Matthias Rohl
26. Januar 2010

Filmgeschichte(n): „Moderne Zeiten“

Der letzte Kreuzzug des Tramp auf der Suche nach dem Glück: über Charles Spencer Chaplins unwiderstehliche Satire

Vorspann: Erbarmungslos tickt eine überdimensionierte Uhr. Davor der Schriftzug: „Modern times. A story of industry, of individual enterprise – humanity crusading in the pursuit of happiness“. Schnitt: Ein Fabrikarbeiter (Charlie Chaplin) schuftet mechanisch am Fließband. Er muss auf jedem der endlos vorbeigleitenden Teilstücke eines unbekannten Produkts zwei Muttern festziehen. Eine Wespe bringt ihn aus dem Takt, was am gesamten Fließband Turbulenz und Chaos auslöst. Er muss als Versuchskaninchen für eine Fütterungsmaschine herhalten, deren einziger Zweck ist, dass die Arbeiter das Fließband auch mittags nicht verlassen. Schließlich hat der Arbeiter einen Nervenzusammenbruch und vollführt ein Amok-Ballett: Er bespritzt die Kollegen mit Schmieröl und setzt seine Schraubenschlüssel auf alles an, was ihn auch nur entfernt an Muttern erinnert – ob die Gesichter seiner Kollegen oder die Knöpfe auf dem Busen einer üppig beleibten Dame.

“Modern Times”, Plakat zum Film

Archetypus voller Anmut und Artistik: Charlie Chaplins Tramp in „Modern Times“, Filmplakat

Nach seiner Genesung und Entlassung aus der Nervenheilanstalt hilft der Arbeiter/Tramp einem Lastwagenfahrer, indem er er eine herabgefallene Warnflagge aufhebt. Weil diese rot ist, schart sich ein Demonstrationszug hinter ihm und folgt dem ahnungslosen „Anführer“. Er landet im Zuchthaus, bewährt sich durch gute Führung und verhindert einen Ausbruch seiner Mithäftlinge. Trotz seiner Proteste – er möchte am liebsten in seiner Zelle bleiben, da ihm in Freiheit Arbeitslosigkeit und Armut drohen – wird er entlassen. Er begegnet Gamine (Paulette Goddard), einem verwahrlosten, vor Mut strotzenden Waisenmädchen, dessen Vater bei einer Demonstration gegen Arbeitslosigkeit erschossen wurde. Die beiden tricksen die Behörden aus und träumen vom bürgerlichen Glück. Der Tramp jobbt als Nachtwächter in einem Kaufhaus, wird aber wieder ins Gefängnis gesteckt, als seine ehemaligen Fabrik-Kollegen im Kaufhaus einbrechen. Als er entlassen wird, verschafft ihm das Mädchen einen Job als Kellner in jener Gaststätte, in der sie inzwischen als Sängerin auftritt. Plötzlich sieht sich der Held der Geschichte gezwungen, den Tenor des Etablissements zu vertreten und improvisiert einen Kauderwelsch-Song. Als er die letzten Takte singt, erscheinen die Beamten der Fürsorge, um das Mädchen festzunehmen. Die beiden entkommen und wandern Hand in Hand auf einer unbefahrenen Landstraße dem Horizont entgegen…

Die Glut der Verzweiflung

Fast will es uns so scheinen, als hätte sich bereits vor der Wende zum Tonfilm der Genius des Kinos zum ersten Mal in monumentaler Vollständigkeit zu erkennen gegeben. Durch die Fülle seiner komödiantischen Talente und Fähigkeiten steht Charles Spencer Chaplin (1889-1977) wie eine Portalfigur von beinahe mythologischer Strahlkraft am Eingang zur hohen Schule cineastischer Erregungskunst. Im Blick auf seine künstlerische Lebensleistung regt sich der Gedanke, dass alle künftigen Lichtspielspitzen im Wirken eines einzigen Künstlers bereits vorweggenommen waren. Vielleicht darf man soweit gehen, zu sagen, dass niemand in der Geschichte des Kinos so sehr als Pionier und Vollender in Personalunion fungierte wie „Charlie“ Chaplin. Mit seiner anarchischen Figur des Tramp, der allen Widernissen grassierender Armut die stolze Stirn aufbot, hat er einen Archetypus voller Anmut und Artistik ins Werk gesetzt, der bis heute nichts von seiner universellen Faszinationskraft verloren hat.

