwitzen an diesem Abend definitiv unmöglich sei. Und zunächst fing es ja auch sehr übersichtlich an, als Henry Parker mit seinen folklastigen Songs in der Schnittmenge von Bob Dylan, Johnny Cash und Simon & Garfunkel die ersten Pärchen zum Knutschen verführte. „Schön ruhig“, dachte man da, aber weit gefehlt: Bereits im direkten Anschluss brachten die Indie-Pop-Punker Matula mit ihren Schrammel-Orgien und intelligenten Mitgröhl-Refrains das vereiste Publikum in Sekundenschnelle zum Schmelzen. Einer heißen Party stand also nichts mehr im Wege…

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Samtiger Anheizer: Henry Parker in Aktion

Vor die Kür des uneingeschränkten Amusements hat aber auch der Punkrock-Gott die Pflicht gesetzt. Und so galt es für die Verfasserin dieser Zeilen sich erst einmal einem sympathischen Arbeitsauftrag in journalistischer Hinsicht zu widmen: einem ausgiebigen Acht-Augengespräch mit den Hamburger Emo-Punkern Captain Planet. Ende Oktober 2009 brachten die vier Jungs von der Waterkant ihr zweites Album „Inselwissen“ heraus und das galt als einer der absoluten Szene-Erfolge des letzten Jahres. Zeit also, den Kapitänen, die übrigens schon ganze fünf Male in der Leinehafen-Metropole Hannover zu Gast waren, auf den berühmt berüchtigten Haifisch-Zahn zu fühlen.

Schön schufften im Zeichen der Reibung

Zwei Jahre haben Captain Planet an ihrem aktuellen Album geschufftet und getüftelt, wobei die eigentliche Arbeit dann doch erst im Studio vonstatten gegangen ist, führen die sympathischen Indie-Punker aus. Erst dort wurde richtig an den Texten und am Sound gefeilt, immer mit der Maßgabe im Hinterkopf, nicht „zu clean“ zu klingen, denn man wollte durchaus „unverwechselbar“ und eigen bleiben. So, wie die Songtexte mit ihren facetten- und interpretationsreichen Sprachbildern aus der Feder von Sänger Arne. Texte, die bei genauerem Hinhören wegen ihrer Ernsthaftigkeit anfangs so gar nicht zur tanzbaren, Party atmenden Musik von Captain Planet passen wollen. Aber genau auf diese Reibung haben es die Musiker abgesehen: Schwere Texte zu unerwartet beschwingter Musik sind spätestens seit „Inselwissen“ ihr Markenzeichen.

Backstage: Captain Planet

Relaxed beim Interview: Captain Planet backstage

Live auf der Bühne sind Captain Planet immer für eine Überraschung gut. Dabei steht die Gitarrenlastigkeit der Songs klar im Vordergrund, wobei die Texte gleichbereichtigt auch alleine funktionieren müssen. „Man muss sich den Text auch mal durchlesen können als eigenständiges Werk“, betont Frontmann Arne, denn schließlich erzählen sie „immer auch persönliche Dinge, Passagen aus dem eigenen Leben“. Und wenngleich für das Textwerk und die Inhalte vornehmlich der Sänger verantwortlich zeichnet, entscheidet schließlich doch die gesamte Band durch ein – wie die Musiker sagen – „knallhartes Ausscheidungsverfahren“, musikalisch, wie textlich. Ohne eine bestimmte Zielgruppe während der Produktion fest im Auge zu haben, zähle dabei nur ein wichtiger Gesichtspunkt: Gefühle zu transportieren, die Nerven treffen und auf Resonanz stoßen.

Drei, zwei, eins – (Kur-)Knall

Und im Anschluss bewiesen Captain Planet das Gesagte auch live – sie ließen es richtig knallen. Gemeinsam mit dem Publikum natürlich, wie es sich für einen echten Haupt-Act gehört. Nachdem Telemark und Inner Conflict bereits wild und ungestüm als grandiose Stimmungs-Eisbrecher durch das Publikum gepflügt waren, stürmten schließlich die Planeten-Kapitäne die Bühne und man hatte glatt das Gefühl, als seien noch mindestens 50 neue Besucher eigens zu ihren Ehren gekommen. Platz war vor der Bühne jedenfalls keiner mehr zu finden. Und so raste das Kurknall-Festival unweigerlich seinem wohlverdienten, ersten Höhepunkt in Punkrock und Emotionen entgegen. Schließlich stand allen Beteiligten – Musikern, Veranstaltern und Publikum – gemeinsam der Schweiß auf der Stirn und ein wohlverdient glücklich erschöpftes Lächeln im Gesicht.

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Voll konzentriert auf den Punkt: Captain Planet live

Und obwohl ich ja gerne am folgenden Samstagabend auch noch zur zweiten Runde Kurknall gegangen wäre, musste ich daheim erst einmal ausgiebig meine Wunden lecken. Nennt mich mit meinen 24 Lenzen ruhig alt, aber nach diesem Festival-Auftakt war ich mehrere Stunden damit beschäftigt, rund 30 verschiedene Schweißsorten von meinem Körper zu waschen und meine Gliedmaßen wieder an die richtige Stelle zu rücken und renken. So schön war’s. Und auch, wenn es für mich „nur“ der Freitag war, so bezweifle ich doch stark, dass man nach diesem gesamten Wochenende noch Schnee um das Béi Chéz Heinz gesichtet hat. So heiß kann Winter sein…

(Fotos: Susanne Haupt)

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