Erkenntnisse über die Zusammenhänge des Lebens
von Christine Meier Samstag, 30. Januar 2010Absolut sehenswert: Haruki Murakamis “Five Spot After Dark” in der Inszenierung des Theaters Fensterzurstadt
Hinter einem Fenster zur Stadt sitzt das Publikum mit Blick auf den Hof der alten Tankstelle. Eine Frau in dickem Mantel und Stiefeln steht draußen auf der Bühne. Sie hat eine Fellmütze auf und hält ein Päckchen in der Hand. Die Szene wirkt surreal in der realen Kulisse. “Allein, am einsamsten und kältesten Ort der Welt”, am Südpol ist sie gelandet. Unglücklich mit dem Eis-Mann neben ihr und einem Eis-Kind unter ihrer Brust. Sie möchte nur noch weinen, aber selbst ihre Tränen werden zu Eis. Nichts, woran sie sich festhalten kann - das lässt sie fürchten, durch einen Windstoß bis ans Ende der Welt geweht zu werden.

Wie eine Komposition mit berührend poetischen Dialogen: “Five Spot After Dark”, Szenenfoto
Pappflugzeuge an Holzstiehlen “fliegen” vor dem Fenster vorbei. Auf der Straße vor den Mauern des Theaters spaziert eine Frau mit einer kleinen Lampe in der Hand, geht suchend von Haus zu Haus, bis sie in den Hof findet, zu dem mittlerweile einsamen Eis-Mann. Er erzählt ihr eine Geschichte über das 100-prozentige Mädchen und überlässt ihr ein geheimnisvolles Päckchen, als er geht. Das Päckchen wird zum roten Faden in “Five Spot After Dark”, dem aktuellen Stück des Theaters Fensterzurstadt nach Texten von Haruki Murakami, es wandert von einer Person zur nächsten. Aber was ist drin? Im Innern des Päckchens - im Innern jeder der vorgestellten Personen? Denn darum geht es: um Träume und Erinnerungen, Erwartungen, Hoffnung und Enttäuschung. Alltägliches wechselt scheinbar unvermittelt ins Absurde.
Alles eine Frage der Vorstellungskraft
Inszeniert wurde das Stück von Ruth Rutkowski und Carsten Hentrich. Die Figuren zeigen und erzählen Geschichten, berichten von Erinnerungen und erzeugen sie. “Alles ist eine Frage der Vorstellungskraft”, wie über der Tür zum Saal, in den das Publikum zum zweiten Teil geführt wird, zu lesen steht. So ist dieses Stück wie eine wunderbare Reise in eine fremde und doch vertraute Welt: von der Realität in die Phantasie, “zum Südpol, auf den Meeresboden und wieder zurück”. Mal ist das Publikum nah am Geschehen, mal weit weg, phantastische Bilder erzeugen Illusion und zuweilen auch Verwirrung. Ausgeschüttete Spaghetti werden zum Strand, indem der Schrift-Steller ein Schild davor stellt, man hört von imitierten Elefanten, die in einer Fabrik entstehen, und Katzen berichten von unmenschlicher Behandlung.
Norman Grotegut, Stefanie Mrachacz, Carsten Hentrich und Alexandra Faruga spielen derart überzeugend, dass das Stück nie kitschig oder langweilig, sondern immer fesselnd bleibt, egal, ob komisch oder anrührend. Und weil alles irgendwie miteinander verknüpft ist, spielt auch die Musik aus Jazz, Pop und klassischen Stücken, live auf Cello, Kontrabass und gesanglich dargeboten, eine große atmosphärische Rolle. Sie unterstreicht das Geschehen, bekräftigt Bilder und Sprache. Wie eine Komposition, ein Lied mit berührend poetischen Dialogen. Traum und Wirklichkeit verwischen, wie Gefühl und Wahrnehmung. Menschen stolpern im alltäglichen Leben über Merkwürdigkeiten, die sie kurz aufhorchen lassen, in ihre fadenscheinige Realität greifen und ihnen, wenn sie sich auf die Reflexion einlassen, zu Erkenntnissen über die Zusammenhänge ihres Lebens verhelfen. Großartig umgesetzt und inszeniert. Absolut sehenswert!
“Five Spot After Dark”
Szenische Collage nach Texten von Haruki Murakami
Theater Fensterzurstadt
Alte Tankstelle, Striehlstrasse 14, 30159 Hannover
Eintritt: 12 Euro, ermäßigt: 8 Euro
- nächste Vorstellungen:
- Samstag, 30. Januar, 20 Uhr
- Mittwoch, 10. Februar, 20 Uhr
- Donnerstag, 11. Februar, 20 Uhr
- Samstag, 13. Februar, 20 Uhr
- Mittwoch, 17. Februar, 20 Uhr
- Donnerstag, 18. Februar, 20 Uhr
weiterlesen:
“Japanische Kampftheater-Spiele” - Ankündigung zum Stück
(Foto: Klaus Fleige)
Rubrik: Bühne
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