“Modern Times”, Szenenfoto

Gefangen in der Welt der Maschinen: Der Fabrikarbeiter steht kurz vor dem Nervenzusammenbruch

Für Laurence Olivier war Chaplin „vielleicht der größte Schauspieler aller Zeiten“, während Franz Kafka, dessen kinematographisches Erzählen sich am Expressionismus des frühen Stummfilms formte, über den Zeremonienmeister des proxemisch präzisen Slapsticks notierte: „In seinen Augen qualmt die Glut der Verzweiflung über die Unveränderlichkeit des Niedrigen, doch er kapituliert nicht.“ Und Komiker-Kollege Buster Keaton ließ sich gar zu der höchst surrealen Metapher hinreißen: „Chaplin konnte mehr Substanz in seinen Spazierstock legen, als Elektronen in der Bombe von Hiroshima waren. Er ist der größte Komiker aller Zeiten.“ Wo soviel Superlativ aufkeimt, muss guter Genius walten.

Freie Geister in der Welt der Automaten

Und wie dachte der Meister selbst über sein Werk „Modern Times“ (1936), dass 1998 vom American Film Institute in die Liste der 100 besten amrikanischen Filme aller Zeiten aufgenommen wurde? Als aufschlussreich erweist sich eine Notiz Chaplins zur Charakterisierung der Hauptfiguren, die David Robinson in seiner mustergültigen Biographie „Chaplin. His Life and Art“ zitiert: „Die beiden einzigen lebendigen Geister in einer Welt der Automaten. Sie leben wirklich. Beide besitzen einen ewig jugendlichen Geist und gehorchen keiner Moral … Es gibt keine Romantik in der Beziehung, sind eigentlich zwei Spielgefährten … Sie bestreiten ihren Lebensunterhalt durch Betteln, Borgen, Stehlen. Zwei fröhliche Geister, die sich mehr oder weniger ehrlich durchs Leben schlagen.“ Wurde der Tramp in Chaplins frühen Filmen noch in einer Vorkriegswelt von Unterprivilegierten arg gebeutelt, so ist er nun in „Modern Times“ das Vereinzelungs-Schaf in der Millionen-Herde der Armen, Arbeitslosen und Streikenden.

“Modern Times”, Szenenfoto

Hand in Hand neuen Abenteuern entgegen: Charlie Chaplin und Paulette Goddard in der Schlußsequenz von „Modern Times“

Der Tramp konvertiert zum geistigen Aussteiger und Anarchisten in einer Welt ohne Hoffnung im Überlebenskampf Mensch gegen Maschine. Für alle dies findet Chaplin bisweilen plakative, doch immer treffende Metaphern – das heimliche Kraftzentrum des Films stellt seine Konstruktion als eine Sammlung von Zweiaktern dar, in denen der Tramp, einer Nummern-Revue gleich, seine legendären Auftritte hat. Weniger „organisch“ als seine Langfilme zuvor bewegt sich indes exakt diese narrative Bauform auf Zeitgeist-Augenhöhe. „Modern Times“ bietet uns einige Sequenzen ewig unerreichter Anmut: Der Schraubenschlüssel-Tanz in der Fabrik und das Rollschuh-Ballett im Kaufhaus sind unverwüstliche Slapstick-Klassiker, die auch die nächsten hundert Jahre Filmgeschichte mühelos überdauern werden, denn Charles Spencer Chaplin ist und bleibt, im Licht des Diktums von Alfred Andersch betrachtet, „der zauberischste Komiker, den die Welt jemals gesehen hat.“ Danke, Charlie! Auf Immerwiedersehen. Wir alle gehen – Du weißt, wohin.

nächste Folge:
„Citizen Kane“
Furios und zeitlos: Von der inneren Vereisung durch Erfolg und der Desillusionierung des amerikanischen Traums

(Fotos: Filmstills)

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Kategorien: Film

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