Susanne Viktoria Haupt
3. März 2019

Die Erinnerung ist ein Gewinn

Begleitend zur Ausstellung „Spuren der NS-Verfolgung“ liest Marie Dettmar heute im Museum August Kestner einschlägige Texte

Leiht heute unter anderem Hannah Arendt ihre Stimme: die literarische Komponistin und Rezitatorin Marie Dettmar

Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann erklärte in ihrer Publikation „Der lange Schatten der Vergangenheit“ die Theorie des „Mich-Gedächtnisses“. Das „Ich-Gedächtnis“ ist simpel zu erklären. Es entsteht einfach in diesem Moment, in dem wir uns durch eigene Gedanken an etwas erinnern. Das „Mich-Gedächtnis“ hingegen ist jene Funktion, in der wir von außen an etwas erinnert werden. An dieser Stelle sind nicht Menschen gemeint, sondern Objekte und Orte, die Erinnerungen in uns hervorrufen. Funktionieren tut das Ganze, in dem wir in dem Moment, in dem wir eine Erinnerung schaffen, genau jene zweiteilen. Ein Teil verbleibt in uns, ein anderer verbleibt an dem Ort oder in dem Objekt, um das es geht. So werden diese Objekte und Orte zu Erinnerungsträgern, zu externen Speichermedien gewissermaßen. Es steckt also doch einiges mehr hinter dem kleinen Schmuckkästchen, dass man seit seiner Kindheit aufgehoben hat. Raubt man einem diese Schätze, raubt man demnach auch einen Teil unserer Erinnerungen.

Zu Zeiten des Dritten Reichs wurden Millionen von Jüdinnen und Juden ihres Hab und Guts beraubt. Man enteignete sie, lies ihnen wenn überhaupt das Nötigste. Wertgegenstände waren dabei völlig ausgeschlossen. 1998 wurde die Washingtoner Erklärung verabschiedet. Ihr Inhalt war, dass man die Provenienzen aller in der Zeit des Nationalsozialismus geraubten Güter ausfindig machen, die Erben informieren und sich fair über den weiteren Vorgang einigen würde. Anlässlich des 20. Jahrestag eröffnete das Museum August Kestner die Ausstellung „Spuren der NS-Verfolgung“. Dort werden 69 Objekte aus dem Stadtarchiv gezeigt, an denen seit 2008 hinsichtlich ihrer Herkunft geforscht wird. Im Rahmen dieser Ausstellung liest heute die literarische Komponistin und Rezitatorin Marie Dettmar Texte von Hannah Arendt, Erich Fried, Ralph Giordano, Theodor Lessing, Primo Levi, Hilde Rubinstein, Nelly Sachs und anderen, um die Erinnerung wachzuhalten.

Sonntag, 3. März 2019:
„… alles kommt noch einmal zur Sprache“, ausgewählt und vorgetragen von Marie Dettmar, Museum August Kestner, Trammplatz 3, 30159 Hannover, Beginn: 15 Uhr, Eintritt: 5 Euro, ermäßigt: 4 Euro

  • Die Ausstellung „Spuren der NS-Verfolgung“ ist noch bis zum 16. Juni 2019 zu sehen
  • Öffnungszeiten: Mi 11-20 Uhr, Di und Do bis So 11-18 Uhr, Mo geschlossen

(Foto: Pressefoto/Museum August Kestner/LHH)

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Kategorien: Kunst, Literatur, Tagestipps

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