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Wenn aus dem Schlimmsten das Beste wird

Seitenansicht: „Süßer Ernst“ von A.L. Kennedy

Der neueste Hit der schottischen Autorin A.L. Kennedy: „Süßer Ernst“, Buchcover

Meg und Jon teilen nicht viel miteinander, aber ein paar wichtige Eckdaten. Beide sind Londoner, beide sind Single, beide sind einsam und nicht glücklich. Ihre Leben verbrachten sie bisher voneinander getrennt. Meg ist trockene Alkoholikern und arbeitet in der Buchhaltung eines Tierheims. Davon wird sie keineswegs reich, aber zumindest verhungert sie so nicht. Jon hingegen ist Öffentlichkeitsmitarbeiter im Ministerium und verdient sehr gut. Davon profitieren allerdings am meisten seine erwachsene Tochter und seine Ex-Frau. Die Politik, die Jon versucht an die Menschen zu bringen, hat er längst über. Nicht nur das, in ihm brodelt ein unaufhaltsamer Hass gegenüber all seinen Vorgesetzten. Dieser Hass ist es dann auch, der ihn dazu bringt, geheime Informationen an die Öffentlichkeit zu bringen. Im Ministerium sucht man verzweifelt nach dem Maulwurf.

Sowohl Meg wie auch Jon haben ihre Taktiken, um mit ihrem schwierigen Leben klarzukommen. Jon bietet mittels Kleinanzeigen tröstende Briefe an, die er selbst verfasst. Meg ist eine der Frauen, die sich auf solch eine Kleinanzeige meldet, fortan bekommt sie Briefe von einem anonymen „Mister August“. Meg empfindet eine ganz besondere Verbindung zum Verfasser und spürt ihn schließlich auf. Doch erst innerhalb jener Zeitspanne, die der Roman von A.L. Kennedy beschreibt, soll es endlich zu einer vielversprechenden Verabredung der beiden kommen. 24 Stunden bleiben Jon und Meg bis zum Treffen, aber bis dahin werden ihre Geduld und ihre Nerven auf eine besonders harte Probe gestellt. Vor dem erhofften schönsten Moment seit langem warten nämlich noch ein paar der schlimmsten Stunden seit langem…

A.L. Kennedy gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen und Schriftstellern Schottlands. Mit „Süßer Ernst“ ist ihr nach den vorherigen großen Erfolgen wie „Day“ oder „All the Rage“ erneut ein Coup gelungen, und auch in ihrem neuen Roman spart sie nicht an ihrem gewohnten Biss. Ihre Figuren fluchen nämlich nicht nur sehr gerne, die Story konzentriert sich nebenbei auch auf weitere Aspekte als nur auf die zarte Liebesgeschichte zwischen Meg und Jon. Schnell entwickelt sich „Süßer Ernst“ auch zu einem Polit- und Großstadt-Roman. Dabei hält Kennedy gekonnt die Balance zwischen den verschiedenen Themenfeldern und wird ihnen, was keinesfalls die Regel ist, gleichermaßen gerecht.

Aber A.L. Kennedy ist nun mal eben auch kein Neuling mehr hinsichtlich der Schriftstellerei und kann neben dem Costa Award bereits auch den Heinrich Heine Award für sich verbuchen. Mit den Jahren hat die nun mittlerweile 53-jährige Schottin in puncto Qualität dann auch keineswegs abgebaut, sondern widmet sich jedem neuen Werk immer noch mit derselben Leidenschaft und Hingabe wie zuvor. Nach über 20 Jahren ist von ihrem Zauber also glücklicherweise nichts verloren gegangen. Kein Wunder also, dass sie sich auch als eine der wenigen an das 24-Stunden-Konzept herantraut, dem sich vorher schon monumentale Größen wie James Joyce gewidmet haben. Wer kann, der kann eben.

A.L. Kennedy: „Süßer Ernst“, 500 Seiten, Hanser Verlag, ISBN-13: 978-3446260023, 28 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

(Foto: Buchcover)

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