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Das Unglück des Einzelnen

Seitenansicht: „Ein liebendes, treues Tier“ von Josephine Rowe

Poesie in aller Tristesse: Josephine Rowes „Ein liebendes, treues Tier“, Buchcover

Es gibt durchaus die Theorie, dass sich traumatische Erlebnisse eines Elternteils auf die eigenen Kinder auswirken können. Wie ein düsterer Schleier hängt die Vergangenheit der Eltern über dem eigenen Leben und bestimmt teilweise sogar das gesamte Dasein der Familie. So auch im Falle von Ruby und ihrer Familie. Ihr Vater hat im Vietnam-Krieg gekämpft und auch, wenn das nun mehr als zwanzig Jahre her ist, verfolgen ihn die traumatischen Dämonen aus dieser Zeit.

Seit Ruby und ihre ältere Schwester Lani denken können, wird das Familienleben von dem Trauma des Vaters bestimmt. Sie kennen es gar nicht anders. Nur ihre Mutter erinnert sich noch an ein Leben vor dem Ganzen und zerbricht immer mehr an den Strapazen. Lani sucht sich ihre eigenen Wege, um aus der Lage herauszukommen und verkauft die Sedativa ihres Vaters auf Partys. Ihr Bruder Les schlägt hingegen grausame Wege ein, um dem Kriegsdienst zu entgehen – und damit der potentiellen Gefahr, wie sein Vater zu werden. Als der Familienhund, das liebende und treue Tier, von einem Wildtier getötet wird, verschwindet der Vater spurlos. Nur Ruby scheint Hoffnung auf ein anderes und besseres Leben zu finden, als sie sich verliebt. Und auf diese Weise lernt sie, dass eine Familie auch ganz anders sein kann…

Josephine Rowe stellt mit ihrem Debüt „Ein liebendes, treues Tier“ ernsthafte Fragen nach Schuld und Auswirkungen von Traumas und zeigt gleichzeitig, wie weit die Wellen in diesem Falle schlagen können. Wie sehr sind wir an unser vermeintliches Schicksal gebunden und gibt es überhaupt eins? Kann sich eine Familie davon befreien, und auf welchen Wegen kann das geschehen? Trotz aller Tristesse der Handlung schafft die junge australische Autorin es aber, eine Poesie herzustellen, die ihrer Leserschaft unter die Haut zu fahren vermag.

In Australien und Nordamerika gehört die aus Queensland stammende Schriftstellerin bereits zu den ganz großen neuen Stimmen. Ihre Prosa fand bisher schon bei der Paris Review und bei McSweeney’s einen Platz. „Ein liebendes, treues Tier“ ist ein grandioses Debüt über eine Familie im Australien der 1990er-Jahre, das sowohl inhaltlich wie auch erzählerisch sich nicht nur gut ins Programm des Liebeskind-Verlags einfügt, sondern eine echte Bereicherung für den deutschen Buchmarkt darstellt.

Josephine Rowe: „Ein liebendes, treues Tier“, 208 Seiten, Liebeskind Verlag, ISBN-13: 978-3954380985, 20 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

(Foto: Buchcover)

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