Lorenz Varga
31. Januar 2019

Der brennende Hunger in mir

In der Cumberland ist heute die erste theatrale Bearbeitung von Deborah Feldmans autobiografischem Roman „Unorthodox“ zu sehen

Das religiöse Gefängnis von Devoiri gerät ins Wanken: Susana Fernandes Genebra und Lena Sophie Vix in „Unorthodox“

Devoiri wächst im New Yorker Stadtteil Williamsburg auf. Dieser Teil Brooklyns ist geprägt von der streng orthodoxen Satmar-Gemeinde. Der Kitt des Zusammenhalts ist die Abgrenzung gegen die Ungläubigen, und das ist fast jeder und alles, was nicht zur Gemeinde gehört, einschließlich der englischen Sprache – und das in New York! Die religiösen Zwänge treffen, wie fast immer, Frauen besonders hart. Deren Leben ist vorgezeichnet. Sie sollen unterwürfige, demütige Gebärmaschinen werden, Haushalt und Kinder statt Bildung und Beruf. Doch Devoiri ist anders. Schon früh spürt sie diesen brennenden Hunger nach mehr.

Da ist ein Leben außerhalb der Engstirnigkeit ihrer Gemeinde, das Devoiri kennenlernen will. Heimlich leiht sie sich Bücher, die sie zu Hause verstecken muss. Die Wunder, die ihre Roman-Heldinnen erfahren, möchte sie auch für sich. Aber wie den Abhängigkeiten entkommen? Der arrangierten Ehe mit Eli, den sie bis zur Hochzeit kaum je zu Gesicht bekommen hat, folgt die Geburt eines Sohnes. Die Ehe, die eine Befreiung hätte sein sollen, wird zu einem noch größeren Gefängnis. Schließlich wird die Literatur ihr Ticket in die Freiheit. Heimlich nimmt Devoiri ein Literatur-Studium auf und beginnt einen Blog zu schreiben, der ihr den Vertrag einbringt, die Memoiren jener Devoiri aufzuschreiben, die es danach nicht mehr geben wird. Das Buch werden ihre letzten Worte sein…

Deborah Feldmans autobiografischer Roman „Unorthodox“ schlug in der New Yorker Satmar-Gemeinde ein wie eine Bombe, zeigte er doch die Emanzipation einer jungen Frau von einer rigiden religiösen Unterwerfungskulter. Als der Roman 2012 erschien, errang er sehr schnell höchste Popularität. Das war wohl auch den heftigen Gegenreaktionen ultraorthodoxer Juden geschuldet. Man warf der Autorin Deborah Feldman Lüge vor und fühlte sich blamiert. Die Angriffe gingen bis hin zu Goebbels-Vergleichen. Die große Kränkung bestand aber wahrscheinlich darin, dass hier eine Frau selbstbewusst und selbstbestimmt ihre eigene Geschichte erzählte und damit die Bigotterie dieser patriarchalischen, sektenähnlichen Gemeinde entlarvte. Deborah Feldmann lebt inzwischen mit ihrem Sohn in Berlin. Heute ist die erste theatrale Bearbeitung ihres Bestsellers in der Cumberland zu sehen.

Donnerstag, 31. Januar 2019:
„Unorthodox“, Theaterstück nach dem Roman von Deborah Feldman, Inszenierung von Swantje Möller, Cumberland, Prinzenstraße 9, 30159 Hannover, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 20 Euro

  • weitere Aufführungstermine:
  • Freitag, 8. Februar, 20 Uhr
  • Sonntag, 17. Februar, 20 Uhr
  • Mittwoch, 27. Februar, 20 Uhr
  • Sonntag, 31. März, 20 Uhr

(Foto: Pressefoto/Niedersächsisches Staatstheater/Katrin Ribbe)

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Kategorien: Bühne, Tagestipps

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